Übach-Palenberg - Verschwundene Dörfer: Finkenrath und Nivelstein sind unvergessen

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Verschwundene Dörfer: Finkenrath und Nivelstein sind unvergessen

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Übach-Palenberg. Als der Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz sein Veranstaltungsprogramm für das Jahr 2011 plante, sollten auch die so genannten „vergessenen Dörfer” Finkenrath und Nivelstein Erwähnung finden. Es wurden ein Dia-Vortrag und eine Ortsbesichtigung ins Programm aufgenommen.

Für beide Veranstaltungen konnte der VDL Oswald Ortmanns als Buchautor und jahrzehntelangen Heimatforscher aus Herzogenrath gewinnen. Bereits der Dia-Vortrag im April mit über 80 Zuhörern hatte gezeigt, dass die vergessenen Dörfer in der Erinnerung der hiesigen Bevölkerung sehr lebendig sind.

Erstaunen bei den Verantwortlichen im VDL löste das Interesse im Vorfeld der örtlichen Besichtigungen aus. Über 50 Personen hatten sich angemeldet, bei schönem Sommerwetter nahmen auch viele nicht angemeldete Geschichtsfreunde teil. Erfreut war man im Verein über die große Anzahl niederländischer Teilnehmer. Oswald Ortmanns verstand es meisterhaft, allen Teilnehmern die Orte anhand von Fotos und Bildmaterial zu vermitteln.

Die Bahnlinie als ehemalige Staatsgrenze war ein wichtiger Orientierungspunkt. Die ehemalige Dorfstraße ist der heutige Rad- und Wanderweg. Wenn auch keine Mauern der alten Ortschaften zu sehen sind, so war es doch anhand von Fotos möglich, sich den Ort vorzustellen. Lebhaft wurde es bei den Teilnehmern, wenn es um das Alltagsleben der früheren Bewohner ging. Besonders beim Thema Schmuggel konnten viele Teilnehmer Geschichten beitragen.

Gewaltige Gebäudeschäden

Das Ende des Ortes Finkenrath kam in den 60er Jahren durch die Steinkohlenzeche Julia. Ständige Bergschäden durch den Raubabbau unter Tage ließ die Erdoberfläche um viele Meter sinken. Die alten Häuser hielten diesen Belastungen nicht mehr stand und hatten gewaltige Gebäudeschäden.

Mit guten Abfindungen konnten die Bewohner in den Niederlanden oder zurück in Deutschland sich eine neue Heimat suchen. Fast alle Bewohner des Ortes siedelten sich in der Nähe ihrer alten Heimat an. Ihre alten Häuser wurden abgerissen, die Natur eroberte sich ihren Platz zurück.

Der neu errichtete Gedenkstein, es ist ein Sandsteinfindling aus den Nivelsteiner Sandsteinwerken, steht am Ende der Ortschaft Finkenrath.

Nach einem teilschattigen Fußweg an der Wurm entlang erreichte man die kleine Holzbrücke über der Wurm. Sie verbindet die Niederlande mit Deutschland und trägt den Namen „Anna Nöhlen-Brücke”. Hier befand sich bis zum Ende des Krieges, Oktober 1944, die Ortschaft Nivelstein. Die Ortschaft bestand aus wenigen Häusern und einer großen Mühle, die räumlich eng zusammen lagen. Die starke Kriegszerstörung von Nivelstein und der totale Abriss durch die Alliierten, sie brauchten Untergrund für Geschützstellungen und den Straßenbau, war das Ende von Nivelstein.

Man baute den Ort nach dem Krieg nicht wieder auf. Die Nähe der Wurm, die unmittelbare Staatsgrenze, aber auch die schlechte Verkehrsanbindung, gaben den Ausschlag.

Die heutige Fußgängerbrücke trägt den Namen einer mutigen Frau, Anna Nöhlen. „Sie wohnte in Finkenrath in unmittelbarer Nähe zur Grenze und verhalf in der NS-Zeit Juden zur Flucht. Oft wurden die Flüchtenden im Hotel Ernst in Palenberg von ihr abgeholt, sogar Unterkunft im eigenen Haus gewährte sie ihnen.

Anna Nöhlen, eine tapfere Frau

Als ihre Tätigkeit der Staatsmacht bekannt wurde, verurteilte man sie zu fünf Monaten Haft und verbrachte Anna Nöhlen in das KZ Ravensbrück. Sie wurde in der Heil- und Pflegeanstalt Bernburg/Saale im April 1942 ermordet. Ihre Urne wurde am 1. Juni 1942 im Grab des mit 17 Jahren verunglückten Sohnes Josef auf dem Kirchenfriedhof St. Willibrod in Merkstein beigesetzt.

Als letztes Ziel erreichte die Gruppe die „Nivelsteiner Sandsteinwerke”. Charles Russel, Eigentümer der Werke, referierte ausführlich über die Tätigkeit, besonders die Größe der Abbaufläche, die Qualität des Produktes sowie die zukünftigen Ziele und Pläne. Die Familie Russel betreibt die Sandsteinwerke bereits in der vierten Generation.

Ortmanns übernahm auch im Werksgelände den geschichtlichen Teil der Information. Er berichtete von den archäologischen Erkenntnissen bei der über 2000-jährigen Geschichte des Sandsteinabbaues. Der letzte brauchbare Sandstein wurde vor einigen Jahren der Aachener Dombauhütte für Renovierungsarbeiten am Westwerk geschenkt. Der gotische Teil des Domes wurde im Mittelalter mit Nivelsteiner Sandstein gebaut.

Leider ließ die fortgeschrittene Zeit eine Besichtigung des Außengeländes nicht mehr zu. Helmut Landscheidt bedankte sich für die herzliche Aufnahme und die ausführlichen Informationen bei Charles Russel. Sein Dank galt auch Oswald Ortmanns, der das Meisterstück vollbrachte, über nicht mehr vorhandene Ortschaften spannend und lebendig zu berichten. Für viele Teilnehmer der Besichtigungen war klar: Die vergessenen Dörfer werden unvergessen bleiben.
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