Mit Musik und Literatur in den Winterabend

Von: Johannes Gottwald
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Für einen literarisch-musikal
Für einen literarisch-musikalischen Abend sorgten Schüler des St.-Ursula-Gymnasiums Geilenkirchen. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Astronomisch beginnt der Winter mit der Sonnenwende am 21. Dezember, dem kürzesten Tag und der längsten Nacht des Jahres. Meteorologisch kann man sich jedoch schon geradezu im Vorfrühling wähnen, denn seit jenem Tag wurde in unserer Region noch keine einzige Schneeflocke gesichtet.

Dies hinderte jedoch das St.-Ursula-Gymnasium keineswegs daran, einen bemerkenswerten Abend zum Thema „Winter” zu organisieren.

Die Bezeichnung „Konzert” traf für die Veranstaltung sicherlich nicht ganz zu, obwohl das Schul-Orchester eine sehr wichtige Rolle übernahm. Vielmehr kann man von einem „musikalisch-literarischen Abend” sprechen, bei dem jedoch auch Fotografie und Tanz integriert wurden. Der Publikumszuspruch war jedenfalls sehr groß, die Aula der Schule entsprechend besetzt. Den Anfang machte das „Lied der Eiszapfen” von Friedl Hofbauer - nicht etwa ein Gesang, sondern ein höchst interessantes Beispiel für gesprochene Musik - Textbrocken, die aus verschiedenen Richtungen erklangen, sorgten überdies für einen delikaten Effekt von Stereophonie.

Im weiteren Verlauf war das Programm durch einen reizvollen Wechsel aus Gedichtvorträgen und Musikstücken geprägt: Zunächst hörte man das Gedicht „Der Winter” von Mascha Kaleko, dann folgten die Streicher des Schulorchesters mit dem alten Volkslied „Ach bittrer Winter, wie bist du kalt”. Eine eher humorvolle Betrachtungsweise von Schnee und Kälte beschreibt der Morgenstern-Text von den drei Spatzen, während „Ich komme aus der Ewigkeit” eher entrückten Charakter besaß.

Expressionistische Züge

Dazwischen schoben sich zwei weitere Variationen des Liedes „Ach bittrer Winter”. Ausgesprochen expressionistische Züge trug „Der Winter” von Alfred Lichtenstein, wo die Worte gleichsam zum Farbenspiel wurden, auch der schwermütige „Wintermorgen” aus der Kindersuite Nr. 6 von Solotarjow wurde vom Streichorchester auf herb-moderne Weise intoniert.

Dagegen führte das Gedicht „Am Kamin” von Adolf Friedrich von Schack inhaltlich durch sämtliche Jahreszeiten. Alle Texte wurden übrigens von Mitgliedern des Literaturkurses „Theater” (Jahrgangsstufe 12) vorgetragen, die allesamt ein gutes Einfühlungsvermögen und ein beachtliches Talent zum Deklamieren an den Tag legten. Beim „Winter” aus den „Jahreszeiten” von Antonio Vivaldi kam dann das Schulorchester der Klassen 8 und 9 zum Einsatz. Zunächst erklang der zweite Teil mit dem Titel „Regen”, den man übrigens im glucksenden Pizzicato der Bratschen sehr gut heraushören konnte.

Hier konnten auch die Mitglieder des Literaturkurses „Neue Medien” erstmals ihr Können zeigen: Passend zur Musik wurden per Monitor fotografische Aufnahmen an die Wand geworfen, die gleichsam illustrative Kommentare darstellten. So zeigte man analog zum 1. Satz mit dem Untertitel „Frieren und Zittern” phantastische Winterlandschaften und vereiste Flüsse und Seen. Hinter dem „Lied, hinter dem Ofen zu singen” verbarg sich dagegen ein Text von Matthias Claudius, und bei der heiteren „Schlittenfahrt” von Franz Bonn wurde natürlich auch ein Schlitten auf die Bühne geschoben.

Wesentlich vornehmer ging es da bei der „musikalischen Schlittenfahrt” von Leopold Mozart zu, die eine reisende Adelsgesellschaft auf dem Weg zum Winterball schildert. Hier liefen Thomas Kamphausen und sein Schulorchester zu Hochform auf. Und auch die Illustratoren aus der Klasse 12 zauberten verschneite Alpenlandschaften über den Monitor an die Wand - diese Kulisse dürfte den damaligen Salzburger Konzertmeister Leopold Mozart zu seinem Werk inspiriert haben.

Den „Seufzer” lässt Christian Morgenstern in seinem Gedicht in einem vereisten See verschwinden, während der „Schneewalzer” von Thomas Koschat manche Schüler auf den oberen Rängen zum Schunkeln animierte. So mancher Zuhörer war vielleicht überrascht, zu erfahren, dass dieses sattsam bekannte Musikstück bereits im 19. Jahrhundert entstand. Eine kurze Lesung aus dem Roman „Tod einer Stadt”, worin ein großer Pianist im besetzten Warschau des Zweiten Weltkrieges nur durch die Hilfe eines Wehrmacht-Offiziers, der sein Spiel bewundert, vor dem Erfrierungstod bewahrt wird, leitete über zu einem Ausschnitt aus der Filmmusik zu „Schindlers Liste” von John Williams. Auch hier gelang dem Schulorchester eine eindrucksvolle Wiedergabe, Elisabeth Peschen trat mit schönen Violinsoli hervor.

Bildillustrationen

Mit diesem Exkurs in das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte wurde das Publikum in die Pause entlassen. Auch im zweiten Teil des Abends wurden fast alle musikalischen Beiträge von Monitor-Bildillustrationen auf sehr gelungene Weise begleitet. Nach der „Petersburger Schlittenfahrt” von Richard Eilenberg folgten von Hans Zender orchestrierte Auszüge aus der „Winterreise” von Franz Schubert. Hier gelang der Sopransolistin Susanne Peschen eine sehr ansprechende Leistung - vor allem die ausweglose Eintönigkeit des „Leiermann” hinterließ eine tiefe Wirkung. Dazwischen bildeten die Gedichte „Winterlandschaft” von Hebbel und „Vereinsamt” von Nietzsche gleichsam literarische Pendants.

Natürlich durfte auch der große Klassiker Goethe nicht fehlen: Sein Gedicht „Ein großer Teich war zugefroren” bildete zusammen mit dem „Eislauf” von August Heinrich Hoffmann den textlichen Rahmen für den „Schlittschuhläufer-Walzer” von Emil Waldteufel, den das Schulorchester (diesmal unter Leitung von Laura Schmidt) mit viel Temperament musizierte. Und nach dem „Büblein auf dem Eis”, das für seinen Leichtsinn mit dem Einbrechen (und der anschließenden Prügel zuhause) bestraft wird, kam auch der große Auftritt der Sportkurse für Gymnastik und Tanz: Zu der Ballettmusik aus der Oper „Die Sizilianische Vesper” von Verdi legten sie auf der Bühne einen glanzvollen Auftritt hin, der wohl den Höhepunkt des Abends bildete.

Die „Sehnsucht nach dem Frühling” von Heinrich Hoffmann von Fallersleben und das Volkslied „Winter ade” zogen dann einen Schlussstrich unter die kalte Jahreszeit. Mit stürmischen, langanhaltenden Ovationen bedachten die Zuhörer die zahlreichen Darbietungen.

Der einzige Wermutstropfen: Die prächtigen Winterlandschaften, die man an diesem Abend oft zu sehen bekam, wird man hierzulande wohl erst im kommenden Jahr wieder real genießen können.
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