Frühsorten-Ernte: Im November wird der letzte Apfel gepflückt

Von: Franz Windelen
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Obstbauer Josef Dreissen ist gemeinsam mit Mitarbeiterin Magda Backhaus - tatkräftig unterstützt durch seinen Enkel Max - zwischen den Baumreihen unterwegs, um die reifen Äpfel zu ernten. Foto: Windelen

Selfkant-Wehr. Sie sind zum Anbeißen, die knackfrischen Äpfel. Während der Betrachter das malerische Bild genießt, strengt sich Josef Dreissen an, das Obst vom Baum zu pflücken.

Sein Blick gilt weniger dem natürlichen Stillleben, sondern in erster Linie der in diesen Tagen angelaufenen Ernte in seiner riesigen Obstplantage hinter seinem Rodebachhof in Wehr. Er und sein Sohn Christoph, der Juniorchef des Obsthofes Dreissen, haben buchstäblich alle Hände voll zu tun, die reifen Früchtchen vom Baum zu holen. Allerdings fordert die Ernte die Dreissens in diesem Jahr nicht so sehr wie die 2011er. „Der Ertrag ist bei Weitem nicht so hoch”, konstatiert Christoph Dreissen und hat auch die Begründung dafür: „Der späte Frost Anfang April hat viele Blüten vernichtet. Das ist ein Grund für die schlechtere Ernte.

Der andere ist: Die Bäume haben sich im vergangenen Jahr mit dem starken Ertrag so verausgabt, dass sie nun eine Art Regeneration benötigen.” Josef Dreissen sieht die Ernte 2012 mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Weniger Obst, weniger Arbeit - weniger Obst bedeute aber auch, dass die Preise für Äpfel und Birnen - frei nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage - wahrscheinlich steigen werden. Christoph Dreissen bemüht Zahlen, um das Ausmaß der Verluste auf heimischer Plantage zu veranschaulichen: Der Ertrag allein bei den Apfelsorten Elstar und Jona Gold wird 40 Prozent geringer ausfallen als im Vorjahr.

Nicht besser sieht es bei Delbar Estivale und Claps Liebling aus, jene Frühsorten vom Apfel- beziehungsweise Birnbaum, um die sich die Wehrer Obstbauern in diesen ersten Erntetagen kümmern müssen. Josef Dreissen nimmt sich einen derzeit sonnenverwöhnten Delbar, beißt genüsslich rein und konstatiert zufrieden: „Das Obst schmeckt in diesem Jahr besonders aromatisch und saftig. Die Sommermonate waren im Mittel nicht zu heiß, und es gab reichlich Regen.”

Dreissen zeigt auf die langen Baumreihen einige Meter weiter entfernt, dort räckeln sich in glühender Sommersonne mit leicht roten Bäckchen Elstar und Jona Gold, die gängigen und beliebten Apfelfamilien. „Die brauchen noch etwas Zeit”, sagt der Experte. Im September geht es richtig los mit allen anderen Sorten. Zehn Erntehelfer sind dann im Einsatz. Bis Anfang November wird geerntet, bis der letzte Braeburn vom Baum ist, jene australische Frucht, die auch prächtig auf Wehrer Boden gedeiht.

„Geerntet wird grundsätzlich erst, nicht nur wenn Geschmack und Größe stimmen, sondern auch Zuckergehalt, Stärkeabbau und Festigkeit”, erklärt Juniorchef Christoph Dreissen. Wichtig ist dem gelernten Obstbaumeister auch die Feststellung, dass auf der zwölf Hektar großen Plantage mit ihren 32.000 Bäumen ausschließlich nach den Richtlinien des Integrierten Anbaus produziert wird. Im Klartext: Es gilt, eine Balance zwischen biologischer und konventioneller Landwirtschaft zu finden. Der 30-jährige Experte formuliert es so: „Wir müssen darauf achten, dass zwischen nützlichen und schädlichen Insekten ein gesundes Gleichgewicht besteht.”

14 Apfel- und vier Birnensorten, die die komplette Geschmackspalette von Süß bis Säuerlich abdecken, wachsen in der Wehrer Plantage. Darunter sind seltene Exemplare mit exotisch klingenden Namen. Etwa Fuji: eine Apfelsorte, die ihre Wurzel in Japan hat. Etwa Topaz: ein Apfel, der den Weg von Tschechien in den Selfkant fand. Oder etwa Vereins Dechants: eine Birne, die 1849 in Frankreich kreiert wurde. Und die alten heimischen Sorten? Da reagiert Christoph Dreissen skeptisch: „Unsere Erfahrung zeigt, dass die nicht immer beim Kunden ankommen. Die Sorten müssen sich halt vermarkten lassen.”

Direkt nach ihrer Ernte werden Äpfel und Birnen in Kisten in das Kühllager des Rodebachhofes gekarrt, das 50.000 Kilo aufnehmen kann; nach und nach wird das Obst sortiert und verkaufsfertig verpackt. Sommerliche Frische und aromatische Qualität halten sich bei manchen Sorten gar bis zu neun Monaten. Die Kunden der Wehrer Obstbauern sind Zwischenhändler von Aachen bis Mönchengladbach, also Großabnehmer, die die Ware weiterverkaufen. Natürlich vermarktet die Familie Dreissen ihre Produkte, dazu gehört auch selbst gepresster Obstsaft, direkt ab Hof.

Der Obstgarten fordert tatkräftigen Einsatz nicht nur, wenn die reifen Delbar, Elstar und Co. rufen. Nach der Ernte ist vor der Ernte. Und so lässt Josef Dreissen in hochsommerlicher Sonne schon mal den Blick in die Zukunft, auf Herbst und Winter schweifen. Dann sind die beiden Obstbauern wieder aufs Neue gefordert - nämlich beim Schnitt der 32 000 Bäume. Buchstäblich eine Menge Holz. Nach getaner Arbeit bleibt dann mal wieder die Hoffnung, dass die himmlischen Kräfte den Rest für eine gute Ernte 2013 erledigen.
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