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Schiedmann Norbert Riek: Der Mann für die Grenzfälle am Zaun

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Ein freundlicher Blick über den Gartenzaun: Das ist nicht immer selbstverständlich, wie Norbert Riek aus Frelenberg aus Erfahrung weiß. Er ist als Schiedsmann tätig. Foto: Verena Müller

Übach-Palenberg. Der Rauch vom Grill, der ständig rüberzieht, die laute Musik oder der Baum auf dem Nachbargrundstück, der einfach zu hoch ist und zu viel Schatten auf das eigene Grundstück wirft – Anlässe für Nachbarschaftsstreit gibt es genug. Einer, der sich damit auskennt, ist Norbert Riek. Der 60-Jährige aus Frelenberg ist im dritten Jahr Schiedsmann in Übach-Palenberg. Mit Verena Müller sprach er über seine Tätigkeit und über Streitfälle an der Grundstücksgrenze im Allgemeinen.

Guten Tag Herr Riek. Hatten Sie selbst schon mal Streit mit Nachbarn?

Riek: Ja, schon, aber das liegt schon Jahre zurück und die Nachbarn gibt es inzwischen nicht mehr. Und mit den neuen kommen wir sehr gut aus.

Worum ging es denn damals?

Riek: Sehen Sie die Konstruktion hier rundherum? (deutet auf den hölzernen Sichtschutz, den seine Terrasse umgibt) Eigentlich sollte das mal überdacht werden. Aber der Nachbar meinte, es würde zu viel Lärm machen, wenn es da drauf regnet.

Wie ist das ausgegangen?

Riek: Ach, ich lege mich nicht so gerne mit anderen Menschen an. Wir haben nachgefragt und es dann bleiben lassen. Und heute will ich das auch gar nicht mehr. Als ich meinen 60. gefeiert habe, haben wir ein Zelt aufgebaut. Das geht auch.

Wie sind Sie Schiedsmann geworden?

Riek: Ich war Personalratsvorsitzender beim Versorgungsamt in Aachen, inzwischen bin ich in Düsseldorf. Da hat man ja auch schon mal mit verschiedenen Parteien zu tun, die sich nicht einig sind. Und als die Stadt Übach-Palenberg einen Schiedsmann gesucht hat, habe ich mich beworben.

Hatten Sie in diesem Jahr schon viele Fälle?

Riek: Schon sechs. Normalerweise sind es pro Jahr etwa sieben. Immer, wenn die Gartensaison beginnt, geht es los. In diesem Jahr war ich gerade ein paar Tage weg, als es warm wurde. Als ich wiederkam, hatte ich gleich vier Fälle auf dem Anrufbeantworter.

Vermutlich geht es oft um das Gleiche. Wie sieht es denn beispielsweise mit Grillen aus? Gibt es da Einschränkungen?

Riek: Auf dem Balkon von Mehrfamilienhäusern darf man einmal im Monat grillen und muss das 48 Stunden vorher anmelden. Aber das weiß keiner und es hält sich auch keiner dran.

Und wenn jemand dagegen verstößt? Kann man den dann gleich anzeigen?

Riek: Nein. Da ist der Schiedsmann die erste Hürde, die man nehmen muss.

Aber der kann kein Bußgeld verhängen.

Riek: Nein, das darf der nicht. Wenn es keine Einigung gibt – was aber selten ist – stelle ich eine Erfolgslosigkeitsbescheinigung aus. Damit kann man dann zu einem Anwalt gehen und vor Gericht ziehen.

Wo landen solche Fälle dann?

Riek: Hier vor dem Amtsgericht Geilenkirchen.

Ok. Jetzt haben wir eben nur über Mehrfamilienhäuser gesprochen. Wie sieht es im Garten aus mit Grillen?

Riek: Da gibt es keinerlei Beschränkungen. Weder, was die Tageszeit anbelangt, noch die Häufigkeit. Ich würde aber generell nie auf das Gesetz verweisen, sondern an den gesunden Menschenverstand appellieren. Ein bisschen Rücksichtnahme, miteinander reden.

Womit beschäftigen Sie sich die meiste Zeit als Schiedsmann?

Riek: Mit direktem Streit an der Grundstücksgrenze: Hecken, die nicht geschnitten sind, überhängende Äste, Abstände von Bepflanzungen.

Was ist denn zum Beispiel, wenn ein Baum zu nah an der Grenze steht?

Riek: Kommt drauf an. Eine Erle oder Buche darf nicht weniger als vier Meter von der Grenze entfernt sein. Wenn sie dort aber schon länger steht oder Sie das zu lange toleriert haben, bevor Sie sich beschweren, haben Sie keine Chance mehr. Dann bleibt die stehen.

Auch wenn mein Grundstück dann ständig im Schatten ist?

Riek: Ja. Äste, die auf Ihr Grundstück ragen, können Sie natürlich immer abschneiden.

Wie hoch dürfen Hecken sein?

Riek: Zwei Meter. Da hatte ich kürzlich einen kuriosen Fall: Das Grundstück des Antragstellers lag niedriger als das des Nachbarn, dessen Hecke tatsächlich mit drei, vier Metern zu hoch war. Aber als er die Hecke auf zwei Meter runtergeschnitten hat, war sie aufgrund der unterschiedlichen Grundstückshöhe natürlich immer noch sehr hoch. Aber da war nichts zu machen. Er hat sich an die zwei Meter gehalten, fertig.

Ihre Hecke ist aber auch höher.

Riek: Ja, das stimmt. Das hat damit zu tun, dass ich im Moment nur Korrekturschnitte an den Seiten machen darf. Es ist Brutzeit. Da ist das Stutzen oben nicht erlaubt.

Im Moment ist das Wetter ziemlich wechselhaft. Mein Kollege will aber dringend den Rasen mähen. Letztens ist er extra früh aufgestanden, weil er hoffte, um 6 Uhr sei es noch trocken. War es aber nicht. Hätte er den Rasen überhaupt mähen dürfen?

Riek: (lacht) Das sind aber Extremfälle, mit denen Sie kommen! Nein. Natürlich nicht. Sonntags, feiertags sowie zwischen 20 und 7 Uhr darf kein Rasen gemäht werden.

Das betrifft vermutlich Lärm insgesamt.

Riek: Im Groben ja. Laute Musik ist bis 22 Uhr in Ordnung, wenn keiner beeinträchtigt wird. Aber mal unter uns: Jeder hat mal eine Feier, da muss man ein bisschen tolerant sein.

Und was ist mit Kinderlärm rund um die Uhr, draußen wie drinnen?

Riek: Da haben Sie keine Chance. „Kindergeschrei ist eine unvermeidbare Folge normaler kindlicher Entwicklung“, sagt das Gesetz. Aber auch das ist eine Sache, mit der ich als Schiedsmann noch nie im Leben zu tun hatte.

Erfreulich! Aber es soll ja auch Menschen geben, die sich schon über die Wäsche aufregen, die sonntags im Garten aufgehängt wird.

Riek: Moment. Da muss ich nachschlagen... Ah, hier: die stellt „lediglich eine hinzunehmende ästhetische Emission dar“.

„Ästhetische Emission“ – toller Begriff. Was das Verwaltungsdeutsch nicht alles hergibt. Mal eine ganz andere Frage: Wenn Sie von Streithähnen angerufen werden, wie gehen Sie dann normalerweise vor?

Riek: Es gibt sogenannte Tür-und-Angelfälle, wo nach einem kurzen Telefonat alles geklärt ist. Bei anderen wird eine Schiedsverhandlung anberaumt. Ich lasse beide Parteien nacheinander zu Wort kommen, dann versuche ich zu vermitteln.

Kommt es da auch schon mal zu Handgreiflichkeiten?

Riek: Nein, bislang nicht. Wenn die Situation zu eskalieren droht, gehe ich rechtzeitig dazwischen. Vielleicht liegt es auch an meinem Körperbau, dass sich das dann schnell wieder legt.

Wie lange dauert es, bis sich die Parteien einig sind?

Riek: Normalerweise sind wir in einer Dreiviertelstunde durch. Kommt immer drauf an, wie hartnäckig die Beteiligten sind.

Und was kostet so ein Verfahren?

Riek: Normalerweise 50 Euro. Der Antragsteller muss die Kosten tragen. Inbegriffen sind Schiedsverhandlung, Dokumente und Auslagen wie Fahrkosten, Telefonkosten, Porto und so weiter. Das wird dann alles verrechnet. Ein Teil geht an die Stadt, ein Teil deckt meine Unkosten ab.

Kann man sich „seinen“ Schiedsmann aussuchen?

Riek: Nein, jeder hat seinen Bezirk. Ich zum Beispiel Boscheln, Übach, Stegh sowie die Gehöfte Hoverhof, Blaustein, Weißenhaus, Drinhausen und Helenenhof.

Und wollen Sie diesen Job noch lange weitermachen?

Riek: Doch, schon. So lange das geht. Ich mache das gerne.

Na dann, danke fürs Gespräch!

Riek: Gerne!

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