Lateinamerika: Aus dem Reichtum keine Struktur entwickelt

Von: mabie
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Im Beisein der GfW-Vertreter Herbert Wölfel (l.) und Josef Latour (2.v.l.), sowie Ulla Louis-Nouvertné von der Anton-Heinen-Volkshochschule und Bürgermeister Thomas Fiedler (r.) trug sich Dr. Uwe Kaestner in das Goldene Buch der Stadt Geilenkirchen ein. Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Ein Referent, der keine Powerpoint-Präsentationen oder aufwändige Videoproduktionen braucht, um seine Zuhörer zu fesseln: Der ehemalige Botschafter Dr. Uwe Kaestner, der auf Einladung der Anton-Heinen-Volkshochschule des Kreises Heinsberg und der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik, Sektion Aachen/Heinsberg, in das Geilenkirchener Haus Basten kam.

Dabei war es nicht nur die Erfahrung aus mehr als 40 Jahren im diplomatischen Dienst und den verschiedenen Diensten als Botschafter vor allem in Lateinamerika, die den Charme dieses rund zweistündigen Vortragsabends ausmachten. Vielmehr war es dem Juristen und Präsidenten der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft eine Lust, über die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Vorgänge auch in der Historie dieser Länder zu berichten.

Die Spuren der dramatischen Eroberermentalität seit der offiziellen Entdeckung Amerikas 1492 durch Kolumbus seien heute immer noch zu spüren. „Denn diese Mentalität der Menschen gegenüber Natur, Bodenschätzen und Menschen ist sehr wichtig, im Kopf zu haben“, sagte Uwe Kaestner, wenn über Lateinamerika gesprochen werde.

Damit gehe nicht nur eine sprachliche Zweiteilung in eine spanische und eine portugiesisch sprechende Struktur einher. „Es ist nicht nur eine geografische Linie sondern auch eine interessante Grenze in den politischen Bewegungen“, unterstrich er. So gebe es in Lateinamerika ein anderes Staatsempfinden, als es beispielsweise in Europa vorherrsche.

In Brasilien gebe es eine Reform von oben, die von den Menschen dort akzeptiert werde. Eine sehr selbstständige Rolle des Militärs geselle sich dazu, was vor allem in den 1970er-Jahren das Bild eines durch Putsche und Missachtung der Menschenrechte geprägtes Bild eines ganzen Kontinents ergeben habe. „Heute ist davon nicht mehr viel übrig“, betonte der Lateinamerika-Kenner, „aber es gibt ein sehr ausgeprägtes, starkes Nationalbewusstsein“.

Am Beispiel des verstorbenen Machthabers von Venezuela, Hugo Chavez, zeigte er auch strukturelle Probleme auf, die durch ein so selbstbewusstes, von anderen Staaten als diktatorisch erfahrenes Staatsempfinden haben kann. „Nach innen ist dieses Regime sehr spendabel gewesen, es wurde viel gemacht für die ärmeren Bevölkerungsschichten“, lobte er.

Die Kehrseite sei aber, dass das durch den Reichtum an Bodenschätzen zur Verfügung stehende Geld nur weitergereicht wurde, ohne aber über infrastrukturelle Maßnahmen im Land zum Beispiel die heimische Landwirtschaft zu fördern. „Die Ironie daran ist, dass das verdiente Geld größtenteils in Nahrungsmittel aus Nordamerika fließt“, schloss er.

Die Themen Gewalt und Drogen ließ er aber auch gerade in Zeiten anstehender sportlicher Großereignisse wie Fußball-WM und Sommerolympiade nicht außer Acht. „Ich wünsche mir aber, dass Lateinamerika nicht durch negative Schlagzeilen in den Fokus rückt“, schloss er, denn es sei ein Kontinent, der mehr Aufmerksamkeit verdiene.

Deutschland habe dort ein hohes Ansehen und könne dort auch die Synergien zwischen Export und Industrieansiedlungen nutzen. Alleine 190 Millionen potenzielle Verbraucher in Brasilien, die vielen Rohstoffvorkommen auf dem Kontinent und auch die von Dr. Uwe Kaestner als außerordentlich vielschichtige wirtschaftliche Entwicklung sprächen für einen aufstrebenden Wirtschaftsraum.

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