Schinveld - Die Pilotenwiege gleich hinter Gangelt

Die Pilotenwiege gleich hinter Gangelt

Von: Nicola Gottfroh
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Lautlos wie ein Vogel über den Häusern von Gangelt: Jet Lancee genießt jede Sekunde ihres Segelfluges. Berufspilotin wollte sie aber nie werden. „Ich trenne Beruf vom Hobby“, sagt sie. Fotos (3): Gottfroh Foto: Gottfroh
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Jet Lancee und Ramon Dormans haben eine Leidenschaft für das Fliegen.
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Jet Lancee und Ramon Dormans haben eine Leidenschaft für das Fliegen.

Schinveld. Wenn er in mehreren hundert Metern Höhe über Gangelt und Geilenkirchen gleitet, dann hat Ramon Dormans sein Ziel noch stärker vor Augen, als wenn er mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht: Der 24-Jährige möchte Pilot werden und große Maschinen mit vielen Urlaubern nach Mallorca, Teneriffa oder Paris fliegen. „Das ist mein Traum“, sagt er.

Und tatsächlich kommt er diesem Traum mit jedem Start und jeder Landung am Flugplatz des Segelflugvereins des Ersten Limburger Segelflugvereins in Schinveld ein Stück näher.

„Ich habe schon viele Vereinskollegen kennengelernt, die einige Jahre später Pilot bei der Lufthansa oder der niederländischen KLM geworden sind“, sagt Jet Lancee. Die 59-Jährige ist das Urgestein des Vereins. Seitdem ihrem 16. Lebensjahr ist sie Mitglied – und ebenso lange sitzt sie am Steuer ihrer KA6-E. „René dort zum Beispiel“, sagt sie und zeigt auf den Mann, der zwei Schülern auf dem Platz Anweisungen gibt, „der ist Pilot bei der KLM, der fliegt inzwischen auch Maschinen des Typs Boing. Und in seiner Freizeit gibt er hier Unterricht – so wie er ihn damals bekam“, sagt sie. „Man kann also behaupten, dass der Flugplatz in Schinveld gleich hinter Gangelt eine Wiege für künftige Flugkapitäne ist.“ Dort, unmittelbar hinter der Niederländischen Grenze neben Mindergangelt könnten die jungen Flieger Erfahrungen sammeln, die sich später als goldenes Ticket ins Cockpit erweisen könnten.

Ramon Dormans hat bereits mit 16 im Cockpit des Segelfliegers gesessen – und neulich auch schon auf dem Sitz eines Boing-Flugkapitäns. „Zumindest dem Gefühl nach“, sagt er. In einem Flugsimulator hat er diverse Aufgaben, die im Pilotenberuf auf ihn zukommen könnten, bewältigen müssen. Das gehört zu den Kriterien, die erfüllt sein müssen, bevor der Pilotennachwuchs einen Ausbildungsplatz ergattert. Dormans hat es fast geschafft – wenn er in wenigen Monaten sein Studium zum Luftfahrt- und Raumfahrttechniker bestanden hat, geht es an die Pilotenausbildung. Es sei schon eine Umstellung, sich vom Segelflieger an das Lenken eines Passagierflugzeugs zu gewöhnen, sagt er. „Das Gefühl vom Fliegen ist dabei zwar das gleiche. Aber das Segelfliegen ist noch einmal etwas ganz anderes. Viel ursprünglicher, da gibt es keine blinkenden Knöpfe und Elektronik“, sagt der Student.

Tatsächlich kommt das Segelflugzeug fast gänzlich ohne Hilfsmittel aus. Motor und Benzin braucht es nicht. Gestartet wird mit Hilfe einer Seilwinde. Am Flugzeug angebracht, zieht sie die Maschine aus Holz oder Kunststoff in die Höhe. Einmal in der Luft, benutzen die Segelflieger die Thermik. „Die Kunst des Segelfliegens besteht darin, sich die Aufwärtsbewegung der Luft, die von der Sonneneinstrahlung und der Erwärmung des Erdbodens hervorgerufen wird, zu Nutze zu machen“, sagt Jet Lancee. Wer das beherrscht, der könne auch mal vier, fünf Stunden in der Luft bleiben. „Mein längster Flug hat sogar über sechs Stunden gedauert“, sagt Lancee.

Manchmal aber ist der Flug auch ganz schnell vorbei. Nicht wegen einer harten Bruchlandung. So eine oder gar einen Absturz habe es im Verein noch nie gegeben.

Rücksicht auf Awacs

Vielmehr deswegen, weil auch die Awacs den Luftraum über Gangelt und Schinveld nutzen muss. Deshalb hält der Fliegende – auch wenn beim Segelflug auf moderne Antriebsraffinessen verzichtet wird – ständigen Funkkontakt zu den Vereinskollegen auf dem Platz. Dort rufen die Verantwortlichen des Militärflugplatzes der Nato in Geilenkirchen immer dann an, wenn die Awacs-Maschinen starten, landen oder kleine Runden durch die Luft drehen. Und dann müssen die Segelflieger raus aus der Luft. Kein Problem, wenn sie sich in direkter Nähe zum Flugplatz aufhalten oder kilometerweit entfernt lautlos wie die Vögel durch die Luft gleiten. „Wenn man allerdings 15 bis 20 Kilometer vom Flugplatz entfernt ist, dann kann es schon einmal sein, dass man auf freiem Feld in Erkelenz landen muss“, sagt Lancee. Und dann ergibt sich das typische Problem der Segelflieger. „Allein kommen wir dann nicht mehr weg“, sagt Lancee.

Das Team vom Flugplatz kommt bei einer unplanmäßigen Landung mit einem Anhänger zum Feld, montiert mit Hilfe des Piloten die Tragflächen ab – und dann geht es nicht fliegend, sondern fahrend zurück zum Hangar. „Das Landen außerhalb des Flugplatzes ist schon eine Aufgabe für Fortgeschrittene“, sagt Jet Lancee.

60 Starts und Landungen müssten Fluganfänger sammeln, bis sie sich zum ersten Mal aus der Sichtweite des Flugplatzes entfernen und eine weitere Strecke selbst fliegen dürften, erklärt Lancee. „Ungefähr ein bis zwei Jahre dauert es, bis man diese Menge gesammelt hat. Vor dem ersten Flug steht natürlich theoretischer Unterricht an und auch medizinische Atteste müssen von den Anfängern vorgelegt werden“, so Lancee. Ein teurer Spaß für junge Menschen, würde man meinen. „Nein“, sagt Lancee. Teurer als Tennis sei das Fliegen auch nicht.

Zumindest nicht bei ihnen im Verein. Die Gebühr betrage pro Jahr rund 1000 Euro. „Mit allem drum und dran“, so Lancee. Die Flugstunden seien kostenlos. Aber nur deswegen, weil der Verein so ähnlich wie ein lebender Organismus agiere. Jeder müsse sich mit seinen Stärken einbringen. „Wer gut im Reparieren ist, kümmert sich um die Wartung. Wer gut lehren kann, der gibt Flugstunden, wer gut kommunizieren kann, kümmert sich um den Funk. Nur im Team kann der Verein funktionieren“, sagt die 59-Jährige.

Und so wird sicherlich auch Ramon Dormans eines Tages als Lehrer auf dem Flugplatz stehen. Zwischen seinen Flügen nach London, Mallorca und Paris.

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