Entweihung einer Kirche: Der letzte Gottesdienst

Von: Markus Bienwald
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Die Stühle sind gestapelt, der Raum ist fast leer, lediglich ein paar Bilder hängen noch an der Wand: An diesem Eindruck in der „Hütte der Begegnung“ wird sich wohl nichts mehr ändern.
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Auch die Orgel soll verkauft werden. Foto: Markus Bienwald
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Hans Krupp, Wolfgang Jungnitsch, Bärbel Bartel, Hermann Bartel und Hanns-Paul Jouck (v.l.) wollen die Entwidmung nicht hinnehmen. Foto: Markus Bienwald

Übach-Palenberg. Sehr leer und ein bisschen staubig sieht es in der „Hütte der Begegnung“ in Marienberg aus. Am Ende der Schulstraße hebt sich der markante Bau aus den 1970er-Jahren flach von der restlichen Bebauung ab, reckt seinen Kirchturm wie einen Finger nach oben. Doch Gottesdienste finden in diesem Haus schon länger nicht mehr statt.

Das wissen auch Hans Krupp, Hermann Bartel, Bärbel Bartel, Hanns-Paul Jouck und Wolfgang Jungnitsch. Alle sind Marienberger, keiner von ihnen will, dass es in ihrer evangelischen Kirche keine Gottesdienste mehr gibt. „Wir haben eine sehr emotionale Bindung zu der Kirche“, beginnt Hans Krupp zu erzählen. Gemeinsam mit Hermann Bartel, Hanns-Paul Jouck und Wolfgang Jungnitsch erinnert er sich an seine Zeit als Presbyter. Eine Aufgabe, die alle sehr gerne übernommen haben. Doch seit vor drei Jahren die Arbeit in der Gemeinde komplett neu organisiert wurde, habe sich für die engagierten Protestanten einiges geändert. „Das hier war auch ein kulturelles Zentrum, was Pastor Hermann Poll seit 1971 immer wieder vorangetrieben hat“, sagt Hanns-Paul Jouck.

Der heutige Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch erinnert sich an das Bauwagen-Projekt für Jugendliche, das hier seinen Anfang nahm, an Konzerte und Probenstunden des Vereins Freunde der Kammermusik, und alle erinnern sich an ein reges Gemeindeleben mit gut besuchten Gottesdiensten.

Doch das ist nun vorbei, wie Pfarrer Thomas Reppich auf Nachfrage berichtet. Er bestätigt, dass das Kirchengebäude noch in diesem Jahr entwidmet wird. „Voraussichtlich im Herbst“, sagt er, und natürlich weiß er, dass es Menschen in Marienberg gibt, die das Schließen der Kirche nicht hinnehmen wollen. Reppich zuckt mit den Schultern, verweist auf einen Plan, dem die evangelische Kirche in Übach-Palenberg folgen muss. „Wir haben alleine im letzten Jahr 200 Gemeindeglieder verloren“, erklärt er.

Waren es vor sechs Jahren noch mehr als 5200 Menschen evangelischen Glaubens in der ehemaligen Zechengemeinde, sind es aktuell 4782. „Der demografische Wandel schlägt bei uns voll zu“, sagt Reppich, denn bei der Altersgruppe von Null bis 20 Jahren fehlen im Vergleich zu den Vorjahren 35 Prozent der Mitglieder, auch bei den 30- bis 50-Jährigen sind es 25 Prozent weniger.

Vor dem Hintergrund sinkender Ausgaben, aber auch bevorstehender Investitionen in die Gebäude – hier spricht Reppich von sechsstelligen Summen – musste eine Entscheidung her. „Wenn wir an dieser Stelle geblieben wären, hätten wir ein anderes Gemeindezentrum schließen müssen“, so Reppich und weist auf Frelenberg.

„Dass es nur noch ein Zentrum in Frelenberg und in Übach geben sollte, war so nicht geplant“, stellt Hanns-Paul Jouck dem entgegen. Auch das zeitweilige Angebot der Kirche, mittwochs um 18 Uhr, statt wie gewohnt am Wochenende, zum Gottesdienst in Marienberg zu laden, wird von den Kritikern der Kirchenschließung nicht akzeptiert. „Das ist eine Gottesdienst-unübliche Zeit“, meint Wolfgang Jungnitsch. Reppich gibt zurück, dass weder dieses Angebot angenommen, noch die Fahrdienste zu den Gottesdiensten in Übach genutzt würden.

Einen Boykott seitens der Marienberger wollen die Befürworter der Gottesdienste in der „Hütte der Begegnung“ nicht sehen. Sie fragten sogar beim Presbyterium an, ob nicht wenigstens ein Gottesdienst pro Monat stattfinden könne. Einen Pfarrer hatten sie schon, der seine kostenlose Mitarbeit zusagte, auch alles andere war organisiert. Nur sagte das Presbyterium ‚Nein‘.

„Nicht nachvollziehbar“

„Für mich unvorstellbar und nicht nachvollziehbar, warum das Presbyterium dem Ansinnen von Menschen, einen Gottesdienst halten zu wollen, absagen“, schließt Jungnitsch. Bei einer entsprechenden Anfrage erfuhren die Engagierten auch, dass es in Kürze eine Entweihung geben und auch die Orgel verkauft werde. „Warum jetzt diese Eile?“, fragt sich Bärbel Bartel, die keinen Käufer für das Gebäude oder die Orgel im Türrahmen stehen sieht. Und wenn keiner was sagt, dann machen die, was sie wollen, sagt die Gruppe.

Pfarrer Reppich sieht das anders, er legt Zahlen vor, die vor allem die wirtschaftlichen Zwänge verdeutlichen. „In der rheinischen Kirche werden Sie eine Gemeinde mit unserer Größe suchen müssen, die sich aus eigener Kraft drei Zentren leisten kann“, sagt er. Vielmehr sieht Reppich noch weitere Fusionen am Horizont, allerdings nicht in den nächsten paar Jahren. „Es war und ist eine Grundsatzentscheidung, vor Ort sonntags nur noch in Frelenberg und Übach Gottesdienste anzubieten“, schließt er. Einen Gottesdienst wird es in der Marienberger Kirche allerdings doch noch geben: den zur Entwidmung im Herbst.

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