Ein Jahreswechsel mit „Silvesterleuchten der besonderen Art“

Von: Thomas Vogel
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Heute selbstverständlich, nach dem Krieg eine Sensation: Mit Raketen wird das Jahr begrüßt. Foto: dpa
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Vier silvestererfahrene Damen (v.l.): Waltraud Schmidt, Margeret Breuer, Agnes Dautzenberg und Thea Stolz. Foto: Thomas Vogel

Übach-Palenberg. Alles ist dunkel. Nicht eine Ritze, durch die Licht fallen darf – falls Aufklärer die Stadt überfliegen. Es ist Silvester. Und es ist Krieg. „Nur die Hindenburglichtchen haben gebrannt. Wenige, weil wir sparsam damit sein mussten.“ Eine Party, wie Margeret Breuer sie beschreibt, klingt wenig spaßig. Die Dame ist Jahrgang 1931.

Sie hat den Jahreswechsel so erlebt, als sie ein Kind war und vor ihrer Tür der Zweite Weltkrieg tobte. Zwei Plätze neben ihr nickt Waltraud Schmidt, geboren 1926, zustimmend. Sie hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Wir saßen im Dunkeln und hatten unsere Füße am Ofen, um sie zu wärmen. Trotzdem haben wir gesungen.“

Gemeinsam mit Thea Stolz (Jahrgang 1933) und Agnes Dautzenberg (Jahrgang 1925) sitzen die Frauen im Mehrgenerationenhaus der Stadt Übach-Palenberg beim Mittagessen. Das Essen ist ihnen von Silvesterfeiern seit den 30er und späten 40er Jahren besonders im Gedächtnis geblieben: Würstchen mit Kartoffelsalat hat es gegeben.

Heute nichts Besonderes, seinerzeit aber schon. „Es hat sonst nur Sonntags ein Stück Fleisch gegeben. Und ein Würstchen – eben an Silvester“, erklärt Margeret Breuer. Unmittelbar vor Ausbruch des Krieges und in den ersten Kriegsjahren wurde noch mit der Familie gefeiert. „Wir durften dann vielleicht mal in ein Lokal hineinschauen“, sagt Breuer. Es zu betreten aber war undenkbar. Um Mitternacht haben sich alle Nachbarn auf der Straße versammelt und das neue Jahr gemeinsam begrüßt.

Je weiter der Krieg voranschritt, umso karger und trauriger fiel Silvester aus. Keine Nächte mit Musik und Tanz. „Bombennächte waren das“, erinnert sich Waltraud Schmidt mit ernster Miene. Die Familien waren nicht mehr zusammen, Väter und Söhne über die Schützengräben an der Front verteilt. Die Mädchen haben Silvester alleine gefeiert, und, wenn der Fliegeralarm losheulte, den Jahreswechsel im Schutzbunker verbracht. Wenn man aber doch mal einen Blick riskiert hat? „Dann sah man die Bomber am Himmel, auf dem Weg ins Ruhrgebiet. Taghell war es, wegen der Scheinwerfer. Ein Silvesterleuchten der besonderen Art“, erinnert sich Waltraud Schmidt.

Die ersten Raketen

„Als wir aus der Evakuierung heimkehrten, hat dann erstmal niemand an Silvester gedacht.“ Breuer redet vom Ende des Krieges. Hunger stand auf der Tageskarte, groß zu feiern, danach stand keinem der Sinn. Ab 1948 oder ‘49 „fing es langsam an, da kamen die besseren Zeiten. Wir sind dann alle zusammengekommen und auch schon mal in die Gaststätten gegangen“, erzählt Schmidt. Kurz nach der Währungsreform war das.

„Da konnten wir plötzlich wieder alles bekommen und waren nicht mehr auf das beschränkt, wofür wir Lebensmittelkarten bekommen hatten“, ergänzt Breuer. Aber alles sei noch sehr teuer undTelefonsei nicht viel Geld im Haus gewesen. „Also haben wir einfach mit den Nachbarn zusammengelegt, jeder brachte etwas mit“, sagt Thea Stolz. Und an eine Silvester-Sensation im Palenberg der Nachkriegszeit erinnert sie sich außerdem: Die erste Rakete, die sie je gesehen hat.

Die stammte natürlich nicht aus einem Geschäft, etwas derartiges gab es dort nicht. Der Apotheker hat sich mit dem Arzt zusammengetan, die Raketen selbst gebastelt – und damit ein großes Hallo ausgelöst. An die 60er Jahre hat Waltraud Schmidt besonders gute Erinnerungen. Die Familie hatte eine Hütte im Garten, in der sich Silvester die Nachbarschaft versammelte. So kam auch der Spitzname für die Behausung zustande: „Schmidts Kneipe“ wurde sie genannt.

Das laute Lachen der Dame erinnert Margeret Breuer an ein Gedicht, das sie als Kind gelernt hatte: „Prosit Neujoar, de Kopp voll Hoor, de Mull voll Zäng, ed Joar is am Eng“. Alle Anwesenden beginnen zu lachen, und die anderen Frauen bestätigen, das Gedicht ebenfalls zu kennen. Heutezutage werde wohl auf andere Dinge Wert gelegt. Sie glaube nicht, erklärt Schmidt, dass vielen jungen Leuten dieser kurze Reim noch bekannt sei. Die Zeiten ändern sich eben. Das gilt auch für die Seniorinnen. „Wir haben ein schönes Leben jetzt. Eines, das unsere Eltern nicht hatten“, meint Margeret Breuer.

Bei ihr werden sich die Damen treffen, wenn sie heute, wie jedes Silvester, zusammenkommen. Breuer wird die einzige sein, die auf das Gläschen Sekt verzichtet, weil sie die anderen nach Hause fährt. Aber das Essen werden alle genießen. Zwar gibt es keine kulinarische Köstlichkeit, aber etwas, das sie seit 70 Jahren an Silvester begleitet: Würstchen mit Kartoffelsalat.

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