Gangelt - Wie die Welt langsam im Dunkel versinkt

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Wie die Welt langsam im Dunkel versinkt

Von: Laura Beemelmanns
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Arno Paul verzichtet gerne auf den Blindenstock und geht lieber mit seinem Hund Rocky durch die Stadt. Tag für Tag bestreiten die beiden den Weg zu Pauls Arbeitsstelle. Foto: Laura Beemelmanns

Gangelt. Vor 27 Jahren, am Donnerstag auf den Tag genau, war Arno Paul (46) mit seinem Opel Kadett unterwegs. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn scherte ein schwerer BMW zum Überholen aus. Der Wagen war schnell, viel größer als der von Arno Paul – die beiden Fahrzeuge prallten frontal zusammen.

Heute ist Arno Paul blind. Er kann nur noch den Unterschied zwischen hell und dunkel erkennen. Aber er hat überlebt. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ein schmuckes Haus, er führt ein beinahe ganz normales Leben. Heute, sagt er, habe er mit den Folgen des 6. Juni Frieden geschlossen.

Der 6. Juni ist auch der Tag der Sehbehinderten. Er wurde 1998 vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) ins Leben gerufen. Eine offizielle Zahl, wie viele Menschen hierzulande tatsächlich sehbehindert sind, gibt es nicht, denn eine empirische Zählung ist bislang nicht erfolgt. In seinem Artikel „Doch die nicht sehen, zählt man nicht“ hat der blinde Historiker Dr. Hartmut Mehls bereits im Jahr 2002 darauf hingewiesen. Letztlich ist es eh nicht von übergeordneter Bedeutung, wie viele Menschen betroffen sind, wichtig ist, ihnen Gehör zu schenken – und das nicht nur heute.

Der Tag, an dem die Welt von Arno Paul in der Dunkelheit versank, liegt irgendwo im Jahr 1993. Genau kann man ihn nicht datieren. Nach dem schweren Verkehrsunfall war Paul zunächst nicht vollends erblindet. Er lag lange Zeit im Krankenhaus, die Ärzte versuchten, sein Augenlicht zu retten. Aber mit den Jahren sollte sein Sehvermögen gänzlich verschwinden. „Es war ein schleichender Prozess“, sagt der 46-Jährige, und: „Es war die schlimmste Zeit“ – die Zeit zwischen Hoffnung und bitterer Erkenntnis. Dieser Prozess beinhaltete nicht nur das Blindwerden an sich, sondern auch, dass Paul lernen musste, sein neues Leben anzunehmen. „Es war nicht immer einfach, auf einmal behindert zu sein. Ich habe mich geschämt, mit dem weißen Stock durch die Stadt zu gehen“, sagt Paul.

Aber er nahm sein Schicksal an – mit der Zeit. Paul schulte um. Vom Straßenbauer zum Physiotherapeuten und arbeitet seit 1989 in den Gangelter Einrichtungen.

In der, wie er sagt, schlimmsten Phase der Erblindung, lernte er seine Frau kennen, baute ein Haus in Gangelt, wurde Vater. Seinen Sohn habe er noch schemenhaft gesehen, seine Tochter nicht. Er erfühlt sie, hört sie. „Das Umfeld hat gepasst. Meine Familie, meine Frau, der Freundeskreis und Kollegen haben einen Rahmen geschaffen, in dem es sich auch als Behinderter gut leben lässt“, sagt er.

Auch wenn es für ihn eine schwierige Lebensphase war, in der er nicht mehr mal eben ins Auto steigen konnte, in der er sich nicht mehr auf Anhieb in fremder Umgebung zurechtfand, in der er sich den Weg durch die Innenstadt erst erfühlen und seinen damaligen Beruf aufgeben musste, so kann er sein Leben heute wieder in vollen Zügen genießen.

Paul fährt mit seinem Sohn zum Beispiel zu jedem Heimspiel der Borussia Mönchengladbach. Dort gibt es kommentierte Blindenplätze. Dadurch kann er sich das, was auf dem Spielfeld passiert, sehr gut vorstellen. Und Menschen, denen er begegnet, versucht er sich so genau wie möglich vorzustellen: wie sie sitzen, wie sie gestikulieren, wie sie aussehen.

Hilfen im Alltag

„Jeder Mensch hat ein gewisses Potenzial an Aufmerksamkeit. Sehen braucht beispielsweise viel Aufmerksamkeit“, sagt Paul. Dadurch, dass er blind ist, kann er nicht unbedingt besser hören oder intensiver fühlen, wie man es vermuten könnte, aber er ist sehr konzentriert. „Als Blinder ist man in einer neuen Welt“, sagt er. Er müsse beispielsweise aufpassen, dass er den Kopf nicht senkt und dass er ihn immer in die Richtung dreht, in der sein Gegenüber steht. Paul sagt, dass man sonst schnell wie ein Behinderter aussehen würde. Das wolle er nicht.

Er nutzt auch viele technische Hilfen, die ihm das Leben erleichtern. Sei es ein PC oder Smartphone mit Sprachsteuerung oder eine Messschablone für Geldscheine. Auch sein Blindenhund Rocky ist eine große Hilfe. Seine Frau schaut hin und wieder auf die Kleidung, die er sich aus dem Schrank holt. Aber hilflos fühlt er sich nicht. Wut oder gar Hass auf den BMW-Fahrer, diesen einen 6. Juni, den Unfall oder sein Schicksal hat er nicht. Nicht mehr.

Heute kommt Arno Paul von einer einwöchigen Tandem-Tour zurück. Mit einer Gruppe Hastenrather Radfahrfans begibt er sich auf Touren auf den Grenzen Deutschlands – insgesamt fünf Jahre nehmen sie sich dafür Zeit, um Deutschland einmal zu umrunden. Durch den Unfall musste Paul auf viel Mobilität verzichten, die holt er sich auf diese Weise zurück.

„Man kommt in eine neue Welt ohne visuelle Reize und fixe Punkte“, versucht Paul die Blindheit zu beschreiben. Dennoch seinen Weg zu finden und sein Leben zu meistern, darin geht Arno Paul als gutes Beispiel voran.

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