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Stürmischer Beifall der verdiente Lohn

Von: Johannes Gottwald
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Horst Couson, Natalie Diart, Clemens Fieguth und Michael Decker (v.l.) begeisterten bei ihrem Auftritt anlässlich der Jazz-Session in der Realschule. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Der Jazz stammt aus den Vereinigten Staaten und entwickelte sich hauptsächlich in der Musikkultur der Farbigen. Hierzulande wird er oftmals noch mit reiner Unterhaltungsmusik gleichgesetzt.

Wie ungerechtfertigt diese Ansicht jedoch ist, konnte man jetzt bei einem hochklassigen Konzert des Michael-Decker-Trios in Geilenkirchen erleben. Eine große Schar von Jazzfreunden hatte sich in der Aula der Realschule eingefunden und kam voll auf ihre Kosten. Der Abend begann durchaus unkonventionell: Michael Decker stellte nach der Begrüßung zunächst seine Kollegen vor, die nach dem Betreten der Bühne sogleich zu musizieren begannen, so dass die Ansage mit dem ersten Stück gleichsam zu einer Einheit verschmolz und das Publikum gewissermaßen ins Programm hineinglitt.

Traditionelle Klassik

Bemerkenswerterweise sind die drei Mitglieder des Ensembles teilweise in der traditionellen Klassik zu Hause: Der Pianist Michael Decker erhielt seine Ausbildung an den Hochschulen in Köln, Freiburg und London und befasst sich bei seinen Konzerten schwerpunktmäßig mit der Musik von Johann Sebastian Bach. Der Saxophonist Horst Couson studierte die Lehramtsfächer Religion, Mathematik und Musik, darunter Klarinette, Saxophon und Violine. Seit vielen Jahren wirkt er am Niederrhein als Bigband-Leiter und Chordirigent. Jüngster Mitstreiter ist der Schlagzeuger Clemens Fleguth, der schon mit 14 Jahren Jungstudent an der Kölner Musikhochschule wurde und mehrfach Preise bei bedeutenden Musikwettbewerben errang. Als Solistin hatte man zusätzlich noch die bekannte Sängerin Natalie Diart aus Dremmen engagiert.

Die ersten beiden Nummern waren George Gershwin gewidmet, einem Großmeister des amerikanischen Musicals, dem in seinem Werk eine geniale Verschmelzung von Klassik, Jazz und leichter Muse gelang. „I got Rhythm” bildete den temperamentvollen Auftakt, während die Ballade „Love is here to stay” vorwiegend lyrische Züge trug. Beim dritten Stück - dessen Titel „And all that Jazz” zugleich auch das Motto des Abends bildete - offenbarte Natalie Diart auch ihr schauspielerisches Talent und begeisterte mit ausdrucksstarkem Sprechgesang. Der Funke sprang sogleich auf die Zuhörer über, die spontan im Takt mitklatschten.

In scharfem Kontrast dazu präsentierte sich „The Nightingale” als ein bezauberndes Nocturno, in dem das Saxophon schwieg und lediglich Michael Deckers auf dem Keyboard und Clemens Fleguth am Schlagzeug musizierten. Im zweiten Teil wechselte Fleguth dann von der Percussion zum Vibraphon, wo er sich ebenfalls als versierter Solist zeigen konnte.

Der nachfolgende „St. Thomas-Blues” steigerte sich dann nach verhaltenem Beginn zu wilder Erregung, wobei Horst Couson seinem Instrument zuweilen höchst originelle Töne entlockte.

Und dann gab es sogar eine Uraufführung: Clemens Fleguth, der im vergangenen Jahr eine Wiedergabe von Bachs „Kunst der Fuge” mitgestaltet hatte, schrieb nicht zuletzt unter diesem Eindruck eine „Invention Fleguth”, die an diesem Abend zu ersten Mal erklang. Wie schon der Titel andeutete, verarbeitete das eher nachdenklich wirkende Stück zahlreiche Themen des großen Thomaskantors.

Vor allem im improvisatorisch gestalteten Mittelteil blitzten bekannte Motive auf, etwa aus der Invention Nr.1, der c-moll-Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier oder die Anfangstakte des Orgelpräludiums BWV 541. Und natürlich durfte die Kunst der Fuge nicht fehlen; ihr bekanntes Hauptthema erschien gleich mehrfach und wurde dabei eigenwillig verfremdet.

Dreigroschenoper

Vor der Pause erklangen noch zwei Songs von Kurt Weill, der in Deutschland vor allem als Komponist der Dreigroschenoper bekannt wurde, die er gemeinsam mit Bertolt Brecht schuf. 1933 musste er als Jude aus Deutschland flüchten, seine Werke wurden als „entartete Kunst” verboten. Er emigrierte in die USA, wo er sich intensiv mit Jazz und Musical auseinandersetzte.

Die Stücke „It never was” und „Speak low”, von Natalie Diart wiederum überzeugend gestaltet, zeigten deutlich die intensive Beschäftigung Kurt Weills mit der Musikkultur der Neuen Welt, wirken aber im Vergleich zu anderen Jazzstücken etwas abgeklärter und klassizistischer.

Nach der Pause konnte Michael Decker zunächst mit dem ausdruckstiefen Klavierstück „Who can I turn” aufwarten, dann folgte der Traditional „Sometimes i feel Bach”. Bekanntlich hat die Barockmusik - und insbesondere Bach - auf den Jazz besonders inspirierend gewirkt.

Dieser Tatsache trug auch eben dieses Stück Rechnung, als der bekannte Choral „O Haupt voll Blut und Wunden” vom Saxophon in höchst reizvollen und immer wieder neuen Klangvarianten vorüberzog. Dabei trug die Musik zuweilen auch weltliche Züge, was durchaus legitim erscheint. Schließlich war der von Bach so oft gesetzte Passionschoral in der Originalfassung von Haßler ein Liebeslied.

Nach „Aint no Sunshine” von Withers folgte „It don´t mean a think” von Duke Ellington, der zweifellos zu den größten Jazzkünstlern überhaupt zählte. Und bei dem Lament „Here´s that rainy day” konnten sich die Hörer bei den wirbelnden Vibraphon-Soli von Clemens Fleguth die fallenden Regentropfen sogar bildlich vorstellen.

Nach dem abschließenden „Lullaby of birdland” von Shearing gab es anhaltenden stürmischen Applaus des Publikums, das sich von den vier Künstlern am liebsten gar nicht trennen wollte. Erst nach den drei Zugaben - „Summertime”, „Girl of Ipanema” und „Autumn leaves” - durften die Musiker die Bühne verlassen.
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