Hals über Kopf die Großeltern in der DDR verlassen

Von: Karl-Heinz Hamacher
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Fast 30 Jahre lang war die Ber
Fast 30 Jahre lang war die Berliner Mauer nur auf Gemälden für die Massen durchlässig, wie hier ein Bild der East-Side-Galley zeigt. Foto: Karl-Heinz Hamacher

Gangelt. Rund 11.000 Tage trennte die Berliner Mauer Ost und West. Eine, die fast 30 Jahre täglich mit diesem Thema befasst war, ist die Gangelterin Brigitte Meuffels. „Der Tag des Mauerbaus war der schrecklichste in meinem Leben, der schönste war dann der, als ich im Fernsehen sah, wie die Menschen durch eine Maueröffnung in Berlin an den Grenzern vorbei in den Westen konnten!”

Wie viele Male vorher war Brigitte Bertram, wie sie damals noch hieß, mit ihrem drei Jahre älteren Bruder Klaus-Dieter zu den Großeltern nach Ottleben in der Nähe von Magdeburg gefahren. „1961 war es die erste Reise, bei der wir nicht von unserem Vater begleitet wurden”, so Brigitte Meuffels, die damals neunjährig mit dem Bruder (12) dem Zug von Paris nach Magdeburg in Aachen zustieg.

„Ein riesengroßer D-Zug”, erinnert sie sich: „Vor der Lokomotive hatten wir richtig Respekt!” Was „Interzonenzug” bedeutete, konnten die beiden nicht ermessen - drei Wochen später wurde es ihnen mehr als deutlich. „Opa und Oma waren wohl nicht ganz linientreu”, lacht Brigitte Meuffels über ein sich oft wiederholendes Ritual. „Der Schlagladen vor den Fenstern wurde abends zugemacht, der Hund von der Leine gelassen und dann West-Fernsehen geguckt.” Gute Filme und kritische Berichterstattung waren das, was über die Zusatzantenne unter dem Dach empfangen wurde.

Rund um den 13. August 1961 war es, als der Fernsehsender des Klassenfeindes vom Bau der Mauer berichtete und die Großeltern in helle Aufregung versetzte. Die aktuellen Ereignisse gepaart mit Vorfällen aus der Vergangenheit machten ein umgehendes Handeln erforderlich; die beiden Kinder wurden sofort für die vorzeitige Rückreise in die Heimat nach Aphoven bei Heinsberg vorbereitet.

Der Vater von Klaus-Dieter und Brigitte, Fritz Bertram, gehörte zu den über zwei Millionen Menschen, die zwischen 1949 und 1961 aus der DDR in den Westen geflohen waren. Die einen kamen mit den Kommunisten nicht klar, die anderen erhofften sich ein besseres Leben im Westen.

Zwar waren die Grenzen zwischen Ost- und Westdeutschland bereits 1952 geschlossen, doch über die offenen Sektorengrenzen war die Reise ohne Gefahren möglich. Um diesem Flüchtlingsstrom ein Ende zu bereiten, sah die DDR-Regierung 1961 keinen anderen Weg, als die Grenzen mittels einer Mauer zu schließen. Dass Fritz Bertram Polizist war, machte für die DDR-Führung die Flucht um so verwerflicher - Landesverrat nannte man das damals schon.

Für die Reise von Ottleben nach Aphoven brauchten die Kinder mit dem Zug zehn Stunden. Fritz Bertram flüchtete mit Klaus-Dieter zu Fuß und brauchte dafür vier Tage. „Genau kann ich mich natürlich nicht mehr erinnern”, so Brigitte Meuffels, die aber aus späteren Erzählungen der Mutter wusste, dass die Eheleute eine Legende „gestrickt” hatten.

„Mein Mann ist mit einer anderen Frau durchgebrannt”, sollte gesagt werden, wenn sich Kollegen nach Fritz Bertram erkundigt hätten. Später kam die Mutter nach und die Familie lebte glücklich zusammen. Klaus-Dieter war 1948 in Schönebeck in der DDR geboren, Brigitte 1952 in Aphoven. „Grausam und schrecklich”, so erinnert sich Brigitte Meuffels an die Umstände der überstürzten Abreise von den geliebten Großeltern.

Russische Kontrolleure hielten den Opa fest, der seine Enkel nicht zum Bahnsteig begleiten und nicht mehr umarmen durfte. „Wir hatten die schweren Koffer zu schleppen”, und in allem Elend kann sie heute darüber lachen, dass die Koffer deshalb so schwer waren, weil jede Menge Wurstwaren vom Bauernhof darin versteckt waren.

Wenn er auch nur ein Jahr älter gewesen wäre, so gaben die Kontrolleure Klaus-Dieter zu verstehen, wäre er nicht in den Zug Richtung Heimat gestiegen - schließlich war er in der DDR geboren.

Ähnliche Szenen, schreckliche Szenen spielten sich um die beiden Kinder auf dem Magdeburger Bahnhof ab. Spätestens in diesem Moment bekamen die wunderbaren Erinnerungen um das kindgerechte Landleben bei den Großeltern Risse.

Die Geschehnisse in der DDR und die Geschichten und Nöte der Menschen hinter der Mauer hat Brigitte Meuffels all die Jahre von Gangelt aus intensiv verfolgt. „Was wünschen Sie”, fragte die Großmutter, als sich die inzwischen verheiratete Brigitte Meuffels mit ihrer 1957 geborenen Schwester Hannelore 1979 unangekündigt auf den Weg nach Ottleben machte und vor der Türe des Bauernhofs standen. „Was haben die sich gefreut, als sie mich wieder erkannten!”

1989, nach der Maueröffnung, folgte noch ein Besuch mit ihrem Mann Hans. „Mausi ist da”, verkündete die Verwandtschaft dem inzwischen verwitweten Großvater, den Besuch der mittlerweile gestanden Frau mit dem Spitznamen aus Kindertagen. „Du bist kräftig geworden”, zollte Opa Respekt, um dann in seinen Erzählungen von damals die Mauer aus seinem Kopf verschwinden zu lassen.
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