Geilenkirchen - Euregio-Kinderzentrum: Wenn Kinder nicht sprechen wollen

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Euregio-Kinderzentrum: Wenn Kinder nicht sprechen wollen

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Ein Therapieangebot des Euregio-Kinderzentrums, auf dem Pferderücken: Jenny Wagels und Adina Schrumpf mit Elina (v.r.). Foto: mabie (1)/vm (3)

Geilenkirchen. Marie liegt auf dem Bauch und hat ein Spielzeug fest im Blick. Andere Kinder in ihrem Alter würden jetzt loskrabbeln, um es zu greifen. Marie nicht. Sie hat einen Trick. Sie zieht an der Spieldecke und dadurch das Spielzeug an sich heran. Gute Idee eigentlich, aber nicht das Ziel der Übung. Denn Marie ist zehn Monate alt und hat Schwierigkeiten mit dem Krabbeln – und das ist nicht das einzige Problem.

Sie brabbelt auch nicht. Marie muss nun kämpfen, um diesen Rückstand aufzuholen. Dabei hilft ihr Physiotherapeutin Brunhild Hörsch. Sie arbeitet im Euregio-Kinderzentrum Geilenkirchen. Die Einrichtung besteht seit fünf Jahren und ist die einzige ihrer Art bundesweit. Sie hat drei Standorte: Geilenkirchen, Hückelhoven und Gangelt.

Gerade macht Brunhild Hörsch mit Marie eine Übung, um ihren Rücken zu stärken. Sie legt sie bäuchlings auf einen Medizinball und beugt mal das eine, mal das andere Beinchen, während Marie nach Figuren auf einem Holzgestell greift. „Wie war die Woche? Was hat Marie gemacht?“, hatte die Physiotherapeutin eben Maries Mutter gefragt. Das Baby muss Hausaufgaben machen – oder besser gesagt: die Mutter mit ihm. Die Antwort fiel etwas einsilbig aus.

Dem Kinderarzt waren die motorischen Schwierigkeiten aufgefallen, über ihn kam Marie in das Kinderzentrum. Ihre Mutter hat während der Schwangerschaft geraucht, zum Kindsvater will sie keine Angaben machen. Eine On-Off-Beziehung, so viel ist bekannt, und dass die Mutter mehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt ist als mit dem Kind.

Eindeutige Warnsignale

Schon in den ersten Monaten war Marie häufig krank, außerdem fiel sie einmal von der Wickelkommode, auf den Kopf, und musste deswegen ins Krankenhaus. Genug Warnsignale also, dass zu Hause irgendwas nicht in Ordnung ist. Inzwischen sind beide in einem Mutter-Kind-Haus untergebracht. Würde sich die Mutter dem widersetzen, würde das Jugendamt ihr das Kind wegnehmen.

Gegründet wurde das Zentrum von Elmar Jansweidt. Als Ergotherapeut hatte er vor zehn Jahren eine Praxis in Gangelt eröffnet und schnell festgestellt, dass ihm zwei Dinge nicht gefallen: dass Menschen aus seiner Sicht von Ärzten oft auf ein Störungsbild reduziert werden und dass sie zwar verschiedene Therapien erhalten können, diese aber nicht aufeinander abgestimmt sind, weil Therapeuten und Ärzte zu wenig miteinander kommunizieren. So begann die Suche nach einem anderen Modell. Dabei stieß er auf die sogenannten interdisziplinären Frühförderstellen, die es seit einigen Jahren bundesweit gibt.

„Viele Kinder zeigen nicht nur Sprach-, sondern auch Verhaltensauffälligkeiten“, erläutert Einrichtungsleiterin Michaele Stolz. „Wenn ein Kind nicht oder nur kaum spricht, verstehen es andere Kinder und Betreuerinnen nicht. Manche Kinder machen dann zu, andere werden aggressiv.“ Meist sind es die Kindergärtnerinnen oder Ärzte, die eine Förderung empfehlen. Landet ein Fall im Euregio-Kinderzentrum, gibt es erst Einzelgespräche mit den Eltern, dann mit dem Kind und schließlich mit den Therapeuten. Diese setzen sich nach den Sichtungsgesprächen zusammen, erstellen einen Plan und treffen sich für die Dauer der Behandlung in regelmäßigen Abständen.

Der Grundstein für das Euregio-Kinderzentrum wurde im November 2008 mit sieben Mitarbeitern gelegt. Inzwischen arbeiten hier 75 Heilpädagogen, Psychologen, Kinderärzte, Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten Hand in Hand. Die meisten haben eigene Praxen und sind nur für eine bestimmte Stundenzahl im Geilenkirchener Zentrum angestellt. Kostenträger sind die gesetzlichen Krankenkassen und die Sozialämter, weil hier medizinisch-therapeutische und heilpädagogische Komponenten zusammenfließen.

Zielgruppe einer interdisziplinären Frühförderstelle sind Kinder ab der Geburt bis zum Schuleintritt. „Am Anfang wurden wir belächelt, zum Teil hat man uns auch unterstellt, wir würden nur aus möglichst vielen Töpfen Geld abgreifen wollen“, sagt Elmar Jansweidt. „Klar muss sich das auch rentieren. Aber inzwischen hat sich das Konzept durchgesetzt.“ Das Angebot hat sich schnell erweitert, weil bei manchen Kindern – wie bei Marie – auch vieles im Umfeld nicht stimmt und die Eltern selbst Hilfe brauchen: weil sie psychosoziale Probleme haben oder ein Teil an Krebs erkrankt ist beispielsweise. Davon einmal abgesehen, endet der Förderbedarf nicht bei allen Kindern mit dem Schulbeginn.

Auch in diesen Fällen bietet das Euregio-Kinderzentrum Hilfe an, unabhängig davon, ob immer noch ein „komplexes Störungsbild“ vorliegt, also mehrere Störungen diagnostiziert werden oder nur eine Therapieform notwendig ist. „Störungsbild“ hören, nebenbei bemerkt, die meisten Eltern nicht so gerne, weil sie damit „gestört“ oder „behindert“ assoziieren. Aber so ist der Fachterminus nunmal.

Ambulante Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, Konfliktberatung für Eltern und Familien sowie das Kompetenzzentrum für Autismus, die Einzeltherapieformen und die interdisziplinäre Förderstelle machen heute das Gesamtspektrum der Einrichtung aus. Auch ältere Menschen gehören inzwischen zum Patientenkreis, etwa nach einem Schlaganfall. Insofern ist „Kinderzentrum“ längst nicht mehr der richtige Name – ein neuer wird noch gesucht.

Mit Hilfe der Schwerkraft

Marie ist müde, es ist viel zu warm und ihre Mutter hat vergessen, etwas zu trinken mitzunehmen. „Ist nicht schlimm, wir sind gleich durch und Sie sind ja in zehn Minuten zu Hause“, sagt Brunhild Hörsch. Auf einem Keil soll Marie noch mal mit zweifacher Unterstützung versuchen, zu krabbeln: mit der von Frau Hörsch und der Schwerkraft auf der Schrägen. Von selbst tut sie das nicht, so verlockend die Spielsachen am Fuße des Schaumstoffblocks auch sein mögen.

Hörsch übt abwechselnd Druck auf die Fußsohlen aus, so dass sich Marie leichter vorwärtsbewegen kann. Nebenbei redet sie viel mit ihr. Seit einem halben Jahr ist Marie schon hier, so wie es aussieht, wird sie noch eine Weile bleiben. Ein Jahr beträgt die normale Therapiedauer bei komplexen Fällen wie diesen. 400 Kinder sind jede Woche für ein oder zwei Stunden zu Gast. Manche in der Turnhalle, andere im Gesprächsraum, wieder andere in der Gruppe auf dem Reiterhof in Pütt.

Der Kontakt kam über Michaele Stolz zustande, die früher hier eigene Pferde stehen hatte und vor 2008 bei der Lebenshilfe in Heinsberg gearbeitet hat. „Pferde sind mein Medium, auf ihrem Rücken kann man so vieles mit den Kindern machen“, erzählt sie. Bei dem einen Kind könne die Haltung verbessert werden, beim nächsten könnten Ängste abgebaut oder Sprachübungen im Rhythmus des Gangs gemacht werden.

Für Marie ist es heute genug. Sie quengelt. Nächste Woche wird sie wieder hier sein. Vielleicht klappt es dann mit dem Krabbeln schon ein bisschen besser.

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