Geilenkirchen - Haus Immendorf: Vom Adelssitz zum Herrenhaus und Landcafé

Haus Immendorf: Vom Adelssitz zum Herrenhaus und Landcafé

Von: Johannes Gottwald
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500 Jahre lang gehörte Haus Immendorf zum Besitz der Adelsfamilie von Mirbach. 1789 wurde anstelle der Immendorfer Burg ein neues Herrenhaus und ein Gutshof errichtet. 2007 wurde es in das Landcafé umgestaltet. Foto: Johannes Gottwald
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In Immendorf, gleich hinter der Kirche, zweigt die Von-Mirbach-Straße ab. Foto: Johannes Gottwald
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Ein Spross der Familie von Mirbach ließ sich in der Immendorfer Pfarrkirche beisetzen. Foto: Johannes Gottwald

Geilenkirchen. Im Ortskern von Immendorf, gleich hinter der Kirche, zweigt die Von-Mirbach-Straße ab, die nach Westen in Richtung Waurichen führt und bis an die Brücke über die B 221 reicht. Dort vermutet auch ein unbedarfter Durchreisender zu Recht, dass es sich bei diesem Namen um Blaublüter handelt, die etwas mit der Ortsgeschichte zu tun haben.

Die Familie von Mirbach gehört zu den ältesten rheinischen Adelsgeschlechtern und stammt ursprünglich aus dem gleichnamigen Ort in der Nähe von Daun in der Eifel. Nachdem sie dort jahrhundertelang ansässig gewesen war, erfolgte um 1448 die Aufspaltung in zwei Linien.

Heinrich der Jüngere von Mirbach erwarb 1458 durch Kauf die Burg Immendorf, die erstmals schon im Jahre 1296 erwähnt wird. Sein Sohn Reinhard und sein Enkel Heinrich konnten durch geschickte „Heiratspolitik“ ihren Besitz bedeutend vermehren; so kamen beispielsweise im Jahre 1528 Höfe und Ländereien in Schruffhausen, Gudderath und Brüggen hinzu. Eine überregionale Rolle erlangten sie jedoch niemals, und am Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Burg Immendorf an Adolf Gotthard von Mirbach zu Harff, einen Vertreter der älteren Linie, vermacht.

Diese ältere Linie des Geschlechtes von Mirbach erwies sich als erfolgreicher. Sie erwarb nicht nur Schloss Harff bei Kaster (daher die Bezeichnung: zu Harff), sondern auch andere Landgüter in Ophoven, Honsdorf und Rurkempen.

Schloss Harff wurde zu einem prächtigen Adelssitz ausgebaut, der leider 1974 dem Braunkohlentagebau zum Opfer fallen sollte. Dagegen wurde die Burg Immendorf niedergelegt; an ihre Stelle trat 1789 ein vornehmes, aber schlichter gehaltenes Herrenhaus sowie weitere landwirtschaftliche Anbauten, die bis heute erhalten sind.

Durch Einheirat in andere Adelsfamilien entstanden weitere Linien und Familienzweige der Mirbachs, die sich bald bis nach Österreich, Böhmen, Ostpreußen und Kurland ausbreiteten. Im 18. und 19. Jahrhundert stellte die Familie von Mirbach verschiedene namhafte Offiziere, Politiker und Diplomaten, was sich auch in Standeserhöhungen ausdrückte.

1840 wurde Johann Wilhelm von Mirbach zu Harff vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. in den Grafenstand erhoben. Ernst von Mirbach, ein entfernter Verwandter aus der ostpreußischen Linie, stieg zum preußischen Generalleutnant auf und wurde 1888 sogar Oberhofmeister von Kaiserin Auguste Victoria, der Gattin von Wilhelm II.

Er vertrat die Kaiserin bei ihren zahlreichen caritativen und kirchlichen Aktivitäten und war maßgeblich an der Errichtung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und am Bau einiger Gotteshäuser in Jerusalem beteiligt. Die finanziellen Mittel dafür erwarb er durch ständige Spenden- und Sammelaktionen, die in der Öffentlichkeit nicht nur Zustimmung fanden.

So kursierte in Berlin ein Witz, in dem Straßenjungen einem Glatzkopf zurufen, der seinen Hut lüftet: „ Passen Sie auf, dass der Mirbach den freien Platz auf Ihrem Kopf nicht sieht – sonst baut der Ihnen eine Kirche dorthin!“ Und selbst der bayrische Volksdichter Ludwig Thoma reimte etwas boshaft: „Von Mirbach achtet keinen Spott, er tat es für den lieben Gott“.

Schloss Harff und Haus Immendorf waren zu dieser Zeit schon an einen anderen Ernst von Mirbach gefallen, der aus einer österreichischen Linie stammte und an den Niederrhein übersiedelte, um sein Erbe anzutreten. Er übernahm auch den Grafentitel und sein Sohn Wilhelm Graf von Mirbach machte eine vielbeachtete Diplomatenkarriere.

1908 bis 1911 wirkte er als Botschaftsrat in St. Petersburg, ab 1915 als Botschafter in Athen und kurz nach der Oktoberrevolution wurde er als deutscher Gesandter nach Moskau beordert, um dort für die finanzielle Unterstützung der neuen bolschewistischen Regierung unter Lenin durch die deutsche Reichsregierung zu sorgen und diplomatische Möglichkeiten für die Freilassung der Zarenfamilie auszuloten.

In Moskau war die Lage hochexplosiv: Der harte Friedensschluss von Brest-Litowsk bedeutete für Russland hohe Gebietsverluste und führte zu einer Welle nationaler Empörung, die leicht zum Sturz des Regimes und zur Wiederaufnahme der Kampfhandlungen führen konnte.

Am 6. Juli fiel Graf von Mirbach einem spektakulären Attentat zum Opfer: Die beiden Revolutionäre Jakow Blumkin und Nikolai Andrejew hatten ihn zum Schein um eine Unterredung in der Botschaft gebeten und waren eingelassen worden. Mitten im Gespräch zogen beide plötzlich die Revolver und schossen auf den Botschafter, der aber nur leicht am Kopf verletzt wurde. Daraufhin warfen sie eine Handgranate in den Raum und sprangen aus dem Fenster, um der Detonation zu entgehen, die Graf von Mirbach so schwer verletzte, dass er kurz darauf verschied.

Die Bluttat sollte das Signal zu einem bewaffneten Aufstand der Sozialrevolutionäre gegen Lenin bilden, der jedoch rasch von den Kommunisten niedergeschlagen wurde. Die Attentäter konnten entkommen, einer von ihnen wurde aber 1929 auf Befehl Stalins liquidiert, da er zu den Anhängern Trotzkis zählte.

Mehr als 50 Jahre danach sollte noch ein weiterer Angehöriger der Familie von Mirbach im diplomatischen Dienst ermordet werden: 1975 wurde der Militärattaché Andreas von Mirbach bei dem terroristischen Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm als Geisel genommen und erschossen.

Auf ganz andere Weise Schlagzeilen machte dagegen die Freiin Maria Celine von Mirbach, eine Nichte des erwähnten kaiserlichen Oberhofmeisters. In Antwerpen aufgewachsen, kam sie 1914 mit ihrer Familie nach Deutschland und lebte viele Jahre als gesuchte Cello-Lehrerin in Potsdam. Während der Nazi-Zeit verhalf sie vielen mit ihr befreundeten Juden zur Flucht oder versteckte sie unter Lebensgefahr in ihrem eigenen Haus. Dafür wurde sie 1981 vom Staat Israel mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. In Potsdam wurde später ihr zu Ehren eine Straße benannt.

Auch heute noch leben Nachkommen der Grafen von Mirbach im Rheinland, aber Haus Immendorf gehört nicht mehr zu ihrem Besitz. 1955 wurde das Anwesen an den aus Frimmersdorf stammenden Bauern Adolf Wirtz veräußert, der in den folgenden Jahrzehnten den landwirtschaftlichen Betrieb weiterführte. Ab 2007 gestalteten seine Erben den Gutshof zum heutigen „Landcafé“ um.

Damit ist Haus Immendorf wieder ein Mittelpunkt des Orts geworden – Treffpunkt nicht mehr nur für Aristokraten, sondern für alle Gesellschaftsschichten.

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