„Süßer Tee”: Geschichte der Unfreiheit und einer Befreiung

Von: Karl-Heinz Hamacher
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„Süßer Tee” heißt das Buch, mit dem Kreuzratherin Nuran Joerißen ein leidenschaftliches Plädoyer für die Selbstbestimmung der Frau geschrieben hat. Foto: Karl-Heinz Hamacher

Gangelt. . „Es gibt einen Zeitpunkt, wo wir für unser Leben selbst Verantwortung übernehmen müssen”, erzählt die Kreuzratherin Nuran Joerißen. Eine Selbstverständlichkeit in der westlichen Welt, aber der Blick auf den Vornamen verrät, dass eben diese Kultur nicht die ihre war, als sie 1966 im türkischen Aadna an der syrischen Grenze geboren wurde.

Gariphan Nuran Aslan war der volle Name. Alle nannten sie Gariphan, das heißt die Einsame.

Einsam war sie, weil ihr Vater bei ihrer Geburt schon als Gastarbeiter in Deutschland war. Einsam sollte sie im Laufe der Jahre noch oft sein. Von diesem Alleinsein bis hin zu dem Tag, als sie gegen starke und brutale Widerstände ihr Leben selber in die Hand nahm, hat sie jetzt ein Buch geschrieben.

„Süßer Tee” heißt es und erzählt eine Geschichte von Unfreiheit bis hin zur Zwangsheirat; aber auch vom Aufbäumen, vom Ausbrechen, vom Jazz und von Andreas, dem Liedermacher Andreas Joerißen, mit dem sie seit 2000 verheiratet ist und mit dem sie vor fünf Jahren von Breberen ins neue Eigenheim in Kreuzrath zog.

Im Rahmen der Familienzusammenführung kamen Nuran und ihre Mutter nach Deutschland. Die familiären Verhältnisse waren schwierig, bleiben schwierig. „Aber bis ich 14 wurde, habe ich mich heimisch gefühlt, da wo wir wohnten, mit meinen deutschen Freundinnen.” Dann kam der Tag, als ihr aus heiterem Himmel „ihr Ehemann”, doppelt so alt wie sie, vorgestellt wurde. Der Albtraum begann.

„Vor der Wohnungstüre hörte ich die Stimme meiner Mutter”, war der erste Satz, den sie in dieser Geschichte zu Papier gebracht hatte. Die Mutter unterhält sich mit der Nachbarin. Als Nuran hinzukommt, wird das Gespräch beendet. Da hatte das Auseinanderleben schon begonnen. Nuran hatte das westliche Leben in sich aufgesogen. Vater war dabei, die Familie zu verlassen, und ihre Mutter teilte das Schicksal so vieler Gastarbeiterfrauen, die irgendwann nirgendwo mehr zuhause waren.

„Warum trifft die Zwangsheirat mich, warum nicht meine Freundinnen?”, fragt sich die Tochter.

„Da wurde mir bewusst, dass ich eine Ausländerin war, nicht mit denen zu vergleichen, die hier lebten”, erinnert sich Nuran Joerißen an die Vorbereitung der Ehe, an die Hochzeit und das, was zwangsläufig folgte: ein physisches und psychisches Martyrium.

In ihrem Buch beschreibt sie das Leiden und sie beschreibt Momente, als der Kampf gegen ihren Mann, gegen Konventionen, gegen das Umfeld und vor allem gegen die eigene Familie begann. Die „letzte Konsequenz”, die ihr Bruder ihr androhte, der Verlust von Familie, das Wegbrechen jeden Haltes. „Und das passiert in Deutschland immer noch, immer wieder”, erzählt Nuran Joerißen.

Der Protest, dieser Entwicklung entgegen zu arbeiten, könne nicht von außerhalb kommen. „Wir müssen uns dagegen wehren”, nimmt sie all die in die Pflicht, die dieses Schicksal direkt, als Täter oder Opfer, tragen. Das knapp 180 Seiten dicke Buch, erzählt zwei Ebenen. Die eine, die Vorbereitungen des 40. Geburtstages einer türkischstämmigen Frau, die hier „angekommen” ist. Der andere Erzählstrang ist der steinige Weg dieser Frau hin zum Ankommen.

Ab März wird Nuran Joerißen, die als Fachlehrerin für Betriebswirtschaftslehre an einem Berufskolleg unterrichtet, mit dem Buch auf Lesereise gehen. Angebote hat sie schon, „sogar aus Berlin”.

Jetzt ist es in der Heinsberger Buchhandlung Gollenstede vorrätig oder in allen andern Buchhandlungen zu bestellen (ISBN 9783852515304).
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