Geilenkirchen - Letzter „Schindler-Jude“ besucht Geilenkirchen

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Letzter „Schindler-Jude“ besucht Geilenkirchen

Von: jpm
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Blicken mit Spannung dem 9. November entgegen (von links): Schulleiter Uwe Böken, Gort Houben und Herbert Brunen von der Stadt Geilenkirchen, VHS-Leiter Franz Josef Dahlmanns, Zeitzeugin Elfriede Görtz, Kathrin Herzig (Buchhandlung Lyne von de Berg) sowie Dr. Ulla Louis-Nouvertné (Kreis Heinberg). Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Michael Emge gilt als der letzte der sogenannten Schindler-Juden, die noch in Deutschland leben. Man geht vermutlich nicht zu weit damit, ihn als den wichtigsten Besucher zu bezeichnen, den die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule in diesem Jahr empfangen wird. Trotzdem kennt Schulleiter Uwe Böken seine Telefonnummer nicht.

Wenn Böken seinen zukünftigen Gast sprechen will, muss dieser sich melden, Michael Emge hat eine Geheimnummer. Und Michael Emge ist noch nicht einmal sein richtiger Name. Wenn er an Schulen oder an anderen Orten öffentlich auftritt, nutzt er ein Pseudonym. „Und schon das ist eine Botschaft für sich“, findet Böken.

Michael Emge ist Holocaust-Überlebender. Heute 84 Jahre alt, begann er bereits vor Jahren damit, Schulen zu besuchen, um Kindern und Jugendlichen von seinen Erfahrungen zu berichten – zunächst unter korrektem Namen. Die Folge waren Drohanrufe. Emge ist vorsichtig geworden. Nicht einmal sein Wohnort ist den Veranstaltern, neben der Gesamtschule sind das die Stadt Geilenkirchen, die Volkshochschule Kreis Heinsberg sowie die Buchhandlung Lyne von de Berg, bekannt. Am 9. November wird Emge gemeinsam mit der jungen Violinistin Judith Stapf und der Buchautorin Angela Krumpen die Gesamtschule besuchen.

Das Schicksal der Schindler-Juden ist der Weltöffentlichkeit vor allem durch den siebenfach Oscar-gekrönten Spielfilm „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg bekannt. Der Industrielle Oskar Schindler (1908 bis 1974) wird darin von Liam Neeson als einer dargestellt, der den Beginn des Zweiten Weltkriegs dank seiner Emaillewarenfabrik als Kriegsprofiteur erlebt, an dessen Ende aber 1200 Juden das Leben gerettet hat. Denn Schindler forderte immer wieder jüdische Zwangsarbeiter an, die in der Produktion schuften sollten.

Anfangs war es Schindlers Ziel, sie auszubeuten. Später, sie zu retten. Auch Michael Emge stand auf Schindlers legendärer Liste.

Schindlers Liste, die echte, rettete Emge das Leben. Zu Schindlers Liste, dem Film, hat Emge ein gespaltenes Verhältnis. „Als kommerzieller Film ist er brillant. Ein Hollywood-Meisterwerk. Als Dokumentation ist er aber eher nicht zu gebrauchen“, sagte er im Sommer in einem Interview. Die Besucher der Veranstaltung werden die wahre Geschichte zu hören bekommen. Emges Geschichte.

Michael Emge wurde 1939 gemeinsam mit seinem Vater, einem Juden, und seiner Mutter, einer Katholikin, ins Ghetto Bochnia deportiert. Später kam er, ein sogenannter Halbjude, ins Konzentrationslager Plaszow. Hier wütete der sadistische Lagerkommandant Amon Göth, in Steven Spielbergs Film dargestellt von Ralph Fiennes. Göth, der vom Balkon seiner Villa aus Gefangene erschoss, wenn es ihm in den Sinn kam. Göth, der seine zwei Doggen auf das Zerfleischen von Menschen abrichten lassen hatte.

Dann ging alles ganz schnell

Michael Emge überlebte Plaszow, er überlebte Göth, er überlebte den Holocaust. Am Tag der Befreiung wog er, 15 Jahre alt, 27 Kilogramm. Insgesamt 65 Familienangehörige waren da bereits tot.

Den Kontakt zwischen der Gesamtschule und Michael Emge stellte Adalbert Wolynski her, der an der Schule das Auschwitz-Projekt leitet. Wolynski fragte über Dritte vorsichtig bei dem Zeitzeugen an, dann ging alles ganz schnell – und Schulleiter Böken hatte Emge am Telefon. „Ich habe schon im zweiten Satz gemerkt, dass es ihm wirklich wichtig ist, hier bei uns aufzutreten“, so Bökens Eindruck. Für seine Begriffe passt die Veranstaltung perfekt in die Philosophie der Schule: „Die heutige Generation trägt keine Schuld. Schuldig machen wir uns nur, wenn das, was geschehen ist, in Vergessenheit gerät.“

Leider, so Böken, sei Emges Gesundheitszustand nicht besonders gut. Der Besuch in Geilenkirchen werde für ihn die letzte Veranstaltung dieser Art sein.

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