Kein Glasfaserkabel: Rischden lebt noch in der Kupferzeit

Von: Robert Baumann
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Von einer Internetverbindung mit Glasfaserkabel kann Familie Derdak aus Rischden nur träumen. Dabei liegt die schnelle Datenautobahn ganz nah vor ihrer Haustüre. Foto: dpa
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Braucht gute Nerven, wenn er im Internet etwas herunterladen möchte: Achim Derdak aus Geilenkirchen-Rischden. Foto: Robert Baumann
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Erlebt Rischden noch das digitale Zeitalter? Foto: Robert Baumann

Geilenkirchen-Rischden. Wenn Achim Derdak im Internet eine größere Datenmenge herunterladen möchte, kann das schon mal zehn bis zwölf Stunden dauern. „Und wenn die Verbindung zusammenbricht, muss man wieder von vorne anfangen“, sagt der 49-jährige Familienvater.

Da wird der Download schnell zu einer Geduldsprobe. „Ich ärgere mich mindestens drei bis vier Mal in der Woche über unser langsames Internet“, sagt Derdak. Sobald ein Familienmitglied im Internet surfe, sei „Feierabend“. An zwei oder mehr Rechnern im Haus gleichzeitig ins Netz gehen? Undenkbar!

Die langsame Datenverbindung im knapp mehr als 100 Einwohnern zählenden Geilenkirchener Vorort Rischden ist vor allem für Derdaks Kinder ein Problem. Sohn Christopher (21) will Unterlagen für die Hochschule im Netz herunterladen, Tochter Carolin (17) bei Youtube ein Video schauen. Das Video stockt immer wieder, der Download zieht sich in die Länge. Das führt zu Unmut und Ärger.

Nur Kupferkabel

„Ob wir das digitale Zeitalter in unserem Ort noch erleben?“, fragt sich Derdak. Über die „Digitale Agenda“ der Bundesregierung, die bis 2018 überall in Deutschland Übertragungsgeschwindigkeiten von 50 Megabit pro Sekunde erreichen und sich dabei vor allem um schlecht versorgte ländliche Regionen kümmern will, kann Derdak nur müde schmunzeln. Ihm und seiner Familie bleiben aktuell nur DSL-Technik, bei der statt der schnellen, modernen Glasfasern nur Kupferkabel die Daten übertragen.

Dabei liege die schnelle Datenautobahn so nah vor seiner Haustüre, sagt Derdak. Nur 300 Meter entfernt, schätzt er. „Seit 2008 liegt ein Glasfaserkabel bis kurz vor Rischden. Die Politiker und die Telekom waren bisher nicht in der Lage, dort eine Schnittstelle zu installieren und nur noch die letzte Meile mit einem Kupferkabel zu versorgen“, sagt er.

So einfach sei ein Anschluss allerdings nicht, erklärt André Hofmann, Pressesprecher der Telekom auf Nachfrage unserer Zeitung. Es sei zwar richtig, dass die Telekom eine Firma im angrenzenden Gewerbegebiet seit 2008/2009 mit einem Glasfaserkabel versorge. Um Rischden an solch eine Verbindung anzuschließen, würde aber schnell eine sechsstellige Summe fällig, sagt Hofmann. Solch hohe Kosten würden sich bei einem kleinen Ort wie Rischden für die Telekom nicht lohnen. Für die Zukunft gebe es auch erstmal keine Pläne für den Ort Rischden, gibt der Pressesprecher zu.

Doch nicht nur in den heimischen vier Wänden muss Achim Derdak gute Nerven beweisen. Auch auf seiner Arbeitsstelle bei einem Unternehmen für Fahrzeuglackierungen im Gewerbegebiet Niederheid geht es in Sachen Internet oft gemächlich zu. „Es ist ein klarer Wettbewerbsnachteil, wenn man ständig ins Stocken gerät“, sagt der technische Leiter und Prokurist. Die Automobilbranche sei sehr schnelllebig, und die Kunden möchten zügig bedient werden. Ohne schnelles Internet sei auf Dauer die Existenz eines Unternehmens bedroht, redet der 49-Jährige Klartext.

20 Milliarden Euro

Wie bei vielen Breitband-Technologien hapert es auch bei Glasfaser-Anschlüssen vor allem auf dem Land. Aktuell sind schnelle Internetzugänge mit Übertragungsgeschwindigkeiten von 50 Megabit pro Sekunde in 64 Prozent der deutschen Haushalte verfügbar. Doch der Ausbau ist teuer und lohnt sich am ehesten in städtischen Gebieten. Für eine volle Abdeckung wären laut Schätzungen Investitionen von 20 Milliarden Euro nötig. Die Telekom ist nicht der einzige Anbieter, der sich deshalb dazu entschlossen hat, den Ausbau dort voranzutreiben, wo auch genügend Interesse besteht.

Die Deutsche Glasfaser Holding GmbH erschließt beim Glasfaserausbau im Stadtgebiet Geilenkirchen momentan die Ortsteile Waurichen, Immendorf, Prummern, Beeck und Süggerath. „Wir wollen die kleinen Netze weiter verdichten und ausbauen. Aber wir sagen nicht mehr, wann wir welche Orte anschließen“, sagt Gerda Meppelink, Vorstandsmitglied der Deutschen Glasfaser Holding GmbH. Das habe in der Vergangenheit häufig zu Unmut geführt. Die Reihenfolge beim Ausbau sei aber immer dieselbe: Zuerst werde der Hauptort erschlossen, dann die Gewerbegebiete und zuletzt die Neubaugebiete.

Noch in diesem Monat soll es Gespräche der Stadt Geilenkirchen mit der Deutschen Glasfaser Holding GmbH geben. Dabei soll es in erster Linie um bereits bestehende Anschlüsse gehen. „Wir müssen aber auch klären, wie es mit anderen Ortschaften weitergeht“, sagt Bürgermeister Thomas Fiedler. „Für die Zukunft wünsche ich mir einen 100-prozentigen Internetanschluss mit Glasfasern für Geilenkirchen.“ Vor allem der Anschluss der Gewerbegebiete ist ein großer Wunsch des Bürgermeisters.

Achim Derdak will sich derweil im Internet auf einer Nachrichtenseite schnell noch vor dem Abendessen über das Weltgeschehen informieren. Das Laden der Seite dauert ewig. „Meine Frau stöbert bestimmt gerade wieder in einem Online-Katalog“, sagt er und lacht. Gleichzeit im Internet surfen geht eben nicht bei Familie Derdak.

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