Geilenkirchen - Nur wer die eigene Seele hegt, kann Andere pflegen

Nur wer die eigene Seele hegt, kann Andere pflegen

Von: Nicola Gottfroh
Letzte Aktualisierung:
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365 Tage im Jahr für die pflegebedürftige Mutter zu sorgen, geht an die körperliche und seelische Substanz. Wer die Kurzzeitpflege in Anspruch nimmt, und dem Angehörigen für ein oder zwei Wochen die Koffer packt, kann neue Energie tanken. Foto: stock/imagebroker
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Christoph Benz und Mario Ohnesorg finden, dass Pflegende Auszeiten brauchen. Foto: ng

Geilenkirchen. Urlaub, so sagt Martina M., die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, sei für sie dieses Jahr nicht möglich, sie könne nicht einmal für zwei Tage an die Nordsee fahren. Wie schon in den vergangenen beiden Jahren bleibt sie zu Hause, während ihr Mann mit den beiden Kindern eine Woche nach Mallorca reist. Ganz allein im Haus bleibt sie aber dennoch nicht.

Ihre pflegebedürftige Mutter wohnt bei ihr. Für Martina M. das heißt das, sie vom Frühstück bis zum Abendessen zu umsorgen. „Das ist auch meine Pflicht als Tochter“, sagt Martina M.

So wie Familie M. geht es vielen Familien in der Region. Wenn die Eltern oder andere Angehörige pflegebedürftig werden, kommen Freizeit oder Urlaub für die pflegenden Angehörigen oft viel zu kurz. „Das muss und darf nicht sein“, sagt Hanno Frenken. Er ist Geschäftsführer der Franziskusheim gGmbH Geilenkirchen, zu der sowohl das Altenheim Burg Trips als auch das Franziskusheim gehören. „Wer pflegt, der lässt Federn. Die Betreuung eines Angehörigen ist anstrengend. Und kein Mensch muss sich 365 Tage im Jahr 24 Stunden am Tag kümmern“, sagt Frenken.

Nicht nur Frenken hält Auszeiten für pflegende Angehörige für wichtig, auch der Gesetzgeber. Damit auch Pflegende einmal durchatmen, entspannen und neue Energie für die weitere Betreuung tanken können, gibt es die Kurzzeitpflege. Bis zu 28 Tage pro Jahr haben Pflegebedürftige unter bestimmten Voraussetzungen – beispielsweise aufgrund einer Krankheit, einer persönlichen Krisensituation, nach einem Krankenhausaufenthalt oder eben wegen eigener Urlaubspläne der Angehörigen – Anspruch auf Kurzzeitpflege.

„Vielen ist es gar nicht klar: Die Pflegekassen übernehmen bei Vorliegen einer Pflegestufe die Kosten bis maximal 1550 Euro. Für den Eigenanteil von etwa 30 Euro am Tag können Pflegebedürftige mit einem geringen Einkommen beziehungsweise deren Angehörige einen Zuschuss beim Sozialamt beantragen“, sagt Mario Ohnesorg, Hausleiter des Franziskusheimes. Zudem könne man seit Einführung des Pflegeneuausrichtungsgesetzes die Hälfte des Pflegegeldes, das man bezieht, über einen Zeitraum von vier Wochen behalten.

Doch es ist nicht das finanzielle Motiv, das die Angehörigen vornehme Zurückhaltung beim Inanspruchnehmen der Kurzzeitpflege zeigen ließ. Vielmehr sei es die Scheu, ihre Verwandten für eine Woche oder zwei im Heim „abzugeben“. „Da ist zum einen die Frage, was die Leute denn wohl sagen, es ist die Scham vor Nachbarn oder Freunden zuzugeben, dass man ein Mensch ist, der auch selbst irgendwann nicht mehr kann“, wie Christoph Benz, Hausleiter der Burg Trips, betont.

Zum anderen sei die Angst vor der Reaktion des Angehörigen, der sich abgeschoben fühlen könnte, stets da. Doch gerade die Oma, der Opa, Vater oder Mutter hätten das geringere Problem mit der Kurzzeitpflege. „Wenn die Senioren den ganzen Tag zu Hause sind, hauptsächlich Kontakt mit den pflegenden Kindern oder Enkeln haben, dann kommen auch die sozialen Kontakte oft zu kurz“, ergänzt Ohnesorg. „Natürlich gibt es Personen, die kommen emotional nie bei uns an, und warten nur darauf, wieder nach Hause zu kommen.“ Für den Großteil sei es aber eine gelungene Abwechslung, eine Möglichkeit, mit anderen Senioren zusammen zu sein. „Wir haben sogar Senioren, die jedes Jahr wieder kommen, wir nennen sie schon unsere Stammgäste“, sagt Eva Schmitz, Leiterin des Seniorenzentrums Breberen.

Ängste nehmen

Um Angehörigen diese Angst zu nehmen, seien lange Vorgespräche und eine gute Beratung Kernpunkt ihrer Arbeit, sagt Christoph Benz. „Da kann man zudem schon Informationen über den Gast sammeln, erfährt zum Bespiel, dass er gerne Suppe zum Frühstück isst, und kann dann in seiner Zeit bei uns bestens auf ihn eingehen.“

Allerdings gibt es für viele Interessierte noch ein anderes kleines Hindernis. Wenn sich Angehörige nach langer Überlegung, nach vielen Grübeleien und Familienräten endlich entschließen, die Kurzzeitpflege in Anspruch zu nehmen, dann ist es schwer, einen Platz zu finden. Und dass die Plätze gerade zu Ferienzeiten besonders rar sind, das kann auch Benz bestätigen. „Deshalb ist es wichtig, frühzeitig einen Platz in der Kurzzeitpflege zu reservieren“, sagt Hanno Frenken. Sonst wird das Suchen und Finden eines Kurzzeitpflegeplatzes in den Ferien zu einer Herausforderung.

In vielen Einrichtungen von Geilenkirchen über Übach-Palenberg bis hin nach Gangelt haben pflegende Angehörige schon im vergangenen Jahr einen Pflegeplatz reserviert. „Wir haben sechs eingestreute Kurzzeitpflegeplätze – und die meisten von ihnen sind in den Sommermonaten durchweg vergeben“, sagt Eva Schmitz aus dem Seniorenzentrum Breberen. Ähnlich sieht es bei den Alten- und Pflegeheimen St. Josef in Selfkant und Waldfeucht aus. Geschäftsführer Leo Fiegen: „In den Sommermonaten sind die sechs eingestreuten Plätze in Selfkant und die fünf in Waldfeucht gut ausgelastet.“

Diese eingestreuten Kurzzeitpflegeplätze sind zu unterscheiden von den vorgehaltenen Plätzen, die eine Einrichtung „fest“ hat. Die „eingestreuten Plätze“ entstehen oft kurzfristig, etwa wenn ein Bewohner verstirbt oder aus dem Seniorenheim auszieht. Darüber hinaus gibt es die sogenannten „solitären Einrichtungen“, die sich auf die Kurzzeitpflege spezialisiert haben.

Eingestreute Plätze finden suchende Angehörige auch in den beiden Einrichtungen des Katharina Kasper Heims mit dem Wohn und Pflegehaus der Gangelter Einrichtungen Maria Hilf. Sie verfügen über insgesamt vier eingestreute Plätze. In Geilenkirchen halten Burg Trips und das Franziskusheim insgesamt zehn eingestreute und einen festen Kurzzeitpflegeplatz vor.

„Auch wenn die Plätze gerade in den Sommermonaten stark nachgefragt sind und man spät dran ist, heißt das nicht, dass man nicht auch kurzfristig die Möglichkeit hat, einen Platz zu bekommen“, sagt Mario Ohnesorg, Hausleiter des Franziskusheims. „Wenn beispielsweise ein zu Pflegender hier erkrankt und ins Krankenhaus muss, wird auch noch kurzfristig ein Platz frei.“ Dem schließt sich auch Eva Schmitz an. „Anrufen und nachfragen lohnt sich immer“, sagt sie.

Die gleiche Antwort erhält man aus dem Carolus Seniorenpflegezentrum in Übach-Palenberg, das über zwei eingestreute Plätze verfügt. „Pflege ist ein Full-Time-Job – vor allem bei den Menschen, die an dementiellen Erkrankungen leiden ist die Anforderung an die Angehörigen exorbitant hoch. Dabei leisten die Pflegenden jeden Tag Großartiges. Doch wie jeder Arbeitnehmer muss auch eine Pflegender mal eine Auszeit, einen Urlaub haben. Denn nur, wer seine eigene Seele selbst einmal pflegt, kann auch Körper und Seele seiner Angehörigen pflegen“, sagt Frenken. „Die Angehörigen haben noch ein Leben daneben!“

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