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Kinder auf der Suche nach dem Kick: Wege aus der „Brüllfalle”

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
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Wenn Kinder nicht hören, wollen sie ihre Eltern nicht ärgern. In ihrem Spiel leben sie in einer eigenen Welt. Foto: ddp

Geilenkirchen. Mutter Frieda hat liebevoll den Tisch gedeckt. Das Essen ist fertig. „Tobi, komm essen”, ruft sie ins Kinderzimmer hoch. Doch keine Reaktion. Tobi rührt sich nicht. Mutter Frieda ist langsam ungehalten. „Tobi, komm essen”, ruft sie erneut. Doch immer noch kein Tobi in Sicht. Mutter Friedas Stimme wird lauter: „Tobi!!!”

In der Erziehung sind Respekt und Gewaltlosigkeit oberstes Gebot. Aber Eltern müssen sich auch durchsetzen. Wie sollen sie sich verhalten? Was soll man tun, wenn Kinder nach fünfmaligem Bitten immer noch nicht reagieren?

Wege aus der Brüllfalle kennt Dipl. Pädagogin Brigitte Maas, seit 1992 als Pädagogische Mitarbeiterin im Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung in Gillrath tätig.

Eines steht fest: Eltern sind bei der Erziehung ihrer Kinder schnell in eine Brüllfalle getappt, Diskussionsstoff gibt es reichlich: Zimmer aufräumen, abends länger aufbleiben, fernsehen, Hausaufgaben, Kleidung, Computerspiele und Taschengeld sind oft leidige Themen und Gründe für Konflikte. Brigitte Maas: „Hören Kinder nicht auf ihre Eltern, wollen sie sie auf keinen Fall ärgern.”

Die Pädagogin hat auch eine Erklärung für das Verhalten des Kindes: „Kinder leben in ihrem Spiel in einer eigenen Welt. Spielt der Junge in seinem Kinderzimmer Ritter, lebt er gedanklich in einer Ritterburg. Das Spiel wird zur Realität, das Kind lebt seine Fantasie aus. Und da passt es in diesem Moment nicht, wenn ich es zum Essen rufe.” In diesem Fall müssten die Eltern in die Welt des Kindes vordringen und es dort erreichen.

Der schallende Ruf durchs Haus „Tobi, komm essen” ist demnach der falsche Weg. „Hört das Kind nicht, muss man nicht lauter werden. Die Mutter sollte ins Kinderzimmer hochgehen und den Blickkontakt suchen. Hilfreich ist auch eine kurze Berührung am Arm, um das Kind in seiner Welt zu erreichen. Durch Brüllen, Zeichen der Hilflosigkeit und Ohnmacht, machen sich Eltern unglaubwürdig. ”

„Kinder brauchen Grenzen, um eine klare Orientierung zu haben. Und wenn ich eine Regel aufstelle, muss ich auch dabei bleiben”, rät die Pädagogin. Denn sie weiß: „Wenn ich das Kind einfach lasse, wird es orientierungslos. Suchtgefahr ist eine Folge, weil Kinder nicht gelernt haben, innerhalb von Grenzen zu leben. Sie sind immer auf der Suche nach dem nächsten Kick.” Dabei plädiert Brigitte Maas für flexible Grenzen, nicht autoritär von oben herab aufdiktiert.

Und sie rät zu Familienkonferenzen, wo dann folgende Fragen geklärt werden könnten: Wie halte ich welche Regel ein? Welche Regeln sind sinnvoll? „Dabei sollten Kinder ein Mitbestimmungsrecht haben”, sagt die Pädagogische Mitarbeiterin des Forums. Brigitte Maas hält in dem Zusammenhang auch eine gemeinsame Mahlzeit am Tag für äußerst wichtig. „Das Familienleben wird am einfachsten bei einem gemeinsamen Essen gepflegt.”

Doch sie bedauert auch: „Kochen spielt heute nicht mehr die Rolle. Viele leben von einem Snack. Berufsbedingt und durch unterschiedliche Schulzeiten werden gemeinsame Mahlzeiten immer weniger.” Brigitte Maas klagt auch über fehlende Rituale: das Kind ins Bett bringen, vorlesen, bestimmte Lieder singen. „Das kann auch gemeinsames Fernsehen sein, es muss nur etwas Verbindendes sein.”

Bei Nichtbeachten der aufgestellten Regeln müssen Konsequenzen folgen. Sicherlich nicht die berühmte Ohrfeige, und auch Brüllen ist nicht die richtige Antwort. „Geht es um Konsequenzen, sind kreative Eltern gefragt. Sie müssen sich fragen, was in der Situation möglich ist. Hat ein Kind beispielsweise entgegen der Absprache länger am Abend ferngesehen, könnte als Konsequenz der Fernseher aus dem Kinderzimmer entfernt werden. Bittet die Mutter das Kind, den Tisch zu decken, und es folgt der Bitte nicht, könne die Mutter beispielsweise den Tisch für die Familie decken, nur nicht für das Kind.

„Besonders in der Pubertät sind die Eltern Sparringspartner ihrer Kinder. Sie probieren einfach ihre Grenzen aus und wollen die Grenzen spüren.” Dabei müssten Kinder aber auch einen Spielraum haben, formuliert Brigitte Maas den Begriff von „Freiheit in Grenzen.”

„Wege aus der Brüllfalle” lautet der Titel einer Informationsveranstaltung, die Dipl. Pädagogin Brigitte Maas anbietet. Sie findet statt am Montag, 8. November, 20 bis 22.15 Uhr, im Haus des Forums in Geilenkirchen-Gillrath, Karl-Arnold-Straße 95. Eine verbindliche Anmeldung ist erforderlich beim Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung in Mönchengladbach: 02161/980639 oder 02451/64363. Ein an diesem Abend gezeigter Film bietet praktische nachvollziehbare Lösungen an, die anschließend gemeinsam diskutiert werden.
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