Sibirische Kälte erinnert an Jahrhundertwinter

Von: Johannes Gottwald
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Winterträume: Frost und Schnee sorgen zwar – wie hier im Wurmauenpark – für romantische und bezaubernde Stimmungsbilder, können aber Autofahrern, Fußgängern und Pendlern auch viel Ärger auf den vereisten Straßen bereiten. Foto: Gottwald
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Eine Kindergartengruppe bei der Schneeballschlacht im Wurmauenpark. Für die Kleinen bedeutet der Wintereinbruch viel Spaß und Spannung. Foto: Gottwald

Geilenkirchen. Nach dem Weihnachtstauwetter hat der Winter unsere Region derzeit wieder fest im Griff. Frostige Temperaturen und Schneefall von über zwölf Stunden Dauer lösten zuletzt in ganz Nordrhein-Westfalen ein Verkehrschaos aus. Kein Wunder, dass viele Autofahrer und Pendler Schnee und Eis nicht sonderlich schätzen, obwohl sie für bezaubernd schöne Landschaftsbilder sorgen.

Dabei sind sie diesmal noch vergleichsweise glimpflich davongekommen, denn vor genau 50 Jahren schlug das Wetter weitaus heftiger und rücksichtsloser zu: Der Winter 1962/63 ging als ein Jahrhundertwinter in die europäische Klimageschichte ein. Die Wetterlage unterschied sich von der gegenwärtigen allerdings beträchtlich. Schon im Spätherbst 1962 hatte sich über Grönland ein starkes Hoch gebildet, bei dem sich zusätzlich eine Brücke zum weiter südlich liegenden Azorenhoch ausformte. Somit wurden die atlantischen Tiefausläufer, die sonst meist für mildes „Schmuddelwetter“ sorgen, ferngehalten und die Kaltluft aus der Arktis und aus Nordsibirien konnte ungehindert nach Mitteleuropa einströmen.

Mit drastischen Folgen: In weiten Teilen Deutschlands herrschten im wahrsten Sinn des Wortes sibirische Verhältnisse, denn Temperaturen von minus 20 Grad waren keine Seltenheit und dauerten vor allem über viele Monate an. Zwar war unsere Region wegen der etwas günstigeren klimatischen Lage weniger hart betroffen, aber immerhin wurden auch im Rheinland von den Meteorologen 26 Eistage registriert. (Darunter versteht man Tage, an denen auch in den Mittagsstunden das Thermometer unter dem Gefrierpunkt bleibt).

Schon Mitte November begann es in Geilenkirchen und Übach-Palenberg zu schneien, nach einer kurzen Tauwetterperiode im Dezember brach dann zwei Tage vor Weihnachten eine neue, viel stärkere Schnee- und Kältewelle herein, die mit Unterbrechungen bis Ende Februar anhielt. In der Nacht waren zweistellige Minusgrade die Regel, der 4. Februar brachte dann den Kälterekord, als auch im gesamten Kreis Heinsberg die Quecksilbersäule unter minus 15 Grad fiel. In den benachbarten Niederlanden gefror sogar das Ijsselmeer und auf dem Laacher See (unweit von Koblenz) war die Eisschicht so dick, dass Motorradfahrer darauf ihre Runden drehten.

Erst Anfang März war der Winter dann endgültig vorbei – aber die Obstblüte begann 14 Tage nach dem normalen Termin, was sich spürbar auf die Erntemenge auswirkte. Nicht wenige ältere Mitbürger aus der Region haben den „Eiswinter“ noch gut im Gedächtnis behalten.

Gottfried Moss, über viele Jahre Lehrer an der Geilenkirchener Grundschule, erinnert sich: „Ich stand damals kurz vor meinem Lehrerexamen und wohnte noch zu Hause bei meinen Eltern. Zu dieser Zeit konnten noch nicht alle Räume beheizt werden, daher spielte sich das häusliche Leben hauptsächlich in der Küche ab, wo der Herd stand. Wir bezogen Deputatkohle von der Grube Carl-Alexander, denn einige Familienangehörige arbeiteten auf der Zeche. Da wir acht Geschwister waren, ging es in der Küche sehr laut zu, und daher ging ich zum Lernen mit meinem Buch hinaus in die Kälte – bis der Frost zu unangenehm wurde. Dann wärmte ich mich in der Küche wieder auf und konnte das draußen Gelernte ,verdauen‘. Um Strom zu sparen, öffnete meine Mutter abends die Herdtür, so dass Licht und Wärme in die Küche dringen konnten – das war dann immer eine gemütliche Runde.“

Toni Gottschalk, Team-Manager von Germania Teveren, erlebte den Winter als Zehnjähriger: „Für uns Kinder war es eine tolle Zeit. Wir konnten in Teveren auf dem Schlitten zur Schule fahren und es gab an jedem Tag eine große Schneeballschlacht. Für meine Eltern war es allerdings weniger lustig, denn die lange Kälteperiode verursachte immense Heizkosten. Die Schule war noch nicht so gut beheizt wie heute, deshalb mussten wir uns auch dort etwas wärmer anziehen.“ Für die Fußballvereine der Region sorgte der ungewöhnlich strenge Winter übrigens für massive Probleme.

Der permanente Dauerfrost machte die Aschen- und Rasenplätze monatelang unbespielbar. Damals war die Winterpause noch viel kürzer als heute, erst mit zweimonatiger Verspätung konnte am 10. März der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden. Glücklicherweise fand 1963 weder eine Welt- noch eine Europameisterschaft statt, und so konnte man die Saison um einige Wochen verlängern – letzter Spieltag war der 30. Juni (!). Auch die Straßen litten stark unter der ungewöhnlichen Kälte. An vielen Stellen kam es zu Frostaufbrüchen und anderen Schäden, deren Behebung sich bis in den Sommer hinzog.

Elfjähriger Rhythmus

Bleibt offen, ob sich ein solch extremer Winter auch heute angesichts Klimawandel und Erderwärmung wiederholen könnte. Manche Klimaforscher schließen diese Möglichkeit keineswegs aus.

Denn unser Wetter wird nicht nur von irdischen Faktoren, sondern beispielsweise auch von der Sonne beeinflusst. Bekanntlich schwankt die Aktivität unseres Tagesgestirns in einem elfjährigen Rhythmus. Man kann die Sonnentätigkeit anhand der Sonnenflecken studieren – alle elf Jahre ist ihre Zahl besonders groß, die Aktivität also dementsprechend hoch. Das letzte Maximum fand 2001 statt, das nächste wäre also im letzten Jahr fällig gewesen – aber es war kaum bemerkbar, denn die Zahl der Flecken stieg nur mäßig an. Bleibt auch der nächste Zyklus (2023) ebenso flach oder fällt er ganz aus, könnte uns eine „kleine Eiszeit“ wie im 17. Jahrhundert bevorstehen. Damals waren in Holland im Winter alle Kanäle zugefroren – wie es die Gemälde der alten Renaissancemaler erkennen lassen.

Sollte es tatsächlich in den kommenden Jahrzehnten zu einer solchen Abkühlung kommen, bleibt zu hoffen, dass die Politiker der großen Industrienationen die Chance nutzen, um die vom Menschen verursachte Erwärmung unseres Planeten zu stoppen und in den Griff zu bekommen.

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