Familie Führen schließt die letzte Gaststätte in Teveren

Von: st
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Ende des Jahres zapft er sein letztes Bier in der letzten Teverener Kneipe: Josef Führen und seine Geschwister geben die Gaststätte auf. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen-Teveren. Die Geschwister Führen sagen „Danke“. Danke für viele schöne Jahre mit vielen geselligen Stunden. An seine treuen Gäste gerichtet, erklärt Josef Führen: „Ihr wart unsere Familie.“ Nach fast 165 Jahren schließt die Gaststätte „Haus Führen“ in Teveren. Damit ist auch die letzte kleine Kneipe in Teveren dicht. Die letzte von einstmals sieben.

Josef Führen erinnert sich noch lebhaft an bessere Zeiten, in denen „Führen“ beliebtes Vereinslokal der St.-Antonius-Schützen, des FC Germania Teveren, des Männergesangvereins Teveren, des Musikvereins St. Josef, des Internationalen Karnevalsvereins und des Brieftaubenzuchtvereins war. Den Brieftaubenverein gibt es längst nicht mehr. Und die Fußballer haben ihr eigenes Vereinsheim.

„In den 50er-Jahren hat der Männergesangverein in unserer Gastätte geprobt. Und erst wenn der letzte Ton verklungen war, durfte ich mit einem Tablett Bier in den Saal“, blickt Führen zurück. Doch dem Männergesangverein gehören immer weniger Teverener an, viele Auswärtige füllen die Lücken in den Sängerreihen. Auswärtige, die allesamt mit dem Auto zur Probe kommen und anschließend mit trockener Kehle wieder nach Hause fahren.

Ähnlich gute Kunden waren die Teverener Fußballer. „In den 60er-Jahren haben sich die gegnerischen Mannschaften bei uns umgezogen. Und nach dem Spiel haben Heimmannschaft, Gäste und Zuschauer gemeinsam ein Bier getrunken“, blickt Führen zurück. Das war noch die Zeit, in der Vater Johann Führen die Gaststätte führte. Das war auch die Zeit, in der die vier Kinder den Vater unterstützten. Schließlich gab es alle Hände voll zu tun. Und den Kneipen im Ort, auch der Gaststätte Führen, war meist auch noch Landwirtschaft angeschlossen. Der Musikverein St. Josef, so bedauert es der Gastwirt, hat heute nur noch drei bis vier erwachsene Mitglieder, die nach den Proben im Jugendheim ab und zu mal ein Bier bei ihm trinken. „Das waren einmal etwa 80 Prozent Erwachsene.“ Wer geblieben ist, ist die Schützenbruderschaft. Doch auch deren Mitglieder werden älter und trinken weniger Alkohol. „Als ich 15 Jahre alt war, gab es im Ort sieben Kneipen, und alle haben gut verdient“, erzählt Führen.

Dazu trugen sicherlich auch die Sonntage bei. Die Menschen besuchten das Hochamt in der Kirche, die Männer zogen anschließend von Kneipe zu Kneipe. „Hier tauschte man sich dann bei ein paar Bier aus, erfuhr die Neuigkeiten im Ort und es wurde politisiert“, erinnert sich Führen an lebhafte Diskussionen an der Theke. So mancher Frühschoppen wurde so ausgedehnt, dass die Ehefrauen ihre Männer abholen wollten. Und auch sie blieben auf ein, zwei Likörchen im Gastraum.

„In früheren Jahren hat nur der Mann die ganze Woche gearbeitet, die Frau war zu Hause. Deshalb mussten Frauen Verständnis aufbringen, wenn ihre Männer sonntags zum Frühschoppen gingen“, sagt Führen. Auch in seiner kleinen Kneipe ist der gesellschaftliche Wandel spürbar. Bis zu 50 Gäste hatte Johann Führen in seinem Gastraum, nach einem Fußballspiel der Germania waren es auch schon mal 80. Heute sind es nur noch fünf bis 20, die in der Kneipe aufeinandertreffen. „Heute arbeiten meist beide Ehepartner, und die Freizeit verbringt man gemeinsam. Man hat viel mehr Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten. Und mit dem Geld, das man früher in die Kneipe brachte, bezahlt man heute lieber einen zweiten Urlaub oder ein zweites Auto.“

Als Vater Johann 1986 starb, führten die Kinder Josef und Heinz Führen sowie deren Schwestern Beate Henseler und Gertrud Müller die Gaststätte nebenberuflich weiter. „Wir wurden in diesem Haus geboren. Wir lieben es und waren in der Gaststätte immer zu Hause. Man hat hier mit dem ganzen Dorf gelebt“, nennt der ehemalige Sparkassenangestellte den Grund.

„Als Gastwirt hat man fast die Stellung eines Pastors. Die Gäste teilen mit einem ihr Leid und ihre Freude. Und man selbst feiert mit seinen Gästen. Man freut sich über die Erfolge der Fußballer und blickt mit Stolz auf die große Schützenbruderschaft.“

Die Zeiten haben sich geändert, die Gäste werden weniger, die vier Gastwirte werden älter. Der 65-jährige Josef Führen und seine drei Geschwister sagen zum Jahresende leise Adieu.

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