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Pflege-TÜV in der Kritik der Altenheime

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Christoph Benz, Hausleiter von Burg Trips, Joachim Bartosch, Pflegedienstleister im Franziskusheim, und Alfons Nickels, Geschäftsführer der Franziskusheim gGmbH, (von links) beklagen die Bürokratie. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Als junger Mann hat Herr Müller bei der Gartenarbeit gerne gesungen. Nicht schön, aber laut. Als er seinen Lebensabend im Altenheim verbringen soll, wird gleich schriftlich festgehalten: Herr Müller singt gerne. Und natürlich wird ihm die Teilnahme am Singkreis angeboten.

Auch das wird dokumentiert. Aber eigentlich, so denkt sich Herr Müller, hat er ja noch nie mit anderen Menschen gemeinsam gesungen und lehnt ab. Das wird natürlich ebenso dokumentiert.

Aber warum will Herr Müller denn nicht seine Stimme im Singkreis erklingen lassen? Der Sozialdienst des Altenheimes wird eingeschaltet, um dies zu hinterfragen. Wird natürlich ebenfalls dokumentiert. Der Sozialdienst bietet ihm die Teilnahme am Musikcaf an und dokumentiert das.

Herr Müller nimmt das Angebot in dem Glauben an, hier werde klassische Musik gespielt. Und als er feststellt, dass hier Volksmusik angesagt ist, verlässt er fluchtartig den Raum. Und wieder folgt ein umfangreicher Bericht in der Dokumentationsmappe.

Prüfung kein feindlicher Akt

Die Mitarbeiter in den Altenheimen klagen über eine wahre Dokumentationsflut. Da werden Trinkmengen bei dementen Menschen dokumentiert, die Temperatur der Lebensmittel bei Wareneingang, die Unterweisungen nach dem Infektionsschutzgesetz, die Überprüfung der Wasserfilter, der Rauchmelder, der Feuerlöscher, der Schiebetüren, der Waschmaschine und und und.

„Diese Dokumentationen fressen mittlerweile mehr als 25 Prozent unserer Arbeitskraft. Diese 25 Prozent gehen den von uns zu versorgenden Bewohnern verloren”, klagt Joachim Bartosch, Pflegedienstleister im Franziskusheim Geilenkirchen. Und auch Christoph Benz, Hausleiter von Burg Trips, schimpft: „Ohne Dokumentation geht es nicht. Aber sie ufert so aus, dass sie keinen Sinn mehr macht. Man muss doch nicht mehr dokumentieren, wie man einem Bewohner den Kopf wäscht. Das haben wir gelernt, und das können wir. Auch ohne Dokumentation.”

In diesem Monat ist der Pflege-TÜV gestartet. Von dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen werden von nun an Heime und Pflegedienste nach einem neuen System bewertet. Defizite bei der Ernährung und Pflege sollen dadurch aufgedeckt und abgestellt werden. Mit Noten von „sehr gut” bis „mangelhaft” werden die Heime bewertet, die Noten unter anderem im Internet veröffentlicht.

„Wir begrüßen alle Maßnahmen, die der Pflegequalität und dem Wohlbefinden von Menschen in Heimen dienen. Dazu gehört auch eine Bewertung der Altenheime”, erklärt Alfons Nickels, Geschäftsführer der Franziskusheim gGmbH. Eine Bewertung sei etwas Normales. „Wir haben nichts zu verbergen. Und auch eine unangemeldete Prüfung sehen wir nicht als feindlichen Akt an”, sagt er. Aber dann hagelt es Kritik: „Was uns erschreckt, ist die Tatsache, dass fast ausschließlich die Struktur- und Prozessqualität überprüft wird. Es werden Abläufe, Standards und Dokumentationen überprüft, aber in keiner Weise die Ergebnisqualität. Es wird nicht überprüft, ob der Bewohner sich wohl fühlt und gut versorgt wird.”
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