Übach-Palenberg - Übach-Palenberger Künstler: Mispelbaum wieder in der Region

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Übach-Palenberger Künstler: Mispelbaum wieder in der Region

Von: Silvia Szymanski
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Für sein Schaffen wird Herman
Für sein Schaffen wird Hermann-Josef Mispelbaum mit dem Kunst- und Kulturpreis der Stadt Übach-Palenberg ausgezeichnet. Die Ehrung verbindet er mit einer großen Ausstellung in Schloss Zweibrüggen. Foto: Silvia Szymanski

Übach-Palenberg. Wir wissen es ja selber, Übach-Palenberg ist nicht New York. Es ist, zumindest auf den ersten Blick, kein sehr geeigneter Ort, um als Künstler das Licht der Welt zu erblicken. Allerdings befinden wir uns hier immer noch auf dem mysteriösen, für eine Überraschung guten Planeten Erde. Und der verbirgt Ungeahntes hinter seinen Fassaden.

Als der ehemalige Leiter des Aachener Ludwig Forums, Dr. Wolfgang Becker, den Übacher Künstler Hermann-Josef Mispelbaum zur Vorbereitung seiner kommenden Ausstellung in Aachen besuchte, kam der ihm vor wie „einer, der sich in einer Kammer in Übach-Palenberg versteckt”.

Mispelbaum wohnt seit einigen Jahren wieder in dem Haus, das schon seine Eltern besaßen, in einer momentan mit Skulpturen voll gestellten, kleinen Altbauwohnung. Es ist faszinierend, wie viel Welt und Gedanken sich in diesen vier Wänden konzentrieren. Und in den Kunstwerken, die diese Räumlichkeiten bald verlassen werden. Vom 9. September bis zum 7. Oktober werden sie im Schloss Zweibrüggen anlässlich der Verleihung des Kunst- und Kulturpreises der Stadt Übach-Palenberg an Hermann-Josef Mispelbaum zu sehen sein.

Die gipsüberströmten Skulpturen, zwischen denen wir während unseres Gesprächs in seiner gemütlichen Küche wie in einem verzauberten Gestrüpp sitzen, sind auch für Mispelbaum neu und ungewohnt; eigentlich war er bisher fast ausschließlich Zeichner und Arbeiter mit Papier. Die verwegenen Objekte seiner gegenwärtigen Schaffensperiode betrachtet er als zusätzliche Werkbereicherung - nicht mit Euphorie, sondern eher selbstkritisch und abwartend.

Das Material Gips kommt nicht von ungefähr: Mispelbaum beschäftigt sich schon seit langem intensiv mit dem Bild vom Menschen als einem verwundeten, verletzten Wesen. Er zeigt ihn uns als ein Drama von Empfindungen und verzerrenden, verformenden Kräften - als Patienten, tapfere Kerle, kleine Rebellen, Häufchen Elend. Die großartigen Menschenbilder des irischen Malers Francis Bacon, die Mispelbaum schon als jungen Künstler berührten, drückten auf andere Weise Ähnliches aus.

Mispelbaums Skulpturen lassen sich wie Geschichten lesen. Sie handeln von der komplexen Verquickung des Menschen mit seinen biographischen Erlebnissen, mit Geschichte und Politik. Mit dem Universellen. Mit dem Mythologischen. Und dem Sexuellen. Diese menschenähnlichen Gebilde aus widersprüchlichen Fundstücken und zweckentfremdetem Hausrat stehen oft wie auf kleinen Bühnen, in Landschaften aus verkohltem Holz und abblätternden Oberflächen - Türme aus zerrütteten und naiven, poetischen und ungestümen Gedanken. „Garten der Künstlerlehrlinge”, „Garten der Legenden”, „Das große Geheimnis”, „Denkmal für einen Deserteur” heißen die Szenerien, auf denen Licht und Schatten spielen wie auf überwucherten Ruinen.

Auf seinen Zeichnungen, die ebenfalls in Übach-Palenberg zu sehen sein werden, übersetzt sich die Zerrissenheit des Menschen in Linien, Gedankenwege. Das Papier ist zerrissen, zerschnitten, wieder heil geklebt. Es geht - oft mit leiser, melancholischer Komik - immer wieder um ein Gleichgewicht, um das Klarmachen von Situationen und Kräfteverhältnissen. Was ist groß, was klein, und was tut eines mit dem anderen? Das steht, das ist erledigt. Hermann-Josef Mispelbaum wurde 1944 in Übach-Palenberg geboren. Sein Vater hatte einen angesehenen Maler- und Anstreicherbetrieb.

Mispelbaum wuchs auf im Übach der Fünfziger Jahre mit seinen vielen gut besuchten Kinos, Live-Tanzveranstaltungen und Kirchen, wo Mispelbaum als Junge noch ganz ordentlich Messdiener war. Zunächst machte er auch eine „ordentliche” Lehre mit einem Meisterabschluss als Maler und Anstreicher. Dann aber wuchs die Sehnsucht, Künstler zu werden. „In Übach war es damals fast verboten, Träume zu realisieren”, erinnert er sich. Als er seinem Alsdorfer Berufsschullehrer von seinem Berufswunsch erzählte, fragte der nur: „Willst du hungern?” Doch Mispelbaum setzte sich durch.

Zunächst lernte er bei Ernst Wille an der Werkkunstschule Aachen. Und als Wille ihm riet, weiter zu studieren, fuhr Mispelbaum nach Düsseldorf, um sich, kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist, an der Staatlichen Kunstakademie vorzustellen. Der dort unterrichtende Professor Rupprecht Geiger sah die Arbeiten, die Mispelbaum im Kofferraum des väterlichen Autos mitgebracht hatte. Und nahm ihn sofort als Schüler an.

Die Siebziger Jahre an der Kunstakademie waren ein spannendes Abenteuer. Prof. Geiger förderte Persönlichkeit, nicht Nachmachen. Man konnte Leute kennen lernen, die wirklich etwas Eigenes machten. Die Entlassung von Beuys als Leiter der Akademie durch Minister Rau fiel in den Zeitraum, die 68er Bewegung; der Spartacusbund lief durch die Gänge und warb Mitglieder an. All diese Dinge beeinflussten Mispelbaums Kunst, zusammen mit dem erdverbundenen Flair seiner Heimatstadt. Mispelbaum war zwar nie ein Kommunist, doch immer ein politischer Mensch. 1977 wurde er selbst Lehrer an der Akademie.

Mispelbaum befand sich auf einer Erfolgsschiene; sehr schnell wurde er zum etablierten Künstler. Auch seine Heimatstadt reagierte. 1978 fand auf Initiative des Direktors des Übacher Gymnasiums, Walter Kessler, eine Ausstellung im Rathaus statt; Anfang der 80er Jahre kaufte die Stadt Übach-Palenberg Mispelbaums Triptychon über die antifaschistische Bewegung der „Weißen Rose”. Diese Arbeit hängt auch, auf Initiative von Walter Kessler, im Gymnasium der Stadt Übach-Palenberg.Doch der erträumte Erfolg fühlte sich anders als erwartet an. Der heikle Moment, wenn man die Sicherheit der Akademie verlässt, wuchs sich bei Hermann-Josef Mispelbaum für einige Jahre zu einer schweren, lebensbedrohlichen Krise aus. Zweifel an sich selber und am Künstlertum nagten an ihm.

Der Vater arbeitete hart, während sein Sohn „mal locker Kunst machte”: So etwas werfen einem Mitmenschen vor, so etwas spukt aber auch von allein im Kopf und lässt einem keine Ruhe. Auch diese Risse und Verwerfungen flossen in seine Kunst ein.Neben der Bewältigung der Krise war auch das materielle Überleben als freier Künstler Lebensaufgabe. Um seine in Übach lebende Familie zu ernähren, pendelte Mispelbaum zwischen Übach und Düsseldorf hin und her und jobbte als Kunsttransporteur und Renovierer.Die Achtziger Jahre brachten eine neue Blüte.

In Düsseldorf und Köln entstanden Künstlergemeinschaften, die gemeinsam Ausstellungen organisierten; es war die Zeit der Malereibewegung der Neuen Wilden. Und auch als diese Bewegung nach einigen Jahren wieder zusammensackte (nur ihre „Väter” Penck, Lüpertz, Baselitz, Immendorf blieben berühmt), hielt Mispelbaum sich gut. Er hatte gute Ausstellungen und Kontakte zu Galerien und Museen. 1990 erhielt er den Förderpreis der Schönen Akademie der Bildenden Künste München. Und, im gleichen Jahr, den Villa-Romana-Preis, das hochrenommierte Stipendium in Florenz. Doch Mispelbaum konnte seinen Preis und die Situation auf dem Präsentiertablett in der nur scheinbar heilen Welt des Kunstbetriebs nur wenig genießen. Er fühlte sich beklommen und hatte Sehnsucht nach seiner Familie.Mehr und mehr verlor Düsseldorf an Spannung für ihn.

2001 starb sein Vater, ab 2004 orientierte sich Mispelbaum zunehmend wieder hin nach Übach-Palenberg, auch um sich um die Mutter zu kümmern. Die Wurzeln kamen zurück; der „Malermeister” war wieder „in seinem Revier”. „Komischerweise läuft es jetzt besser als je gedacht”, erzählt er, „der Rückzug war gar kein Rückzug.” 2004 gab es eine große Retrospektive in Mülheim an der Ruhr und im letzten Jahr, 2011, die viel beachtete große Werkschau in der ehemaligen Reichsabtei Kornelimünster.

Sammler, Ausstellungsmacher, Interessenten und Freunde kommen inzwischen ganz von alleine auf ihn zu. Das kann sich wieder ändern, weiß er, doch die Jagd nach Möglichkeiten liegt hinter ihm; heute verspürt er kein Muss mehr, was den Kunstmarkt betrifft. Mit stoischer Gelassenheit widmet er sich seiner Arbeit - klug, charismatisch, zeitlos aktuell und jenseits von Gefälligkeit.

Anlässlich der Verleihung des Kunst- und Kulturpreises der Stadt Übach-Palenberg an Hermann-Josef Mispelbaum findet vom 9. September bis 7. Oktober im Künstlerforum Schloss Zweibrüggen, Übach-Palenberg, eine Ausstellung mit Arbeiten des Künstlers statt (geöffnet an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.)

Gezeigt wird eine breite Mischung aus frühen Arbeiten, Zeichnungen der vergangenen fünf Jahre und neuen Skulpturen. Der Kunst- und Kulturpreis der Stadt Übach-Palenberg ist mit 1000 Euro dotiert.

Die Ausstellung beginnt mit einer Vernissage am 9. September um 15 Uhr; am 30. September um 15 Uhr findet ein öffentliches Künstlergespräch mit Hermann-Josef Mispelbaum im Schloss statt - beide Veranstaltungen mit Live-Musik.

Mitte Oktober eröffnet das Kulturwerk Aachen in der ehemaligen Rheinnadel-Fabrik im Aachener Ostviertel eine weitere Ausstellung mit Werken von Hermann-Josef Mispelbaum.

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