Gangelt - Schlichter zwischen Tür und Angel

Schlichter zwischen Tür und Angel

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Müssen auch Streitereien um krähende Hähne und schreiende Pfaue schlichten: die beiden Schiedsmänner der Gemeinde Gangelt, Günter Claßen (li.) aus Schümm und Wolfgang Heinrichs aus Birgden. Foto: Henk Havik

Gangelt. Wenn der Streit um überwachsende Bäume, stinkende Komposthaufen, quakende Frösche oder krähende Hähne, aufdringliche Gerüche vom Grillherd oder verdächtig gelb qualmende Kamine eskaliert, dann werden sie oft gerufen - die beiden Schiedsmänner der Gemeinde Gangelt.

Günter Claßen aus Schümm und Wolfgang Heinrichs aus Birgden sehen sich als Schlichter zwischen Tür und Angel.

Erklärte Absicht: zu einem Kompromiss zu kommen, bei dem jeder der Streithähne sein Gesicht wahren kann. Das heißt auch, dass es entgegen der gängigen Praxis nicht zu einem offiziellen Schiedsverfahren mit Niederschrift kommt - also zu einem „Fall, der ins Buch kommt” und mit einer Gebühr von 50 bis 70 Euro verbunden ist, erläutert Heinrichs.

Tür-und-Angel-Fälle

Es gehe auch formlos, „wenn man sich vernünftig verständigt”, sagt Claßen, zugleich Ortsvorsteher von Breberen. Das sind dann die „Tür-und-Angel-Fälle”. Würde das hergestellte Einvernehmen offiziell protokolliert, „könnte das „den Streit nur weiter schüren”.

Er warnt zugleich eindringlich davor, einen Konflikt eskalieren zu lassen. Denn: „Wenn ich in Not bin, laufe ich zuerst zum Nachbarn.” Daher sagt er immer: „Ihr müsst miteinander auskommen.” Und mit diesem Argument, so bilanziert er, ist er „fast immer durchgekommen”.

Zugleich warnen die beiden Gangelter davor, unter Berufung auf bereits ergangene Urteile etwa von Oberlandesgerichten dann doch zu klagen. „Oberster Grundsatz” der Rechtsprechung sei schließlich „Es kommt drauf an”, sagt Heinrichs. Und Claßen fügt hinzu: „Es gibt nur Einzelfälle.”

Das Schiedsamt ist die älteste Institution der vorgerichtlichen Streitschlichtung in Deutschland. „Schlichten statt Richten” ist die Devise der Schiedspersonen, die im Freistaat Sachsen offiziell Friedensrichter” genannt werden.

Durch sie können Alltagskonflikte ohne Gericht kostengünstiger und schneller gelöst werden.

Manchmal, so Claßen und Heinrichs, bekriegen sich Nachbarn schon seit seit Generationen. Manchmal gibt es auch erst Zündstoff nach einem Eigentümerwechsel etwa um Bäume, die „jahrelang niemanden gestört haben”, berichtet Claßen aus der Praxis. Meist geht es dann um die langen Äste einer Korea-Tanne, die die Terrasse beschatten, oder das Laub einer Eiche, das im Herbst in Mengen auf den mit Liebe gepflegten Rasen des Nachbarn niedergeht.

Nach einer mehrjährigen Frist kann dann zwar keine Abholzung mehr verlangt werden, aber sehr wohl ein Rückschnitt, so Heinrichs. Die rechtliche Lage ist oft genug kompliziert. Drei Meter hohe Sonnenblumen am Grenzstein können nicht als Belästigung empfunden werden, aber hoch sprießender Bambus ist derzeit juristsch als „stark wachsender Zierstrauch” einzustufen, bei dem ein Meter Abstand zur Grundstücksgrenze einzuhalten sind, erläutert Heinrichs.

Zwistigkeiten entstehen auch um das, was das kriecht und fleucht. „Wer aufs Dorf zieht, muss mit Kuhfladen auf der Straße rechnen”, warnt Claßen die Städter. Zum Landleben gehörten auch Frösche, die abends quakten, Gänse, die in aller Frühe lauthals schnatterten, und Pfaue, die nach Einbruch der Dunkelheit wie „kleine Kinder schreien”.

Aber es sei auch Rücksichtnahme seitens der Halter geboten. Wenn Hähne etwa bis zehn Uhr morgens in einem abgedunkelten Stall eingesperrt blieben, dann reduziere sich zumindest die Lautstärke des Krähers. „Ein ganz schwieriges Problem” (Heinrichs) seien Katzen, die Blumen- und Gemüsebeete „versauen” (Claßen). Die „kann man nicht behüten wie Hunde”, weiß Heinrichs.

Was aber bisher den Gangelter Landfrieden noch nicht gestört hat, ist das Glockengeläut etwa von St. Nikolaus, St. Urbanus oder St. Urbanus.
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