Geilenkichen - Die Welt mit anderen Sinnen wahrnehmen

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Die Welt mit anderen Sinnen wahrnehmen

Von: Daniela Martinak
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Ohne den weißen Stock hätte Heinz Pütz keine Chance den richtigen Weg zu finden. Foto: Daniela Martinak
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Wenn der Geilenkirchener die Einkäufe einräumt, befolgt er ein bestimmtes System. Schließlich muss er die Artikel auch wiederfinden können. Foto: Daniela Martinak

Geilenkichen. An den beiden ovalen Blumenbeeten vorbei, dem Gebüsch folgen, der Regenrinne entlang, ein Kanaldeckel, der zweite Kanaldeckel, dann ein kleiner Schlenker nach links, und schon ist er da. Zu Hause. An der Tür seines eigenes Hauses. Mithilfe dieser Orientierungspunkte findet Heinz Pütz den richtigen Weg. Immer in der Hand: sein weißer Blindenstock.

„Ich bin zu früh auf die Welt gekommen, mit gerade einmal 500 Gramm“, beginnt der 59-Jährige zu erklären, „mein Zwillingsbruder ist einen Tag nach der Geburt gestorben. Mir ging es zum Glück nicht so schlecht. Im Alter von zwei Jahren stellten meine Eltern dann aber fest, dass ich auf einem Auge blind bin, auf dem anderen konnte ich nur ganz wenig sehen.“ Er habe sehr früh lernen müssen, seine anderen Sinne einzusetzen: Fühlen, riechen, schmecken, hören.

Wer bereits ein Dunkelrestaurant besucht hat, weiß, was das bedeutet. Heinz Pütz: „Ein Sehender sollte sich einfach mal die Augen verbinden. Nicht nur, dass diese Menschen dann wahrscheinlich vielmehr Verständnis für uns Sehbehinderte oder Blinde aufbringen würden, sie würden auch endlich die Welt mit anderen Augen sehen, auch wenn das jetzt komisch klingt.“

Der Geilenkirchener besuchte trotz seiner Behinderung eine „normale Schule, obwohl die Anforderungen immer schwieriger wurden“. Ohne Hilfsmittel sei es jedoch nicht möglich gewesen, die Ausbildung zum Industriekaufmann zu absolvieren.

Im Dürener Berufsförderungswerk habe er im Jahr 1973 schließlich doch noch einen für ihn passenden Ausbildungsberuf gefunden: Heinz Pütz wurde Telefonist. Ein Jahr später stellte ihn das Finanzamt in Geilenkirchen ein, dort arbeitet er heute noch.

„Ich höre viele Stimmen in den unterschiedlichsten Tonlagen und kann Emotionen so gut unterscheiden, wie kaum ein Sehender. Die Stimme desjenigen, mit dem ich spreche, verrät mir wirklich viel über die Person und über ihr Gemüt“, versichert Pütz.

Nebenbei engagierte er sich als Vertretung des Beauftragten für Schwerbehinderte in Geilenkirchen. Seit 1988 ist der 59-Jährige als Hauptvertrauensperson schwerbehinderter Menschen im Geschäftsbereich des Finanzministers und als Vertreter auf Landesebene tätig.

Ein Jahr später wurde es plötzlich dunkel. „Eine Netzhautablösung nahm mir das letzte bisschen Augenlicht, was mir auf dem einen Auge geblieben war“, erinnert Pütz sich. Das Wort „Sinneswandel“ bekam eine ganz andere Bedeutung. Was bis dahin hilfreich war, wurde von einem Tag auf den anderen zur einzigen Orientierungsmöglichkeit.

„Im Sommer ist es einfacher als im Winter. Dann kann man sich noch ein wenig an den Gerüchen orientieren. Etwa an den blühenden Hecken oder den Wiesen“, erklärt der Blinde. Wenn er mehrmals den ein oder anderen Weg passiert habe, sei es nur eine Sache der Konzentration. Geilenkirchen kenne er besser als mancher der sieht.

Eine fremde Umgebung

Schwieriger sei es, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden. Aus diesem Grund „sind alle sehbehinderten oder blinden Menschen auf Hilfe angewiesen“. Damit meint er aber nicht etwa, an die Hand genommen zu werden.

Nein. Als Behindertenbeauftragter in Geilenkirchen ist er es, der der Stadt sagt, dass etwa Hilfslinien am Boden oder gar barrierefreie öffentliche Gebäude das Leben im Alltag eines Blinden und auch den anderer Behinderter wesentlich vereinfachen.

„Ein Knackpunkt ist unter anderem der Bahnhof hier und auch in Lindern. Die Bahn sagt, die Stadt sei verantwortlich, die Stadt sagt, sie habe kein Geld. Ohne Aufzüge sind manche Gleise nicht erreichbar für einen Rollstuhlfahrer“, bedauert Pütz.

Dennoch: Geilenkirchen habe vieles richtig gemacht. Werden Straßen ausgebessert, werden Orientierungspunkte wie Platten und Risse angebracht, die Passage und das Bürgerbüro seien absolut barrierefrei, und Brailleschrift auf Treppengeländern erleichtert ebenfalls den Gang durch die dunkle Welt.

Die anderen Sinne

Wieder spielen die Sinne eine Rolle. Die anderen. „Ein Sehender sollte mal in sich hineinhorchen, öfter die Augen schließen, tief einatmen, Gerüche wahrnehmen. All die wunderbaren Sinne, mit denen man die Welt anders wahrnehmen kann, nutzt jemand, der sehen kann, gar nicht oft genug“, weiß der Geilenkirchener.

Seine Frau Rita kann zwar sehen, pflichtet in dieser Hinsicht aber ihrem Ehemann bei: „Man hört Dinge, die man sonst überhört, riecht Düfte, die sonst verfliegen.“

Am Freitag, dem Tag des Sehens, wäre das doch die perfekte Gelegenheit wirklich einmal „anders“ zu sehen. Oder sonst vielleicht am 15. Oktober? Da ist Tag des weißen Stockes.

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