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Ferien sind Hochsaison für den Streetworker

Von: Nicola Gottfroh
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Auch das gehört dazu: Wenn Streetworker Alexander Zenker nicht einfach nur mit den jungen Leuten an den informellen Treffpunkten quatscht, steht er mit Rat zur Seite. Manchmal auch, wenn es einfach nur ums Auto geht. Fotos (2): Gottfroh Foto: Gottfroh
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Alexander Zenker ist seit sieben Jahren als Streetworker in Übach-Palenberg unterwegs.

Übach-Palenberg. Zwar steht es nicht in seinen Berufsprofil, lässig zu sein. Doch dass er es ist – er selbst mag das Wort authentisch lieber – kommt ihm in seinem Job sehr entgegen. Alexander Zenker ist Streetworker in Übach-Palenberg.

Er arbeitet mit jungen Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden, mit Schülern in der Pubertät, die sich selbst austesten und ihre Grenzen ausloten wollen. Weil das nicht selten auf Kosten mancher Mitbürger geht, vor allem vor seiner Zeit als Streetworker oft gegangen ist, ist Alexander Zenker auf der Straße unterwegs, um möglichen Streit und Ärger der Jugendlichen untereinander und zwischen den Generationen bereits im Keime zu ersticken.

Schüler haben mehr Zeit

Die Schulferien sind für ihn die „Hochsaison“ im Jahr. Aus einem einfachen Grund: „Die Jugendlichen haben, wenn keine Schule ist, einige Stunden mehr Zeit.“ Dennoch beginnt der Tag für ihn nicht morgens um acht. „Dann liegen die Kids noch im Bett“. Am Vormittag vertreibt er sich seine Zeit mit Papierkram, den auch ein lässiger Streetworker zu erledigen hat.

Erst dann, gegen Nachmittag bis hinein in den späten Abend, geht es raus. Denn der gelernte Diplom-Sozialpädagoge ist im Rahmen der mobilen Jugendarbeit unterwegs. Die richtet sich an Jugendliche, die durch bestehende Freizeit- und Beratungsangebote nicht mehr erreicht werden. Deshalb ist nicht nur im Sommer, aber vor allem dann, der Arbeitsplatz Zenkers die Straße.

Treffpunkt Parkplatz

Zu Beginn seiner Tätigkeit in Übach-Palenberg vor sieben Jahren, Zenker war selbst gerade Ende 20, ist der Streetworker mit einem alten VW Scirocco von einem Treffpunkt der Jugendlichen zum anderen gefahren. Das machte damals Eindruck auf die Kids, ein Draht war schnell gefunden.

Heute ist der 37-Jährige mit einem kleinen Seat unterwegs. Wie die Kids, die er zu Beginn seiner Zeit in der Stadt betreut hat, ist auch er älter geworden. Sein guter Draht zu den Kids besteht aber noch. Ebenso wie die Top-Treffpunkte. „Es ist zwar in den vergangenen Jahren ruhiger geworden - aber die typischen Orte, an denen sich Jugendliche gerne aufhalten, gibt es noch. Dort treffen sich inzwischen nur weniger Jugendliche“, sagt er. Places-to-be sind etwa Parks, Straßenecken, Wiesen. Informelle Treffpunkte nennt man diese Orte im Fachjargon. „Informell, weil sie eben nicht formell sind. Aber auch, weil die Jugendlichen sich hier austauschen, miteinander kommunizieren“, so Zenker.

Den ersten dieser informellen Treffpunkte, den Alexander Zenker an diesem Tag anfährt, ist der Parkplatz der Willy-Brandt-Gesamtschule. „Die Jugendlichen stehen hier, weil es genau hier einfach geht. Die Möglichkeit ist da und wird genutzt“, sagt der Streetworker.

Doch der Treffpunkt Parkplatz hat schon häufiger für Ärger mit den Anwohnern im Bereich der Comeniusstraße gesorgt. Streitpunkt war die zu laute Musik, die aus den Boxen der Autoradios „dröhnte“. Zwischenzeitlich kamen gar Gerüchte auf, dort würden harte Drogen konsumiert. Letzteres glaubt Zenker allerdings nicht. „In den Gesprächen mit den Jugendlichen merkt man, dass eher eine Angst davor besteht, als dass sie in Erwägung ziehen, sie zu nehmen.

Auch jetzt stehen auf dem Parkplatz ein halbes Dutzend Autos, die Jugendlichen hören Musik und quatschen. Und es wird gewerkelt. Mia (Name von der Redaktion geändert) hängt mit dem Kopf unter der Motorhaube, hat Probleme mit den Bremsen ihres nicht mehr ganz taufrischen Auto. Zenker wirft ebenfalls einen Blick unter die Haube, immerhin kennt er sich mit Autos aus, und gibt ihr den Tipp, in die Werkstatt zu fahren. „Auch das gehört manchmal dazu. Aber eigentlich wollen die Jugendlichen weniger Rat von mir, als einfach nur ein bisschen quatschen“, sagt er. Manchmal, so sagt er, ginge es in den Gesprächen um Banales, um Autos oder Musik, manchmal um Politik, ganz selten nur um persönliche Probleme, Ärger mit den Eltern oder dem Freund. „Die Jugendlichen sind einfach froh, wenn sie einen Ort haben, an dem sie sich aufhalten können. Und ich schaue vorbei, um Präsenz zu zeigen, ein offenes Ohr zu haben, aber auch um zu demonstrieren, dass jemand ein Auge auf sie hat.“

Wenige Meter vom Parkplatz entfernt befindet sich im Schatten der Gesamtschule eine Skaterbahn. „Solche Stellen suche ich eigentlich seltener auf. Denn hier haben die Kids was zu tun, sie treiben Sport und haben Spaß. Warum soll ich mich also einmischen?“, fragt er. Stattdessen geht es weiter nach Marienberg. Hier ist es heute eher ruhig. Kinder spielen auf der Straße, Jugendliche sind nicht zu sehen. Doch auch die Kinder gehören zu seiner Zielgruppe. Ganz einfach deswegen, weil auch sie in einigen Jahren junge Erwachsene sein werden. „Sich hier schon einmal anzunähern, kann nicht verkehrt sein“, sagt er.

Manche von ihnen kämen auch gerne mal an seinem Bauwagen vorbei, um „Hallo“ zu sagen. Der „Bauwagen“ ist sein neustes Projekt. Mit einem Trecker, der einen acht Meter lange Anhänger zieht, in dem Kicker, eine kleine Küche und eine gemütliche Sitzecke untergebracht sind, tuckert er durch Übach-Palenberg und seine Ortsteile. „Die Kids brauchen einen Raum zum Treffen Anderer. Und die Jugendlichen da, wo sie sind abzuholen, ist schließlich das Ziel der mobilen Jugendarbeit.“

Bei den Treffen im Bauwagen ginge es in der Hauptsache darum, gemeinsam zu chillen, also die Zeit mit Nichtstun zu genießen. „Am Anfang fiel es mir schwer, das mit meinem Gewissen zu vereinbaren. Einfach nur Zeit mit den Jugendlichen zu verbringen, ohne besondere Projekte zu starten. Aber ich habe festgestellt, dass es genau das ist, was die jungen Leute wollen. Und ich biete damit einen Rahmen, der ein wenig geschützter ist, als die Straße“, sagt Zenker.

Zudem könne er davon ausgehen, wenn er ohne die steifen Rahmenbedingungen, ohne Projekte, die die jungen Leute fordern, und durch die Tatsache, dass er einfach als Freund da ist, die Jugendlichen auch zu ihm kämen, wenn sie tatsächlich einmal Probleme haben. Den erhobenen Zeigefinger zeigt deswegen im Bauwagen eher selten.

„Das bringt nichts, dann wollen viele Jugendliche gleich wieder rebellieren und kommen nicht mehr“, sagt er. Natürlich greife er ein, wenn jemand wirklich „Mist baut“, sich oder andere in Gefahr bringe. „Aber wir leben ja nicht in einem Überwachungsstaat. Die Jugendlichen sollen sich nicht beobachtet fühlen, sondern erkennen, dass wir alle in einem Boot sitzen.“

Einfach ist die Arbeit trotzdem nicht immer: Manches Mal sei schon soweit gekommen, dass er und die Kids sich gegenseitig angeschrien hätten, weil letztere sich nichts sagen lassen wollten. Handgreiflich geworden sei ihm gegenüber aber noch niemand.

Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass er einst Polizist war. Das erkennt man heute nicht nur noch am Körperbau, sondern auch spätestens dann, wenn er ein wenig mehr Autorität in seinen Blick legt. Die braucht er bei aller Lässigkeit und Freundschaft auch, denn bei vielen Jugendlichen sei ein gewisses Maß an Aggressivität einfach da. „Die meisten werden aber ruhiger, wenn sie älter werden“, sagt er. Wenn es dann doch einmal zu Streit verschiedener Gruppen käme, sei es seine Aufgabe, zu regulieren. Schlägereien wie die vor wenigen Wochen auf dem Rathausplatz sollen, wenn es nach ihm geht, nicht noch einmal vorkommen.

Allerdings ist es nicht immer so einfach, so etwas im Vorfeld zu ahnen. Denn dass es an den informellen Treffpunkten ruhiger geworden sei, liege auch an den sozialen Netzwerken. „Die Jugendlichen müssen heutzutage nicht mehr vor die Tür gehen, um sich auszutauschen oder Pläne zu schmieden. Einmal bei Facebook eingeloggt, können sie sich im Internet treffen, dort kommunizieren und ich bin außen vor“, sagt Zenker.

So verändert sich auch die Arbeit der Streetworker durch das Internet. Doch sicher ist – die Straße ist und bleibt der Treffpunkt vieler Heranwachsender. Besonders bei Sommerwetter. Und solange das so ist, wird Zenker weiterhin jeden Tag auf der Straße sein und einen Blick auf die Jugendlichen haben.

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