Für Raser ist der Einsatz schnell vorbei

Von: Nicola Gottfroh
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Bildnummer: 53753179 Datum: 29.06.2008 Copyright: imago/Manfred Segerer Feuerwehr - Einsatz in Trieste (Italien) Objekte LKW kbdig xcb 2008 quer Feuerwehr, LKW, Feuerwehrauto, Brandeinsatz, Einsatzwagen, Einsatz, Kommando, FFW, Trieste, Triest, Italien, Italy, Italia o0 Wischeffekt, Dynamik o00 Mitzieher Bildnummer 53753179 Date 29 06 2008 Copyright Imago Manfred Segerer Fire brigade Use in Trieste Italy Objects Trucks Kbdig 2008 horizontal Fire brigade Trucks Fire Truck Fire Use cars Use Command FFW Trieste Trieste Italy Italy Italia o0 Wischeffekt Dynamics o00 Mitzieher
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Ralf Johnen und Detlef Mäntz von der Feuerwehr Übach-Palenberg legen viel Wert auf eine solide Ausbildung. Foto: Gottfroh

Geilenkirchen/Übach-Palenberg. Schneller als die Polizei erlaubt, rauscht ein junger Feuerwehrmann aus dem Team von Detlef Mäntz, stellvertretender Leiter der Feuerwehr Übach-Palenberg, über die Kreuzung. Zu seinem Pech sind es gerade die Ordnungshüter, denen der junge Mann die Vorfahrt nimmt. Die Standpauke der Beamten, die sich der junge Mann am Einsatzort anhören muss, wirkt wie ein heilsamer Schock.

„Zu schnell fährt der nicht mehr“, sagt Mäntz. Das ist wichtig, denn die Fahrten zum Gerätehaus und der Einsatzstelle bergen Gefahren. Nicht selten hat es in der Vergangenheit Unfälle gegeben. Manche gingen sogar tragisch aus: Im Jahr 2011 und auch im vergangenen Jahr kam es bei Erkelenz-Keyenberg und bei Holzweiler zu Unfällen, bei denen drei Feuerwehrleute aus dem Kreis starben.

Im Interview erzählen Detlef Mäntz, stellvertretender Leiter Feuerwehr Übach-Palenberg, Ralf Johnen, stellvertretender Löschzugführer der Feuerwehr Übach-Palenberg, und Michael Meyer, Stadtbrandinspektor der Stadt Geilenkirchen, wie sie das Risiko bei Einsatzfahrten minimieren wollen, und ob es unter den Kameraden schwarze Schafe gibt.

Ist Raserei Thema bei den Feuerwehren Übach-Palenberg und Geilenkirchen?

Mäntz: Sicherlich ist das ein Thema. Nicht, weil wir viele Raser zu unseren Kameraden zählen, sondern weil die Geschwindigkeit und verantwortungsvolles Fahren – ob zum Einsatzort oder Gerätehaus – nach dem vergangenen Jahr noch wichtiger geworden sind. Es darf nicht sein, dass Feuerwehrleute sich und andere in Gefahr bringen. Deshalb werden unsere Feuerwehrleute jährlich in einer Fahrerbelehrung von einem Fahrlehrer geschult. Vor allem Fahrten mit Martinshorn und mit Blaulicht werden intensiv geschult. Es wird thematisiert, worauf zu achten ist, was man darf und was man nicht darf. Als Konsequenz der Unfälle wird ab diesem Jahr zudem noch ein Fahrsicherheitstraining mit dem Einsatzfahrzeug für diejenigen, die den Führerschein dieser Klasse besitzen, angeboten.

Meyer: Jede Grundausbildung umfasst bei der Feuerwehr in Geilenkirchen 160 Unterrichtsstunden. Natürlich werden die Kameraden hier immer wieder auf entsprechendes Verhalten im Straßenverkehr hingewiesen.

Die beiden Verkehrsunfälle waren also ein Impuls, mehr zu tun?

Mäntz: Ja, die Feuerwehren im Kreis haben sich überlegt, was sie tun können, um das Risiko zu verringern. So etwas darf nicht noch einmal geschehen. Natürlich werden wir beim Thema Fahrsicherheitstraining auch von Seiten der Politik unterstützt. Sie hat das Thema Prävention nun auch erkannt.

Aber wie geübt man auch sein mag: Die Fahrten sind doch ein Balanceakt. Wenn der Piepser in der Hosentasche schrillt, heißt es da nicht, so schnell wie möglich zum Einsatzort zu gelangen?

Johnen: Selbstverständlich heißt es das. Aber wir predigen ständig, dass die Kameraden so schnell wie möglich, aber so langsam wie nötig fahren sollen. Wenn die Ampel rot zeigt, dann ist sie rot. Und dann haben auch unsere Jungs nicht das Recht, in einem Affenzahn mit dem eigenen Auto über die Kreuzung zu rasen, um als erster am Gerätehaus einzutreffen. Schon gar nicht ohne Blaulicht und Martinshorn. Es reicht schließlich auch, wenn man mit dem zweiten Wagen rausfährt, wenn diejenigen, die näher am Gerätehaus dran wohnen, eben früher da sein können.

Mäntz: Zudem machen wir den jungen Leuten klar, dass – wenn sie einen Unfall verursachen – der Einsatz für sie vorbei ist. Wer mit dem Privatfahrzeug einem anderen Fahrer auffährt, auch wenn es nur eine Bagatelle ist, der muss wie alle anderen Verkehrsteilnehmer auf die Polizei warten. Und natürlich mahnen wir immer wieder, dass der Fahrer, wenn es Verletzte gibt, in der Verantwortung steht.

Fruchten diese Predigten denn? Es gibt doch immer wieder einige Wehrleute, denen als Beweis für die Geschwindigkeitsübertretung ein Foto aus dem Starenkasten ins Haus flattert.

Mäntz: Tatsächlich gibt es die. Vor allem die jungen Feuerwehrleute sind oft noch motiviert bis in die Haarspitzen. Manchmal kommt jemand mit quietschenden Reifen vor dem Gerätehaus zu stehen. Und das gibt Ärger. Denn es ist an uns, ihnen immer wieder klar zu machen, dass sie auf dem Weg zum Gerätehaus mit dem eigenen Fahrzeug gleiche Rechten und Pflichten wie jeder andere Autofahrer haben. Allein das Blaulicht und Martinshorn erlauben ihnen Sonderrechte. Aber auch die beinhalten nicht, mit dem Feuerwehrwagen andere Menschen in Gefahr zu bringen.

Die jungen Feuerwehrleute fahren also schon die schweren Einsatzfahrzeuge?

Mäntz: Wir haben strikte Regeln. Die jungen Wehleute können mit 18 Jahren den Führerschein für die Siebeneinhalb-Tonner machen. Das heißt aber nicht, dass sie diese dann im Einsatz auch fahren dürfen. Wir beginnen da ganz langsam, also damit, dass sie den Wagen ohne Blaulicht und Martinshorn nach dem Einsatz zurück zum Gerätehaus fahren dürfen – Alarmfahrten sind im ersten Jahr untersagt. Immerhin müssen die jungen Leute, die ja schließlich nicht jeden Tag so ein schweres Fahrzeug lenken, erstmal ein Gefühl dafür und ein wenig Routine bekommen.

Johnen: Die Bürger haben auch wenig Verständnis dafür, wenn ein junger Mann bei der Einsatzfahrt durch eine enge Straße den Spiegel eines geparkten Autos abfahren würde. Deshalb heißt es: Lernen und trainieren – vor allem mit dem Einsatzfahrzeug.

Regen sich Bürger tatsächlich über solche Bagatellen auf, wenn die Feuerwehr unterwegs ist, um ein Feuer zu löschen?

Johnen: Ja, es gibt immer mehr Bürger, denen das Verständnis fehlt. Manche zeigen uns den Vogel, wenn wir auf dem Weg zum Einsatzort mit Blaulicht und Martinshorn an ihnen vorbeifahren...

Vielleicht verärgerte Bürger, die es stört, wenn die Feuerwehr nachts um drei Uhr mit Martinshorn über eine menschenleere Straße rast..?

Johnen: ...um eine Katze zu retten. So lauten doch die Vorurteile. Die Straßenverkehrsordnung schreibt uns vor, dass wir, wollen wir Sonderrechte in Anspruch nehmen, das heißt etwa nachts über eine menschenleere Straße mit 90 km/h statt der vorgeschriebenen 70 fahren, dann sind wir verpflichtet Blinklicht und Martinshorn einzuschalten.

Meyer: Diese ganzen Vorurteile der Bürger sind in höchstem Maße unsinnig. Oft habe ich schon gehört, dass ein Feuerwehrmann eines Tages ein Kind totfährt. Aber Fakt ist: Noch nie hat es in der Stadt Geilenkirchen einen Unfall bei der Anfahrt zum Gerätehaus gegeben. Und auch noch nie auf dem Weg zum Einsatz. Wir machen aus den jungen Wehrleuten verantwortungsbewusste Fahrer.

Johnen: Ich möchte noch einmal betonen, dass wir – auch wenn einige die Lautstärke bei Einsatzfahrten nachts stört – uns an das Gesetz halten. Während viele Bürger das nicht tun.

Inwiefern?

Mäntz: Es gibt auch Bürger, die die Feuerwehr in lebensgefährliche Situationen bringt. Sperren wir Beispielsweise eine Unfallstelle ab und lassen nur einen winzigen Raum von drei Metern frei – seien Sie sicher, dass dort jemand durchfährt. Der Respekt für die Arbeit der Feuerwehr hat stark nachgelassen.

Johnen: Ich will nicht abstreiten, dass es bei einigen Feuerwehren wenige schwarze Schafe gibt, die gerne den großen Helden geben und mit Vollgas zum Einsatz fahren. Die nimmt man sich zwei-, dreimal zur Seite, und wenn sich das nicht bessert, dann ist die Karriere bei der Feuerwehr schneller vorbei, als man sich vorstellen kann. Aber man muss auch bedenken, dass fast alle Feuerwehrleute einen großen Preis dafür zahlen, einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Der Piepser ist stets in der Tasche, Weihnachten oder Silvester, wenn alle anderen feiern, rücken die Jungs aus. Die Ausbildung und Weiterbildungen kosten Zeit und ein Führerschein Klasse 2, mit dem der Feuerwehrwagen gefahren werden darf, viel Geld.

Haben Sie denn auch Nachwuchssorgen.

Mäntz: Sicher ist, dass der Nachwuchs schwindet. Wir haben zwar noch nicht die ganz große Not, aber wir werden sie eine Tages bekommen. Die meisten Feuerwehrleute fangen in der Jugendfeuerwehr an, das sind motivierte, gute Leute. Viele bleiben bis zum Abschluss der Schule. Diejenigen, die studieren verlassen meist Übach-Palenberg und damit auch die Feuerwehr. Und auch viele derjenigen, die in den Beruf einsteigen, hören auf. Das liegt zum einen daran, dass nicht alle Arbeitgeber heutzutage noch Verständnis dafür haben, dass die Wehrleute alles stehen und liegen lassen müssen, wenn der Piepser geht und sie erst nach zwei, drei oder sogar vier Stunden die Arbeit wieder aufnehmen. Viele arbeiten auch außerhalb des Wohnortes, dann passt das mit der Feuerwehr nicht mehr. Aus Aachen anfahren, um in Übach-Palenberg einen Brand zu löschen, ist alles andere als sinnvoll. Ein weiterer Grund ist, dass auch die Zeit, die die Wehrleute mit der Familie verbringen könnten, durch das Engagement weniger wird. Wenn die Ehefrau, der Ehemann oder die Kinder kein Verständnis dafür haben, dass man manchmal auch nachts und am Wochenende raus muss, dann wird es schwer. In den vergangenen 25 Jahren haben wir 30 Jungfeuerwehrleute halten können. Das ist keine Zahl, oder doch?

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