Übach-Palenberg - Grauenvolle Last von der Seele schmeißen

Grauenvolle Last von der Seele schmeißen

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
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Entsetzliche Szenen erwarten die Rettungskräfte oft an der Unfallstelle, die psychisch verarbeitet werden müssen. Unser Bild zeigt Dr. Heiner Buschmann bei einer Ubung in Ubach. Foto: Markus Bienwald

Übach-Palenberg. Samstag, 19. September 1999, 4.12 Uhr, Bundesstraße 221, Verkehrsunfall, mehrere eingeklemmte Personen. Das Szenario - schrecklich. Frontalzusammenstoß zweier Pkw mit etwa 80 km/h. Das eine Fahrzeug war besetzt mit vier Jugendlichen. Zwischen 17 und 19 Jahren.

Den anderen Pkw fuhr ein 18-jähriger junger Mann. Bilanz des Unfalls: ein Toter, vier Polytraumata, davon zwei mit offenem Schädelhirntrauma, zwei Personen eingeklemmt.

Der Übach-Palenberger Allgemeinmediziner Dr. Heiner Buschmann ist als Notarzt um 4.25 Uhr an der Unfallstelle, stellt den Tod des jungen Mannes fest und kümmert sich um die Befreiung der jungen eingeklemmten Patientin.

Als der tödlich verunglückte junge Mann in den Sarg gelegt wird, schaut Buschmann ihn noch einmal an und sagt zu den Polizisten: „Den kenn ich doch, zeigt mir doch mal den Ausweis.” Doch der Ausweis sagt ihm zunächst nichts. Aber ein eigenartiges, bisher nicht gekanntes Gefühl beschleicht ihn. Später, zu Hause auf der Terrasse, hing er weiter seinen Gedanken nach. Und plötzlich hatte er Klarheit: Der Verletzte war ein guter Freund seiner damals 16-jährigen Tochter. Zwei Tage zuvor hatte er noch mit ihm gesprochen.

Tag für Tag sind sie im Einsatz: Mediziner, Feuerwehrleute, Rettungskräfte. Und sie stoßen auf entsetzliche Geschehnisse. Auf Bilder des Grauens: Da gibt es Opfer schwerster Stromverletzungen. Die Menschen sind fast verkohlt, aber leben noch und schreien. Da werfen sich Menschen vor den Zug, ihre Körperteile sind über die Bahngleise verstreut. Da stoßen Rettungskräfte auf Brandleichen im brennenden Haus und auf Tote nach einem Verkehrsunfall. Und manchmal handelt es sich bei diesen Toten sogar um gute Freunde.

Doch wie gehen die Rettungskräfte selbst mit den belastenden Eindrücken um? Im Einsatz? Danach? Auch Rettungskräfte haben Seelen. Auch sie sind verletzbar. Mitglieder von Feuerwehren, so auch der Übach-Palenberger Dr. Heiner Buschmann, haben ihre Eindrücke niedergeschrieben. Entstanden ist daraus das von Günter Nuth, Einsatzleiter bei der Berufsfeuerwehr in Düsseldorf und Fachberater für Psychotraumatologie, herausgegebene Buch „Blaulicht im Feuer”.

Wenn Buschmann über die psychische Belastung der Einsatzkräfte spricht, weiß er nur zu genau, wovon er redet. Der seit 1987 in Palenberg niedergelassene Allgemeinmediziner hat schon im Rahmen seiner ärztlichen Ausbildung „die Liebe zur Notfallmedizin verspürt, weil man aktive Medizin betreibt, kurzfristig die richtigen Entscheidungen treffen muss, die letztendlich über Leben und Tod entscheiden”.

Seit 1991 ist er Mitglied der Feuerwehr und als Feuerwehrarzt für die Wehren der Stadt Übach-Palenberg verantwortlich. Dazu ist er sekundärer Notarzt, der dann alarmiert wird, wenn der krankenhausgebundene Notarzt im Einsatz ist oder Großschadensfälle mehr als einen Notarzt erfordern. Als beim Loveparade-Unglück alle Notärzte des Kreises Heinsberg in Duisburg eingesetzt waren, war Buschmann Leitender Notarzt für den gesamten Kreis Heinsberg.

„Die freiwilligen Helfer haben keine grundprofessionelle Ausbildung, um mit der psychischen Belastung fertig zu werden”, weiß Buschmann aus Erfahrung. Deshalb wurde vor zwei Jahren unter Federführung von Kreisbrandmeister Karl-Heinz Prömper das PSU-Team (Psychosoziale Unterstützung) gebildet, dem Fachleute vom Diplom-Psychologen bis zum Pfarrer angehören.

In psychisch schwer belastenden Situationen ist das PSU-Team dafür verantwortlich, dass mit den betroffenen Helfern umgehend nach dem Schadensereignis ein Gespräch geführt wird. Ein zweites Gespräch schließt sich nach vier Wochen, ein drittes nach einem halben bis einem Jahr an. „Diese Schritte sind unbedingt einzuhalten, um posttraumatische Belastungsstörungen zu vermeiden. Hinzu kommen kameradschaftliche Gespräche in der Löscheinheit”, sagt Buschmann.

„Nach schweren Einsätzen setze ich mich mit den Leuten zusammen und rede mit ihnen darüber. Dabei kommen Dinge zum Vorschein, die bereits Jahre zurückliegen. Die Leute wollen sich die Last von der Seele schmeißen”, erklärt der Arzt und fügt hinzu: „Einmal im Gespräch, erzählten selbst altgediente Feuerwehrkameraden, die schon alles gesehen haben, von ihren Erlebnissen, die jahrelang zurücklagen, und weinten. In diesen Gesprächen konnte ich die alte Mentalität Männer weinen nicht widerlegen.”

Buschmann selbst hat sicherlich ein hohes Potenzial an Selbstheilungsmechanismen. Besser wird man mit der Situation fertig, so der Übach-Palenberger Mediziner, wenn man weiß, dass man sein Bestes gegeben hat. „Wenn man glaubt, nicht das Optimale getan zu haben, lebt man mit einem Schuldgefühl.” Aber er weiß auch: „Das Gespräch mit den Kameraden hilft mir selbst auch. Auch ich öffne mich in diesen Gesprächen.”
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