Kirchenglocken-Fan: Leidenschaft beginnt beim „Dicken Pitter“

Von: Georg Schmitz
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Zu Hause im Garten wartet seine 700 Kilogramm schwere Glocke auf die Restaurierung. Und dann möchte Matthias dem guten Stück ein eigenes Türmchen bauen. Foto: Georg Schmitz
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Matthias Dichter (r.) kennt alle Glocken in Übach-Palenberg und kann Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch und Berti Davids-Heinrichs anhand des Bildes zeigen, in welcher Kirche sie hängen.

Übach-Palenberg. Weihnacht und Jahreswechsel sind besinnliche Zeiten. Da fällt das Läuten von Kirchenglocken besonders ins Gewicht. Wenn die Glocken erklingen, entzückt dies auch Matthias Dichter aus Übach-Palenberg, denn der junge Mann interessiert sich schon seit seiner Kindheit für die kraftvollen melodischen Töne.

„Schon im Alter von drei Jahren hat mich der ,Glocken-Bazillus‘ infiziert“, schmunzelt der jetzt 17-Jährige. Mittlerweile gilt er bundesweit als Glocken-Experte und ist für Radio, TV und Print-Medien stets ein gefragter Gast.

Großvater Wolfgang Finders war Kirchenrestaurator beim Rheinischen Amt für Denkmalpflege. Er nahm seinen Enkel Matthias oft mit in den Kirchturm. „Es gingen mir so viele Glocken durch den Kopf“, erzählt Matthias Dichter. Dann kam auch der Tag, als Opa ihn in den Kölner Dom mitnahm und Matthias erstmals den 24 Tonnen schweren „Dicken Pitter“ läuten hörte. „Da hat es mich richtig gepackt“, erinnert er sich, und fortan wurden Glocken zu seinem Lebensinhalt.

Damals wohnte Matthias mit Mutter Perdita und Vater Jochen noch im Selfkant. „Die Angelusglocke von St. Lambertus in Höngen hat mich jeden Morgen um 7 Uhr geweckt“, sagt der 17-Jährige. Als Matthias bereits alle Glocken im Selfkant kannte, zog die Familie nach Übach-Palenberg, und hier eröffnete sich dem jungen Mann ein weiteres Betätigungsfeld seines Genres. Eine der ersten Glocken, die er sich in der Stadt anschaute und anhörte, war die der Petrus­kapelle in Palenberg. „Die stammt aus dem Jahr 1924, ist zehn Kilogramm schwer und hat einen Durchmesser von 71,5 Zentimeter“, erklärt der junge Experte mühelos Details.

Aber halt: Es gab eine Vorgängerglocke, ist sich Matthias Dichter sicher. „Die stammte aus dem Jahr 1467, wurde 1924 eingeschmolzen und das Schmelzgut für die neue 1924er verwendet“, so der 17-Jährige. „Umgegossen“ , setzt er den Fachausdruck nach. Eine zweite Glocke der Petruskapelle von 1854 sei 1917 eingeschmolzen worden. Man könne sagen, dass in der Petruskapelle heute die Glocke von 1467 läute, aber in neuem Mantel.

Mittlerweile kennt Matthias Dichter alle Glocken im Kreis Heinsberg, denn er hat die relevanten Ablieferungslisten aus dem Zweiten Weltkrieg durchforstet. „Es ist unglaublich, wie viele Glocken damals zerstört wurden“, bedauert der 17-Jährige diesen Umstand.

Die mit 3800 Kilo schwerste aller Glocken im Kreis läute nicht im Heinsberger Dom, wie man vermuten würde, sondern in Wegberg-Beeck. Aber auch die 2800-Kilogramm-Glocke in St. Mariä Himmelfahrt in Scherpenseel weist ein stattliches Gewicht auf. St. Nikolaus in Gangelt verfügt mit sieben Glocken über die meisten in einem Kirchturm im Kreis. „Ein imposantes Geläut finden wir auch in Marienberg, wenn die fünf Glocken auf einmal erklingen. Aber für mich befindet sich das schönste Geläut in St. Dionysius in Frelenberg“, schwärmt der Fachmann.

Matthias Dichter zählt in Gedanken die Glocken in Übach-Palenberg durch und kommt auf 33 Stück. Auch Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch hatte einiges von dem Glockenexperten aus der Stadt gehört und ihn schon ins Rathaus eingeladen. Hier erzählt Matthias Dichter von Gussverfahren, Klangvolumen und Schlagtönen, und schon bald kommt er aus dem Fachsimpeln nicht mehr heraus.

Auf die Frage von Wolfgang Jungnitsch nach der schwersten Glocke der Welt weiß er ebenfalls direkt die Antwort: „Das ist die 200 Tonnen schwere Zarenglocke aus Bronze im Kreml in Moskau.“ Zum Vergleich: Die größte Glocke im Petersdom in Rom wiegt um die 9,5 Tonnen.

Matthias Dichter erinnert an den ersten Glockenguss seit 200 Jahren im Schlosspark von Trips vor wenigen Wochen. „Diese Glocke hat einen verworrenen Teilton“, hat er festgestellt. Hier sei eine moderne Glocke modifiziert worden, um einen alten Ton, wie damals üblich, zu erzeugen. „Jede Glocke ist immer ein Kunstwerk“, schwärmt Matthias Dichter.

Dem Bürgermeister hat er auch erzählt, dass es zwei Gießverfahren gebe, einmal den in den Niederlanden gern verwendeten Sandguss und den traditionell in Deutschland gebräuchlichen Lehmguss. Berti Davids-Heinrichs, Nachbarin von Matthias Dichter in Zweibrüggen, verweist auf die 700-Kilogramm-Glocke, die bei Matthias Dichter im Garten steht und auf ihren Einsatz wartet. „Die stammt aus Krefeld-Uerdingen, wo das Geläut ausgetauscht wurde. Mit einem Tieflader haben wir sie nach Übach-Palenberg gebracht“, berichtet Matthias Dichter. Demnächst soll die Glocke gesandstrahlt und lackiert werden. Danach bekommt sie einen eigenen kleinen Turm im Garten, so dass sie bei Bedarf erklingen kann.

Auch in diesen Zeiten ist der Glockenexperte wieder viel gefragt, und sein Ruf eilt ihm quer durch Deutschland voraus. Kürzlich hat er die Pfarre St. Nikolai in Lüneburg bei der Anschaffung einer neuen Glocke beraten. Matthias Dichter, der die Waldorf-Schule in Aachen besucht, möchte sein Hobby zum Beruf und eine Ausbildung zum Glockensachverständigen machen. Doch schon heute können sich die Zuhörer wundern, wie kurzweilig Matthias Dichter über sein Fachgebiet referieren kann.

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