Erzieher in Kitas: Wenn Stühle fliegen, sind Männer gefragt

Von: Udo Stüßer
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Geringes Gehalt, viel Freude am Job: Mike Schmidt ist mit Leib und Seele Erzieher in der Kindertagesstätte Triangel. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Nein, einen Platten flicken kann er nicht. Aber Fußball spielt er unheimlich gerne. Mike Schmidt ist in der Integrativen Kindertagesstätte Triangel der Lebenshilfe in Geilenkirchen beschäftigt. Der 30-Jährige ist nicht der Hausmeister, sondern Erzieher. Und das ist er mit Leib und Seele.

Damit gehört er zu den Exoten. Denn auch heute noch ist die Erziehungsarbeit in der Kindertagesstätte ein klassischer Frauenberuf. „Leider“, wie er sagt und dabei Zustimmung von Birgit Roye, Leiterin der Einrichtung an der Robert-Koch-Straße, erntet.

Eigentlich, so erzählt Mike Schmidt, wollte er Lehrer werden. Doch während seines Zivildienstes in einer Aachener Jugendeinrichtung hat er festgestellt, dass er künftig mit Kindern arbeiten und nicht nur Wissen vermitteln will. Dann machte er ein Praktikum in einer Hückelhovener Kindertagesstätte. Hier erfuhr er viel positives Feedback von Kindern, Eltern und Kollegen. „Da ist mir das Herz aufgegangen“, blickt er zurück.

Seit fünf Jahren arbeitet er nun in der Triangel und ist nach einer verhaltenstherapeutischen Zusatzausbildung Gruppenleiter der Rudi-Rabe-Gruppe, in der sechs verhaltensauffällige Mädchen und Jungen von Schmidt, Zweitkraft Vera Heinrichs, dem Integrationshelfer Robert Offermann und Praktikantin Alexandra Heizer betreut werden. „In dieser Gruppe fliegen auch schon mal Tische und Bänke. Wenn man abends nach Hause geht, ist man kaputt“, sagt der 30-Jährige.

Beide, Schmidt und Roye, betonen, dass Männer in den Kindertagesstätten gefragt sind. Auch in Regelgruppen mit nicht-behinderten Kindern. „Die Scheidungsrate der Eltern nimmt immer weiter zu, die Kinder sind auf der Suche nach männlichen Vorbildern, die sie dann in Spielfiguren aus Star Wars oder in Power Rangern sehen“, sagt Schmidt. Im Eifer des Spiels reden seine Schützlinge ihn auch das eine oder andere Mal mit „Papa“ an. „Ihnen sage ich aber dann ganz deutlich, dass ich nicht ihr Vater, sondern der Mike bin.“ Birgit Roye hat festgestellt, dass das Interesse der Väter an der Entwicklung der Kinder gestiegen ist. „Viele Väter besprechen Probleme dann lieber von Mann zu Mann.“ Deshalb möchte Schmidt in nächster Zeit einen Männerstammtisch für Väter ins Leben rufen.

„Kinder mit herausforderndem Verhalten überschreiten ihre Grenzen. Da bin ich oft froh, an meiner Seite einen Mann als Respektperson zu haben“, sagt die Sozialpädagogin, die die Einrichtung seit 1998 leitet. „Und trotzdem bin ich ein feinfühliger Mensch“, gibt Schmidt zu. Auch, so meint die Leiterin, ändere sich durch männliche Kollegen die Arbeit im Team. „Es kommen andere Sichtweisen hinzu. Und Frauen sind oft zickiger.“

Bei all dem Lob für männliche Kollegen bleibt die Tatsache, dass Mike Schmidt zu den Exoten in Kindertagesstätten gehört. Von 30 Mitarbeitern in dieser Einrichtung sind 25 Frauen. Und zieht man von den fünf männlichen Mitarbeitern die beiden Auszubildenden Ron Richert und Jonas Weinsheimer ab, bleiben mit Mike Schmidt, dem Physiotherapeuten Thorsten Brocker und dem Heilerziehungspfleger Robert Offermann gerade mal drei festangestellte männliche Mitarbeiter, von denen lediglich Schmidt Erzieher ist. Und mit dieser starken männlichen Besetzung ist die Einrichtung der Lebenshilfe noch eine rühmliche Ausnahme. In anderen Kindertagesstätten in der Stadt ist dieser Job reine Frauensache.

„Die meisten Männer glauben, nicht die Geduld und die Feinfühligkeit für diesen Beruf zu haben“, glaubt Schmidt, einen der Gründe zu kennen. Schmidt hat seinen Entschluss, Erzieher zu werden, nicht bereut. Nur am Monatsende, wenn er einen Blick auf seinen Kontoauszug wirft, gerät er ins Grübeln. „Die prägende Zeit eines Menschen ist das Vorschulalter. Der Erzieher hat im Vergleich zum Lehrer ein niedriges Gehalt. Die Wertschätzung für diesen Beruf ist größer geworden, die Bezahlung wurde nicht angepasst“, bedauert Roye. Wünschenswert sei, so die 44-Jährige, dass in jeder Gruppe eine Erzieherin und ein Erzieher tätig seien.

Schlechte Bezahlung aber sei einer der Gründe, warum Männer dankend abwinken. Bei rund 2000 Euro brutto liegt das Anfangsgehalt eines Erziehers oder einer Erzieherin.

„Dabei sind die Ansprüche an den Erzieher wesentlich größer geworden, aber das Gehalt kommt nicht hinterher“, klagt Schmidt und denkt dabei an das Kinderbildungsgesetz, an neue Dokumentationsformen und hohe Betreuungszeiten. Der Vater eines drei Monate alten Sohnes hat festgestellt: „Es ist schwierig, mit diesem Gehalt eine Familie zu ernähren.“ Allerdings hat er einen sicheren Arbeitsplatz: „Männer sind in den Kitas gefragt.“

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