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„Es gab keine jüdische Solidarität, nur Patriotismus“

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Ehemaliger israelischer Botschafter und Buchautor: Avi Primor. Foto: Andreas Herrmann
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Im Schützengraben: Deutsche Soldaten mit einem Maschinengewehr warten 1914 an der Westfront auf Befehle. Foto: stock/United Archives International

Aachen/Geilenkirchen. Sie heißen beide Ludwig, jeder in seiner Sprache. Der Eine auf Deutsch; der Andere, weil er aus Frankreich kommt, wird Louis gerufen. Auch sonst gibt es zwischen den beiden Männern so viele Parallelen, dass sie fast Zwillingsbrüder sein könnten: Sie stammen beide aus jüdischen Familien, sie sind jung und intelligent, ein wenig rebellisch und doch verantwortungsvoll, mit glühender Vorfreude auf das Leben, das nach dem Abitur endlich vor ihnen liegt.

Sie lernen beide eine Frau kennen, verlieben sich und müssen sich doch schon bald wieder von ihr trennen. Ludwig aus Frankfurt und Louis aus Bordeaux treffen im Ersten Weltkrieg aufeinander. Ihre Geschichte erzählt Avi Primor, der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, in seinem ersten Roman „Süß und ehrenvoll“. Mittwochabend ab 19.30 Uhr stellt Primor sein Buch in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, Pestalozzistraße in Geilenkirchen, vor. Im Vorfeld der Veranstaltung sprach er mit unserem Redakteur Christian Rein.

2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Gibt es einen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung eines Romans über diesen Krieg?

Primor: Als ich vor vier Jahren in mit der Idee vorstellig geworden bin, ein Sachbuch über den Ersten Weltkrieg zu schreiben, haben mich die Verleger gefragt, wen das Thema denn interessiert? Ich habe darauf geantwortet, dass sich die Welt in vier Jahren, also heute, dafür interessieren wird. Das ist immer so mit Jubiläen.

Vor allen Dingen in Deutschland scheint der Erste Weltkrieg immer ein wenig im Schatten des Zweiten Weltkriegs zu stehen.

Primor: Tatsächlich gerät über den Holocaust der Erste Weltkrieg ein wenig in Vergessenheit. Dabei hat diese Zeit gerade für Juden eine besondere Bedeutung: Es war der einzige Krieg in der jüdischen Geschichte, in dem Juden gegen Juden gekämpft und sich gegenseitig umgebracht haben.

Sie wollten zuerst ein Sachbuch schreiben, gar keinen Roman? Worum ging es Ihnen?

Primor: Die Juden haben sich im Ersten Weltkrieg sehr leidenschaftlich – ich würde sogar sagen: verrückt leidenschaftlich – für den Krieg engagiert. Und zwar auf allen Seiten. Sie waren ultra-patriotisch, das aber auch aus egoistischen Gründen. Die Juden haben in diesem Krieg eine Chance gesehen.

Der Krieg als Chance?

Primor: Im Laufe des 19. Jahrhunderts haben die Juden in Mittel- und Westeuropa eine mehr oder weniger gleichberechtigte Stellung erreicht. Das war allerdings in erster Linie rein formell, also juristisch, wurde aber in der Gesellschaft nicht gelebt. Sie hatten zwar das Recht, überall zu wohnen, zu studieren und zu arbeiten – auch außerhalb des Ghettos. Aber sie wurden nicht wirklich integriert. Im Gegenteil: Es gab sogar Rückschläge.

Das sollte der Krieg ändern?

Primor: Die Juden haben gedacht, wenn sie ihren Patriotismus unter Beweis stellen, wenn sie ihr Blut für das Vaterland vergießen, dann werden sie als Teil der Gesellschaft akzeptiert.

Wie wurde aus dem Sachbuch ein Roman?

Primor: Je mehr ich geforscht habe, desto mehr bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass dies eine hoch emotionale Geschichte ist. Emotionen haben aber in einem Sachbuch nichts zu suchen. Ich habe dann mit meiner Frau darüber gesprochen, ihr meine Zweifel geschildert. Sie hat mir geraten, es mit einem Roman zu versuchen.

So einfach war das?

Primor: Ich habe über den Vorschlag zuerst gelacht. Aber meine Frau hat gesagt, wenn es nicht klappt, könnte ich ja immer noch ein Sachbuch schreiben. Und als ich einmal angefangen hatte, hat es mir sofort Spaß gemacht, weil ich eine Mischung aus Geschichte und Geschichte machen konnte.

Geschichte und Geschichte?

Primor: Im Französischen gibt es die Begriffe „la grande histoire“ und „la petite histoire“. „La grande histoire“ ist die Geschichte in ihren großen Zusammenhängen, die man in der Schule lernt. „La petite histoire“ ist die Geschichte dahinter, also das Leben und die Erfahrungen der Menschen in dieser Zeit. Es hat mich gereizt, beides miteinander verbinden und dabei meiner Fantasie freien Lauf lassen zu können.

Das Ergebnis scheint recht authentisch zu sein. Vor allem die Briefe, die in Ihrem Buch eine große Rolle spielen, vermitteln einen guten Eindruck von den Erlebnissen der Soldaten an der Front, aber auch von der Stimmung in der Heimat.

Primor: Haben Sie eine ungefähre Ahnung davon, wie viele Briefe die deutsche Feldpost im Ersten Weltkrieg täglich bearbeitet hat?

Nein.

Primor: Sieben Millionen.

Eine unglaubliche Zahl.

Primor: Es gab Millionen Soldaten, die in Schützengräben saßen. Es war fürchterlich: Sie lebten im Schlamm, ständig dem Wetter ausgesetzt, Kälte, Hitze, überall waren Ratten und Ungeziefer. Es wurde aber nicht ständig gekämpft. Zum Teil passierte tagelang nichts. Also haben sie Briefe geschrieben, die sich meistens wiederholt haben, weil sie nichts zu erzählen hatten. Ich habe Tausende solcher Briefe gelesen.

Wie sind Sie auf die Briefe gestoßen?

Primor: Es gibt in Jerusalem einen Ableger des Londoner Leo-Baeck-Instituts, das sich der Geschichte der Juden in Deutschland widmet. Ich habe den Leiter angerufen und gefragt, ob sie dort Dokumente über den Ersten Weltkrieg haben. Das konnte er zuerst gar nicht so einfach beantworten. Tatsächlich hatten sie sehr viel, aber es wurde nie bearbeitet. Die Sachen lagen einfach in Kisten im Keller.

Wie sind die Sachen nach Jerusalem gekommen?

Primor: Die Juden, die Deutschland nach der Machtergreifung der Nazis verlassen haben, durften anfangs ihre Habe mitnehmen. Dazu gehörten natürlich auch die Familienakten. Die sind über die Jahre irgendwann aus den Kellern, in denen sie verstaubten, in Institute wie das Leo-Baeck-Institut gekommen, wo sie wieder in die Keller gebracht wurden, weil sich niemand dafür interessiert hat. Ich war der erste, der die Sachen angeschaut hat.

Man hat den Eindruck, dass Ihre Protagonisten nur in den Briefen wirklich sprechen können, dass sie erst in den Briefen das Erlebte tatsächlich verarbeiten können.

Primor: Das ist sehr menschlich. Auch ich kann meine Gefühle manchmal viel besser schriftlich zum Ausdruck bringen als in einem Gespräch. Es ist einfach nicht das Gleiche.

Sie haben vom Enthusiasmus gesprochen, mit dem die Juden in den Krieg gezogen sind. Haben Sie auch kritische Äußerungen gefunden?

Primor: Ich habe eigentlich erwartet, ich würde in den Schriften der intellektuellen jüdischen Zirkel die Frage finden, ob es in Ordnung ist, auf Juden auf der anderen Seite zu schießen. Und zwar mit der Antwort: Ja, es ist in Ordnung, weil das jetzt der Feind ist – aus einer rein nationalistischen Perspektive. Ich habe das nirgendwo gefunden, und das hat mich wirklich überrascht. Aber auch Historiker haben mir bestätigt, dass die Frage einfach nicht gestellt wurde. Es war eine Selbstverständlichkeit, dass es keine jüdische Solidarität gibt, sondern nur Patriotismus.

Am Ende Ihres Buches scheinen die Juden ihr Ziel erreicht zu haben. Sowohl Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg auf deutscher als auch Marschall Philippe Pétain auf französischer Seite haben den Einsatz der jüdischen Soldaten für ihr Vaterland gewürdigt.

Primor: Ich habe die beiden Zeremonien nach Kriegsende in Frankreich und Deutschland ein falsches Happy End genannt: Die Leute sind glücklich. Sie haben zwar einen hohen Preis bezahlt, haben geliebte Menschen verloren und viel durchlitten. Aber sie haben das Gefühl, dass sie endlich ein vollwertiger Teil der Gesellschaft sind.

Hindenburg hat am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichkanzler ernannt. Pétain kollaborierte als Anführer des Vichy-Regimes später mit den Nazis und organisierte die Deportation der Juden mit.

Primor: Die Juden, und damit auch die Protagonisten in meinem Buch, wussten das am Ende des Ersten Weltkriegs natürlich noch nicht. Aber es gab kein Happy End. Avi Primor „Süß und ehrenvoll“, 2013, Bastei Lübbe (Quadriga), 384 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-869950587.

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