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„Der Krieg ist bei uns angekommen“: Was Flüchtlinge berichten

Von: Udo Stüßer
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Türkische Polizisten in Istanbul: Aufgrund der Zustände in der Türkei rechnet Yvonne Wolf mit weiteren Flüchtlingen aus diesem Land. Foto: dpa
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Yvonne Wolf vor der neuen Flüchtlingsunterkunft an der Friedensburg. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. 60 weitere Asylbewerber wurden der Stadt Geilenkirchen in den vergangenen drei Wochen zugewiesen. Alleine am Gründonnerstag kamen 16 Menschen aus der Türkei, aus Armenien, Irak und Guinea. Lebten im Oktober 2016 190 Flüchtlinge in Geilenkirchen, so sind jetzt 254 Asylbewerber aus 29 Ländern in 24 Unterkünften untergebracht.

Yvonne Wolf, Flüchtlings- und Integrationsbeauftragte der Stadt Geilenkirchen, rechnet mit weiteren Zuweisungen: „Es stehen noch viele Menschen in Syrien und in den afrikanischen Ländern an den Grenzen und warten auf gutes Wetter. Sobald das Meer sich beruhigt, werden sie kommen. Ich gehe auch davon aus, dass viele aus der Türkei flüchten. Diese Länder werden auch in naher Zukunft nicht befriedet“, sagt sie.

Bestrebungen der Politik, die Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen, hält Yvonne Wolf oft für „Lippenbekenntnisse“. „Tag für Tag ertrinken Menschen im Meer auf ihrem Weg nach Europa. Mein Ansporn ist, für die Menschen, die bei uns ankommen, das Bestmögliche zu tun.“

Ohne Dokumente

Grund für die Zuweisung von 60 Flüchtlingen in nur drei Wochen ist die Schließung der Erstaufnahmeeinrichtung in Niederheid Ende vergangenen Jahres. Asylbewerber werden in Deutschland nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Länder und Kommunen verteilt. Die Verteilung richtet sich nach Steuereinnahmen und Bevölkerungszahl. „Da sich die Erstaufnahmeeinrichtung in unserem Stadtgebiet befunden hat, wurden uns 204 Plätze anerkannt. Zwar haben die Menschen aus dieser Erstaufnahmeeinrichtung unser Stadtbild mitgeprägt, wir mussten aber keine Leistungen für sie erbringen. Zum Jahresende sind diese 204 Plätze weggefallen“, sagt die Integrationsbeauftragte.

Nachdem im Januar in ganz Deutschland die Zahlen neu nach dem Königsteiner Schlüssel berechnet worden seien, habe man festgestellt, dass Geilenkirchen 129 Flüchtlinge zu wenig aufgenommen habe. „Und da hat man uns erst einmal 60 Asylbewerber zugewiesen“, erklärt Wolf.

Yvonne Wolf und ihr Kollege Patrick Zimmermanns, Sozialarbeiter Anton Kolaj und die beiden Hausmeister Peter Rodenbücher und Thomas Devrine haben nach der Zuweisung alle Hände voll zu tun, wobei die Flüchtlingsbeauftragte betont: „Rodenbücher und Devrine sind mehr als nur Hausmeister, sie sind eigentlich Betreuer.

Innerhalb kürzester Zeit müssen die ankommenden Asylbewerber im Bürgerbüro angemeldet werden, Transferleistungen müssen ausgezahlt werden. „Viele Flüchtlinge kommen ohne Dokumente, der Familienstand ist dann nicht nachweisbar, die Kinder werden auf der Aufenthaltsgestattung der Mutter eingetragen, bei den Vätern herrscht dann oft Unverständnis“, beschreibt Wolf das Dickicht der Bürokratie.

Die Daten müssen schnellstmöglich der Ausländerbehörde im Kreishaus übermittelt werden, es muss Wohnraum zur Verfügung gestellt werden. Und auch das ist gar nicht so einfach. Problematisch war jetzt die Unterbringung eines Syrers, der mit Erst- und Zweitfrau nebst zehn Kindern nach Geilenkirchen kam. Vor eineinhalb Jahren hat sich der Mann mit seinen drei Frauen und 13 Kindern von Syrien aus auf den Weg gemacht, ist über die Türkei, Griechenland, Albanien, Kosovo, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland gekommen.

Eine seiner drei Frauen ist mit drei Kindern in Ostdeutschland untergekommen. „Diese Familie hat auf der Flucht im Freien campiert, die kennt keine Häuser“, beschreibt Yvonne Wolf die Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche. Die neuen Flüchtlingsunterkünfte an der Friedensburg sind durchschnittlich für vier Personen ausgelegt. „Aber die Asylbewerber kommen meist mit vier, fünf und sechs Kindern.“ Die 13-köpfige Familie hat Yvonne Wolf in zwei Häuser in der Fliegerhorstsiedlung unterbringen können. Nicht nur für Yvonne Wolf ist solch eine Familie eine Herausforderung. „Diese Familie ist integrationswillig, aber die Mitbürger sind oft überfordert.“

Überhaupt gestaltet sich die Unterbringung manchmal als recht schwierig. Kamen in früheren Jahren mehr alleinreisende Männer, sind es jetzt vermehrt alleinreisende Frauen, die untergebracht werden müssen. „Und von den letzten Flüchtlingen waren vier schwanger“, sagt Yvonne Wolf. „Einerseits wollen wir alle Flüchtlinge vernünftig unterbringen, haben separate Unterkünfte für Männer, Frauen und Familien. Andererseits wollen wir eine Ghettobildung vermeiden. Wir wollen keine Parallelgesellschaft aufbauen“, beschreibt Yvonne Wolf ein weiteres Problem. Wohnungen auf dem privaten Markt benötigen auch die 40 anerkannten Flüchtlinge, die eine dreijährige Wohnsitzauflage haben, um sich besser integrieren zu können.

Yvonne Wolf und ihre Kollegen helfen, wo sie nur können. „Wir sind Ansprechpartner in allen Lebenslagen, aber manche Dinge möchte man einfach nicht wissen“, beschreibt sie die andere Seite der Medaille. „Die Flüchtlinge berichten von menschlichen Schicksalen, die psychisch sehr belastend sind. Sie erzählen von Krieg und Verfolgung, von Vergewaltigung und anderen Gräueltaten. Wut, Trauer, Angst: Alle Emotionen sind dabei.“

Wenn man das Elend im Fernsehen sehe, sei es etwas anderes, als wenn Betroffene persönlich erzählen. „2015 sind die Menschen aus dem Kosovo und aus Albanien vor Hunger und Elend geflohen. Jetzt kommen die Opfer des Syrien-Krieges. Der Krieg ist bei uns angekommen, die Horrorgeschichten von Aleppo höre ich täglich am Schreibtisch.“ Unter den 60 neu zugewiesenen Flüchtlingen befinden sich auch 14 Türken: Familien, alleinreisende Frauen, alleinreisende Mütter. „Sie wurden in der Türkei verfolgt und haben Angst vor Repressionen, ihre Männer sitzen im Gefängnis“, sagt Wolf und ist sich sicher, dass viele weitere folgen werden.

Die Flüchtlingsbeauftragte freut sich über den Willen zur Integration. „Aber wo Licht ist, ist auch Schatten“, hat sie festgestellt und denkt an die Drogendealer und sonstigen Straftäter unter den Flüchtigen. „Und wenn eine Familie mit 13 Koffern kommt, sieht das nicht gerade nach Flucht aus.“ Was der jungen Frau schwer im Magen liegt, sind die wüsten Drohungen und Beschimpfungen, die Anrufe aus der rechten Szene. „Der Wutbürger ruft an“, sagt sie.

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