Gangelt - Dürre-Soforthilfen: „Damit kann ich dreimal den Mähdrescher tanken“

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Dürre-Soforthilfen: „Damit kann ich dreimal den Mähdrescher tanken“

Von: Dettmar Fischer
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Bernhard Conzen, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes, sieht die Probleme der diesjährigen Dürreperiode in einem größeren Zusammenhang. Ein neues Risikomanagement wäre ihm lieber als nur Soforthilfen.
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Bei der Getreideernte sind die hiesigen Landwirte noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Bei Mais und Kartoffeln dürfte es anders aussehen.
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Der Mais rollt seine Blätter bei großer Hitze ein. Die Frucht kann nicht gedeihen.

Gangelt. Bernhard Conzen, Bauernpräsident im Rheinland, sieht die geforderte Soforthilfe als „Tropfen auf den heißen Stein“. Dennoch der Landwirt aus Gangelt keinerlei Regung, in das allgemeine Hitzegestöhne einzustimmen. Langanhaltende Trockenheit sei ein wiederkehrendes Naturereignis, sagt Conzen.

Bernhard Conzen ist seit 2014 Bauernpräsident im Rheinland. Auf seinem Hof steht ein Baum. Mittendrin im historischen Vierkanthof steht dieser Baum, der anzeigt, dass es viel zu lange zu heiß und zu trocken war. Obwohl der Baum bewässert wird, trocknet seine Spitze in der prallen Sonne langsam aus. Auf den Feldern sieht es nicht besser aus.

Anstelle eines Sommergrüns herrscht ein verdorrtes Beigebraun vor. Dennoch zeigt Bernhard Conzen keinerlei Regung, in das allgemeine Hitzegestöhne einzustimmen. Seine Mutter habe ihm vom schlimmen Sommer 1959 berichtet. Als junger Mann habe er den heißen Sommer 1976 erlebt. Langanhaltende Trockenheit sei ein wiederkehrendes Naturereignis, sagt Conzen und wählt einen schattigen Sitzplatz auf seinem Bauernhof, der mitten im Ort Gangelt liegt.

Viele Dörfer ringsum haben inzwischen keine Bauern mehr. Ein Dorf ohne Bauern? Bernhard Conzen geht davon aus, dass in wenigen Jahren ein Strukturwandel zu Ungunsten der Landwirte vollzogen sein wird – wenn sich nicht bald etwas ändert. Als Bauernpräsident im Rheinland, genauer gesagt als Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes, ist es seine Aufgabe, diesem Strukturwandel entgegenzutreten. Conzen: „Als Landwirte sind wir so getaktet, dass wir mit drei Ernten rechnen: eine Ernte auf der Bank, eine Ernte auf dem Speicher und eine Ernte auf dem Feld.“

Dieses dürre Jahr 2018 wäre also für einen klug rechnenden Landwirt eigentlich kein unlösbares Problem. Nach der Milchkrise vor zweieinhalb Jahren und der verregneten Ernte 2017 sei es aber nun schon das dritte Jahr in Folge, das den Landwirten mit extrem niedrigen Erträgen bei gleichzeitig niedrigen Preisen zusetze. Die Getreideernte sei aber schon eingefahren, sagt Conzen: „Da sind wir noch mal mit einem blauen Auge davongekommen.“ Auf 10 bis 20 Prozent schätzt Bernhard Conzen die Einbußen in den Betrieben. Dass die Vegetation in diesem Jahr ihrer Zeit gut 14 Tage voraus sei, könne sogar ein Ertragsvorteil sein. Beim Getreide ließe sich über leicht steigende Marktpreise der Verlust etwas kompensieren.

Wie aber sieht es bei Zuckerrübe, Mais und Kartoffeln aus? Conzen rechnet beispielsweise beim Mais mit 50 bis 60 Prozent weniger Gehalt. Bei der trockenen Hitze rollten sich die Blätter ein, die oben herausragende „Fahne“ könne den von den Blättern umschlossenen Kolben nicht befruchten. So entstehe kein gehaltvolles Futter. Conzen: „Das kann man höchstens noch ans Jungvieh verfüttern, um den Magen zu füllen.“ Auch die Biogasanlagen würden sicherlich Probleme mit dem Nachschub bekommen. Spitzenwerte bei den Preisen seien notwendig, sagt Conzen, um Existenzen zu sichern. Doch er weiß aus vielen Unterredungen mit Unternehmern, dass die Discounter den Markt regeln und Lebensmittel als Lockangebote einsetzen, um weitere Produkte mit zu verkaufen.

Die derzeit von Bauernpräsident Joachim Rudwied geforderte eine Milliarde Euro an Soforthilfen für die deutschen Landwirte sieht Conzen eher als Tropfen auf den heißen Stein an. Bei rund 300 000 Landwirten in Deutschland bekäme jeder 3300 Euro, „damit könnte er dann dreimal den Mähdrescher tanken“. Bernhard Conzen: „Wir brauchen ein anderes System, ein Risikomanagement.“

Er zählt Länder rund um den Globus auf, die bereits eine Dürre-Versicherung eingeführt haben wie die Niederlande, Frankreich, Italien, Thailand, Indien und Kanada. 50 Prozent würde der Landwirt einzahlen, 50 Prozent der Staat. Damit wäre in schlechten Jahren der Verlust, den ein Landwirt einfährt, auf maximal 20 Prozent zu reduzieren. Der Weg zur Dürreversicherung sei ein politischer, sagt Conzen.

Die Kartoffel, die Speiseware, werde gerade eingefahren. Die Ertragseinbußen lägen bei 50 Prozent gegenüber normalen Jahren. Die Dämme, auf denen die Kartoffel gedeihen soll, würden zu heiß, weil das schützende Laub vertrocknet sei. Bernhard Conzen zu den Risiken des landwirtschaftlichen Unternehmertums: „Wir haben über unserer Werkstatt kein Dach.“

Der stabilen Hochdruckwetterlage ohne Gewitter sind die Landwirte somit ausgeliefert. Derzeit sieht es also eher mau aus mit der Ernte auf dem Feld. Durch die schlechten Vorjahre ist auch die Ernte auf dem Speicher kein Ruhepolster. Und die Ernte auf der Bank? „Fragen Sie doch mal bei den Banken nach, wie es mit der Liquiditätslage der landwirtschaftlichen Betriebe aussieht“, regt Conzen an. Also drei schlechte Ernten? Fünf vor zwölf für die Landwirtschaft? „Eher eine Minute vor zwölf“, sagt Bernhard Conzen. Das Saatgut für das nächste Jahr muss jetzt bestellt und auch bezahlt werden.

 

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