Übach-Palenberg - Eine Leistungsgesellschaft mit vielen negativen Facetten

Eine Leistungsgesellschaft mit vielen negativen Facetten

Von: Johannes Gottwald
Letzte Aktualisierung:

Übach-Palenberg. Der Totensonntag bildet in der katholischen wie in der evangelischen Kirche den Abschluss des Kirchenjahres - Grund genug also für gläubige Christen, darüber nachzudenken, wie man die eigene Lebenszeit sinnvoll gestalten und verbringen kann.

Die evangelische Gemeinde Übach-Palenberg hatte zu diesem Anlass zu einem Friedenskonzert in die Erlöserkirche eingeladen.

Im kleinen Saal unterhalb der Kirche hatte man mit gedämpftem Licht und Kerzenschein für das passende Ambiente gesorgt. Das Programm bestand keineswegs nur aus musikalischen Vorträgen, sondern vielmehr aus einem Wechsel zwischen Lesungen und spontanen Improvisationen. Die von Pfarrer Thomas Reppich vorgetragenen Texte wurden hauptsächlich dem 2010 erschienenen Werk des koreanischen Philosophen Byung-Chul Han „Müdigkeitsgesellschaft” entnommen, während der Organist Willi König die Improvisationen am Flügel gestaltete.

Müdigkeit kann sich auf verschiedene Art und Weise äußern. Am bekanntesten ist die typische „Bettschwere”, die sich nach einem langen Arbeitstag einstellt. Sie kommt etwa zum Ausdruck in dem Abendgebet „Müde bin ich, geh zur Ruh”.

Unter diesem Motto stand die erste Improvisation von Willi König, die eine entsprechende Weise aus dem evangelischen Gesangbuch aufgriff. Die Anfangszeile erklang zunächst in schlichter Einstimmigkeit und erschien dann in abendlich-milden, romantischen Klangfarben. Die erste Textlesung machte aber dann bereits deutlich, dass es heute auch andere Formen der Müdigkeit gibt, die schlaflos und krank machen. Byung-Chul Han kommt in seinem Buch zu dem Ergebnis, dass die Menschheit aus dem „bakteriellen” in das „neuronale” Zeitalter übergewechselt sei.

Früher hatte sich die Medizin hauptsächlich mit Infektionskrankheiten herumgeschlagen. Heute haben die meisten Seuchen durch Impfstoffe ihren Schrecken verloren, aber dafür füllen jetzt immer mehr psychisch kranke und seelisch gestörte Menschen die Wartezimmer der Nervenärzte und Therapeuten. Das „Burn-Out-Syndrom” betrifft keineswegs nur Prominente, sondern beginnt, sich in besorgniserregender Weise zur Volkskrankheit zu entwickeln.

An die Stelle einer Disziplinargesellschaft ist die Leistungsgesellschaft getreten: Bürotürme, Banken, Fitnesstudios und Einkaufsmeilen beherrschen die Innenstädte. Hinzu kommt eine ständige Reizüberflutung und eine durch Leistungsdruck erzeugte „Hyperaufmerksamkeit”, die den Menschen nicht mehr zur inneren, kreativen Ruhe kommen lässt. Walter Benjamin hat diese innere Ruhe mit dem Begriff des „ausbrütenden Traumvogels” umschrieben. Dieser „Traumvogel” lag auch der zweiten Klavierimprovisation zugrunde, die sich aus einer archaischen, pentatonischen Thematik entwickelte.

Wachsende Vereinsamung

Ein weiteres Symptom dieser Leistungsgesellschaft ist die zunehmende Glaubenlosigkeit und die ständig wachsende Vereinsamung des Menschen. Die Arbeit wird zum Selbstzweck, der Mensch strebt im Bewusstsein seiner Vergänglichkeit eine möglichst perfekte Gesundheit an. „Nackter Mensch und nacktes Leben” bildete daher die Überschrift der dritten Improvisation.

Ein kurzes, prägnantes, in sich selbst rotierendes Motiv drückte hektische Geschäftigkeit aus, die im Kern hohl und sinnentleert wirkt - eine durchaus gelungene Darstellung des heutigen Zeitgeistes. Bezeichnenderweise hat der permanente Leistungsdruck zur Folge, dass sich auch zunehmend eine „Dopinggesellschaft” etabliert. Manche Wissenschaftler halten den Einsatz entsprechender Medikamente im Berufsalltag für durchaus vertretbar. Die Folge dieses Exzesses von immer höherer Leistungssteigerung ist schließlich der „Infarkt der Seele”. Dies war denn auch das Thema der vierten Klavierimprovisation, die mit hohen Diskant- und tiefen Basslagen arbeitete, auch das „Geschäftigkeits-Motiv” aus der Improvisation Nr. 3 wieder aufgriff, aber dennoch nicht so überzeugend wie die vorausgegangenen wirkte.

Das Korn gedroschen

Ein Text von Peter Handke schilderte anschließend das Idyll einer Ernte aus längst vergangenen Tagen, wo das Korn noch ausgedroschen wurde. Hier konnten die Menschen nach getaner Arbeit sich wirklich entspannt ausruhen, was der Schriftsteller sogar als „heilige Zeit” verklärt.

Die fünfte Improvisation griff folgerichtig den gleichmäßigen Rhythmus des Dreschens mit ostinaten Bässen auf und mündete in sanfte Durklänge, die eine „kollektive Müdigkeit” sehr gut nachzeichneten.

Den Schlusspunkt setzte der vollständige Vortrag des Abendgebetes „Müde bin ich, geh´zur Ruh”, dem noch als Nachspiel eine Schlussimprovisation folgte, die nochmals die Liedmelodie aus dem Gesangbuch verarbeitete, aber stellenweise etwas aufdringlich daherkam. Trotzdem erhielt Willi König am Ende wohlverdienten Applaus.

Pfarrer Reppich entließ die Zuhörer mit der Einladung, auf dem Heimweg zu überlegen, wie die Leistungsgesellschaft heute mit dem Einzelnen umgeht und wie man dennoch in einer säkularisierten Welt seinen christlichen Glauben bewahren könne.
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