Geilenkirchen - Im Jahr 1852 wurde der Bahnhof für den Personenverkehr eröffnet

Im Jahr 1852 wurde der Bahnhof für den Personenverkehr eröffnet

Von: Johannes Gottwald
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Frisch renoviert steht der Bah
Frisch renoviert steht der Bahnhof Geilenkirchen heute da. Er wurde, ebenso wie der Bahnhof Lindern, im spätklassizistischen Stil erbaut.

Geilenkirchen. Noch vor genau 200 Jahren, als sich Kaiser Napoleon mit seiner Grande Armée auf dem Kriegszug nach Russland befand (der dann in einer denkwürdigen Winterkatastrophe enden sollte), war für die Menschen in unserer Region Mobilität noch ein Fremdwort.

Der durchschnittliche Dorfbewohner verließ kaum einmal in seinem Leben seine nähere Umgebung, eine Fahrt nach Aachen mit der Postkutsche dauerte mehrere Stunden - und nur Besserverdienende konnten sich diesen Luxus leisten. Handwerkergesellen, die auf der „Walz” in ferne Gegenden reisten, waren oft Monate oder Jahre unterwegs.

Nur 30 Jahre später hatten sich die Verhältnisse grundlegend geändert: Die Erfindung des Telegraphen revolutionierte binnen kurzer Zeit das Nachrichtenwesen. Wirtschaftliche und politische Ereignisse verbreiteten sich in Minutenschnelle über ganz Europa. Nahezu zeitgleich war in Deutschland - ebenso wie in anderen europäischen Staaten - ein wahres Eisenbahnfieber ausgebrochen. Das neue Verkehrsmittel ermöglichte erstmals in großem Umfang den Transport von Gütern und Menschen und trug ebenso dazu bei, dass Städte, Länder und Kontinente zusammenrückten. Schon damals - und nicht etwa erst im ausgehenden 20. Jahrhundert - fiel der Startschuss für eine Entwicklung, die wir heute als „Globalisierung” bezeichnen.

1835 rollten die ersten Personenzüge von Nürnberg nach Fürth, zwei Jahre später wurde bereits mit dem Bau der ersten Fernstrecke von Dresden nach Leipzig begonnen, 1841 erhielt Aachen von Köln aus seinen Eisenbahnanschluss, wenig später war die Verbindung nach Belgien hergestellt. Und damit stand auch für die Region Geilenkirchen der Eintritt ins technische Zeitalter bevor.

Im Jahre 1845 gründete sich die Aachen-Neuss-Düsseldorfer Eisenbahngesellschaft. Spiritus rector war der Aachener Kaufmann und Versicherungsmagnat David Hansemann, der schon am Bau der Strecke Köln-Aachen maßgeblich beteiligt war und zu den tatkräftigsten Förderern des Eisenbahnwesens im Rheinland gehörte. Am 21. August 1846 erhielt die neue Gesellschaft vom preußischen Staat die Konzession zum Bau einer Linie, die von Oberkassel über Mönchengladbach, Erkelenz und Geilenkirchen nach Aachen führen sollte. Schon bald ging man an die konkrete Planung - das Ziel war die wirtschaftliche Anbindung der Aachener Region sowie der Wurmtaler Steinkohlenzechen (Voccart, Laurweg) an die Rheinhäfen in Düsseldorf und Neuss. Auch die Mönchengladbacher Textilindustrie erhoffte sich dabei starke Impulse.

Der Baubeginn verzögerte sich jedoch durch den Ausbruch der deutschen Revolution 1848/49. Die Folge waren finanzielle Schwierigkeiten, die einen Zusammenschluss mit der Ruhrort-Crefeld-Kreis Gladbacher Eisenbahngesellschaft notwendig machten. 1850 wurde in Aachen die „Königliche Direktion der Aachen-Düsseldorf-Ruhrorter Eisenbahn” errichtet. Inzwischen hatte sich die politische Lage wieder beruhigt und die Pläne konnten nun realisiert werden.

Die Errichtung der Bahntrasse und die Montage des Schienenstranges vollzogen sich mit einem selbst aus heutiger Sicht erstaunlichen Tempo. Ausgangspunkt war die niederrheinische Stadt Viersen, damals Endstation einer bereits 1849 eröffneten Strecke, die über Krefeld und Moers-Trompet nach Duisburg-Homberg führte. Schon im Jahr 1851 wurde mit dem Bau der Bahnhöfe entlang der vorgesehenen Linie begonnen, im Februar 1852 vollendete man das erste Teilstück zwischen Viersen und Rheydt Hauptbahnhof. Schon im November des gleichen Jahres hatte der Schienenstrang bereits Herzogenrath erreicht und ab dem Januar 1853 war die gesamte Strecke bis nach Aachen durchgängig befahrbar.

Die offizielle Eröffnung des Personenverkehrs wurde vielerorts festlich begangen, so auch am 11. November 1852 in Geilenkirchen. Die Heimatblätter des Kreises Geilenkirchen berichten: „Der hiesige Bahnhof war schön mit Maien geziert, die in der Nähe gelegenen Häuser waren mit Fahnen geschmückt, das Bahnhofsgebäude beflaggt und schön dekoriert. Der Festzug langte nach 1 Uhr mittags unter Böllerschüssen an. Nach der Begrüßung durch den Landrat und der Vorstellung der hiesigen Behördenleiter eilte der Zug im Fluge nach Herzogenrath und von dort zurück nach Rheydt zum Festessen”.

Auch der Nachbarort Lindern erhielt damals seinen Bahnhof. Das Empfangsgebäude wurde im gleichen spätklassizistischen Stil errichtet wie der Bahnhof Geilenkirchen - beide Bauwerke haben die Zeit überdauert und sind noch weitgehend unverändert erhalten. Dagegen hatte Übach-Palenberg zunächst noch keinen Eisenbahnanschluss - erst im Jahr 1881 ist dort ein Haltepunkt nachweisbar. Verständlich - wenn man bedenkt, dass Palenberg damals noch ein Weiler war, der aus nur wenigen Häusern bestand. Erst nach der Abteufung des Schachtes Carolus Magnus stieg die Einwohnerzahl stark an und man errichtete einen kleinen Bahnhof im Fachwerkstil, der 1936 einem repräsentativeren Klinkerbau Platz machen musste.

Die einheimische Bevölkerung nahm die Ankunft der neuen fauchenden „Dampfrösser” zunächst zurückhaltend wahr, aber die anfängliche Skepsis wich bald einer großen Euphorie, denn die Züge erreichten immerhin schon Spitzengeschwindigkeiten von 50 Stundenkilometern.

Der Beginn einer Zugreise unterschied sich von den heutigen Verhältnissen beträchtlich. Zunächst musste man sich im Bahnhofsgebäude am Schalter eine Fahrkarte kaufen. Nur die Fahrschein-Inhaber hatten Zutritt zum Bahnhofslokal, das aber erst eine halbe Stunde vor der Ankunft eines Zuges geöffnet wurde. Etwa fünf bis zehn Minuten vor dem Eintreffen des Zuges ertönte ein Glockenzeichen - jetzt erst durfte der Bahnsteig betreten werden. War der Zug eingefahren, wurden die Fahrgäste von den Schaffnern in Empfang genommen. Sie mussten die Fahrscheine abgeben und bekamen die Plätze zugewiesen. Damals gab es noch drei Wagenklassen - und übrigens auch schon Raucherabteile. Waren alle Leute eingestiegen, wurden die Zugtüren verschlossen und die Fahrt konnte beginnen. Die Fahrzeit von Geilenkirchen bis nach Aachen betrug damals etwa eine Stunde.

Bis zum Jahr 1870 war die Streckenführung zwischen Aachen und Duisburg durchgängig nur eingleisig, erst dann erfolgte der Ausbau zur doppelgleisigen Bahnlinie. Mehr als hundert Jahre wurde der Personen- und Güterverkehr nur mit Dampfloks betrieben, nach der Beiseitigung der erheblichen Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg begann 1968 die Elektrifizierung der Strecke. Seitdem werden hauptsächlich Elektroloks eingesetzt; von 1991 bis 2001 war Geilenkirchen sogar Interregio-Haltestation, heute wird der Bahnhof - ebenso wie Übach-Palenberg und Lindern - im Stundentakt von der Regionalbahn Aachen-Duisburg und dem „Wupper-Express” Aachen -Dortmund bedient.

Die Zeit bleibt nicht stehen: In den letzten Jahren hat die Deutsche Bahn AG viele Bahnhöfe in der Region weitgehend stillgelegt. Nur in Geilenkirchen befindet sich noch ein „Reisezentrum” im Bahnhof, Lindern und Übach-Palenberg wurden dagegen zu Haltepunkten degradiert.

Fahrkarten kann man dort nur noch am Automaten kaufen, Weichen und Signale werden per Computer ferngesteuert. In einem Teil des alten Bahnhofsgebäudes von Lindern, das nach wie vor als Gaststätte dient, wird jedoch die Erinnerung an die Vergangenheit pietätvoll gepflegt. Der derzeitge Betreiber Jürgen Esser hat zahlreiche Relikte gesammelt: alte Zugschilder, Fahrpläne und sogar den Dienstausweis einer Reichsbahnmitarbeiterin aus dem Kriegsjahr 1943 - ein perfektes Ambiente für Eisenbahn-Nostalgiker.
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