Geilenkirchen - Hebamme seit 20 Jahren, für 10 Euro pro Stunde

Hebamme seit 20 Jahren, für 10 Euro pro Stunde

Von: Anja Klingbeil
Letzte Aktualisierung:
Lieben ihren Beruf: Heike Dahm
Lieben ihren Beruf: Heike Dahmen (l.) und Ute Jurk. Foto: Anja Klingbeil

Geilenkirchen. Wer als freiberufliche Hebamme seinen Lebensunterhalt verdient, der muss richtig viel arbeiten. „Wir arbeiten mehr als 70 Stunden die Woche”, sagen Heike Dahmen und Ute Jurk. Und auch mit dem Urlaub ist das so eine Sache - der letzte ist nämlich schon eine ganze Weile her. Ungefähr zwei Jahre, schätzen die beiden.

Tag und Nacht sind sie im Dienst. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Immer mit einem Ohr am Handy. Das kann durchaus auch schon mal mitten in der Nacht klingeln. Dann heißt es raus aus den Federn. Viele schwangere Frauen schätzen die Begleitung und Unterstützung einer selbstgewählten Hebamme vor, während und nach der Geburt.

Doch seit dem 1. Juli haben sich die Bedingungen für Freiberufler drastisch verschärft: Die Beiträge für die Haftpflichtversicherung sind auf 4200 Euro pro Jahr gestiegen. Weil Hebammenverbände protestiert haben, wurden die Vergütungssätze erhöht. So soll eine Kompensation gelingen. „Diese sogenannte Erhöhung finde ich wirklich unwürdig”, sagt Ute Jurk. Pro Geburt gibt es ab sofort 8 Euro brutto mehr, macht 245 Euro. Dafür steht eine Hebamme aber auch bis zu zwölf Stunden einer Schwangeren zur Seite, begleitet sie bei der Geburt. Macht also ungefähr einen Brutto-Stundenlohn von gerade einmal 20 Euro. Wenn man bedenkt, welche Verantwortung die Geburtsbegleiterin gegenüber Mutter und Kind hat, nicht gerade sehr üppig.

Immer mehr Hebammen bieten deshalb verschiedene Zusatzleistungen an. „Nur mit Geburten allein könnte man nicht überleben”, sagen sie. Auch Heike Dahmen und Ute Jurk bieten in ihrer Praxis „Vita Nova” solche Leistungen an: Kurse zur Geburtsvorbereitung, Akkupunktur, Krabbelgruppen, Rückbildungsgymnastik, Sportkurse. Zusätzlich wollen sich die beiden zur Familienhebamme ausbilden lassen. Diese pädagogische Zusatzausbildung ist nötig, um Familien über einen langen Zeitraum zu betreuen.

Und das wird immer wichtiger, wie Heike Dahmen sagt. In ihrer Praxis hat die 49-Jährige immer mehr mit sehr jungen Frauen oder alleinstehenden Mütern zu tun. „Schon heute arbeiten wir eng mit dem Jugendamt zusammen”, sagt Ute Jurk. Dabei geht es nicht darum, ein Kind aus einer Familie zu holen, sondern dafür zu sorgen, dass es dem Kind in der Familie gut geht und die Eltern zu unterstützen, betont die 52-Jährige.

Von der Politik fühlen sich Dahmen und Jurk im Stich gelassen. „Wir sind zunehmend enttäuscht”, sagt Heike Dahmen. Alles, was sie sich wünschen, ist eine angemessene Bezahlung. „Für mich wären das 800 Euro pro Geburt, um die Frauen so zu betreuen, wie ich das gerne möchte”, sagt Dahmen. Wohl gerechtfertigt für einen Beruf, der weder Weihnachten, noch Neujahr oder Sonntage kennt. „Diesen Beruf muss man einfach leben - und die ganze Familie mit einem”, betont Ute Jurk. Das kann allerdings nicht jeder. „Es gibt viele Hebammen, die diesen Stress nicht aushalten. Die Diagnose Burnout gibt es in den vergangenen Jahren immer häufiger”, sagt Ute Dahmen.

Obwohl nur wenig Zeit für die Familie und für sie selbst bleibt: einen anderen Job als den der Hebamme auszuüben, kann sich keine der beiden vorstellen. Ihre Praxis gibt es immerhin schon seit 1998. „Wir sind wohl die am längsten bestehende Praxis in der Region”, sagt Heike Dahmen. Insgesamt acht freiberufliche Hebammen arbeiten im Kreis Heinsberg. Ländliche Gebiete haben eine Sonderstellung, in Städten sind die Hebammen eher an Krankenhäusern angestellt. Eine feste Anstellung allerdings können sich Heike Dahmen und Ute Jurk überhaupt nicht vorstellen. „Ich bin jetzt seit 28 Jahren freiberuflich tätig”, sagt Jurk. Auch ihr Tagesablauf ist strukturiert - aber eben nach ihren eigenen Vorstellungen.

Trotz aller Herausforderungen und dem großen Druck, der auf ihnen lastet: Die Geburt jeden Kindes, das gesund auf die Welt kommt, entschädigt sie - und das sind mittlerweile mehrere tausend.

Heike Dahmen und Ute Jurk suchen junge Hebammen, die bei ihnen in der Praxis das Handwerk von der Pike auf lernen wollen. „Auch bei Hebammen gibt es Nachwuchsprobleme”, sagt Heike Dahmen. Das liege vor allen Dingen an den unregelmäßigen Arbeitszeiten. „Dabei”, so sagt Heike Dahmen, „lernt man in diesem Beruf viele Menschen kennen. Das bringt viel Farbe ins Leben.”

Informationen und Kontakt: Hebammenpraxis Vita Nova, Konrad-Adenauer-Straße 218, E-Mail: info@vita-nova-gk.de oder Tel. 02451/904350.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert