Der Antwerpener Altar ist ein seltener Kunstschatz

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Eine alte Legende als theologi
Eine alte Legende als theologische Auslegung: Jesus Christus erscheint dem heiligen Papst Gregor dem Großen während der Eucharistiefeier.

Geilenkirchen. Das Dorf Süggerath gehört mit etwa 700 Einwohnern zu den eher kleineren Ortsteilen im Stadtgebiet von Geilenkirchen. Historische Bauwerke hat es - abgesehen von der nahegelegenen Burg Trips - nicht zu bieten. Die 1874 erbaute Pfarrkirche Heilig Kreuz birgt jedoch einen Kunstschatz, der Süggerath über den normalen Durchschnitt erhebt.

Im Chorraum, dessen Baukern noch aus dem Mittelalter stammt, steht ein flandrischer Schnitzaltar aus der Zeit um 1530. In Fachkreisen werden diese „Antwerpener Altäre” auch als Retabeln bezeichnet. Weltweit sind noch etwa 200 Exemplare bis heute erhalten, ein großer Teil wird jedoch in Museen ausgestellt oder gehört zu Kunstsammlungen. In unserer Region befinden sich Retabeln nur noch vereinzelt - etwa in den Stadtkirchen von Linnich und Langerwehe oder in den Dorfkirchen von Siersdorf und Barmen (bei Jülich).

Wie der Name schon sagt, wurden diese Schnitzaltäre in Antwerpen angefertigt.

Die Stadt an der Scheldemündung gehörte im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit zu den reichsten Handelsmetropolen Europas. Die Maler, Schnitzer und Bildhauer bildeten dort eine eigene Künstlergilde und erhielten zahlreiche gut dotierte Aufträge. Nach der Entdeckung Amerikas gelangten auch Edelmetalle in größeren Mengen nach Antwerpen, so dass man Schnitzwerke und Gemälde relativ kostengünstig mit Blattgold verzieren konnte.

Die Schnitzaltäre wurden allesamt nach einem relativ ähnlichen „Strickmuster” geschaffen, aber dennoch wäre es gänzlich verfehlt, dabei von „Serienproduktion” zu sprechen. Denn sie tragen auch durchaus individuelle Züge und man kann verschiedene Typen unterscheiden: Marienaltäre, Heiligenaltäre und Passionsaltäre. Zum letzteren Typ gehört auch der Süggerather Schnitzaltar, seine Bilder und Schnitzwerke thematisieren also hauptsächlich das Leiden Christi. Heutzutage wäre ein solches Retabel wahrscheinlich kaum noch bezahlbar: Experten schätzen, dass die Anfertigung eines einzigen Exemplares mehrere tausend Arbeitsstunden in Anspruch nahm!

Ob der Altar ursprünglich für die Kirche in Süggerath geschaffen wurde, läßt sich nicht genau sagen.

Manches spricht jedoch dafür, dass er zunächst in einer holländischen Kirche stand. Im Jahre 1568 kam es jedoch in den (damals noch vom katholischen Spanien regierten) Niederlanden zu einem verheerenden Bildersturm. Fanatische reformierte Prediger riefen damals die Bevölkerung auf, die Kirchen von „Flitterkram und Götzenbildern” zu reinigen. Unzählige Gemälde, Skulpturen, Reliquien und Schnitzereien fielen einer sinnlosen Zerstörungswut zum Opfer - gleichzeitig wurde diese Aktion aber auch zur Initialzündung für den Aufstand gegen die spanische Besatzungsmacht. Nur wenige Jahrzehnte später sollte ein unabhängiges, protestantisches Holland aus dieser Bewegung hervorgehen. Im Falle des Süggerather Retabels hatte man aber wohl rechtzeitig die heraufziehende Gefahr erkannt und es ins benachbarte katholische Rheinland verbracht - dort war es vor der Zerstörung sicher.

Während der meisten Zeit im Jahr ist der Schnitzaltar verschlossen, so dass man nur die (ebenfalls kunstvoll im Stil der Frührenaissance ausgemalten) Rückseiten der Flügeltüren zu sehen bekommt. Eines dieser Gemälde zeigt eine alte Legende: Dem heiligen Papst Gregor sollen einstmals während der Meßfeier Zweifel an der göttlichen Gegenwart in Brot und Wein gekommen sein.

Da erschien ihm bei der Wandlung Jesus Christus über dem Kelch, um ihm persönlich zu offenbaren, dass er in der Eucharistie selbst anwesend sei. Diese Szene ist auf der Rückwand des Altares abgebildet - kein Wunder, dass gerade diese Darstellung damals für die niederländischen Protestanten eine ungeheure Provokation darstellte. Denn für die evangelisch-reformierten Kirchen ist das Abendmahl (bis heute) eine reine Symbolhandlung, die nur an Jesus Christus erinnern soll.

Nur an Hochfesten

Die katholische Vorstellung, dass Gott selbst in Brot und Wein zu den Menschen kommt, wird als „Materialisierung Gottes” betrachtet, die Verehrung der Hostie fast schon als Götzendienst aufgefaßt. In einer protestantischen Kirche hatte ein solcher Schnitzaltar nach damaliger Vorstellung also nichts zu suchen.

Das prachtvolle, kunstvoll geschnitzte Innere des Altares bekommen die Gläubigen in der Regel nur an kirchlichen Hochfesten zu sehen. Dazu gehören selbstverständlich Weihnachten, Ostern und Pfingsten, aber auch weniger bekannte Tage wie beispielsweise Maria Verkündigung (25. März) oder Johannes der Täufer (24. Juli) - sofern sie auf einen Mittwoch oder einen Sonntag fallen, denn nur an diesen Tagen finden in Süggerath noch Meßfeiern statt.

Der geöffnete Altar bietet mit seinen Gemälden und reichverzierten Schnitzereien einen überwältigenden Anblick. Für seine Betrachtung sollte man sich Zeit nehmen, denn dieses Werk wurde keineswegs nur für Kunstkenner geschaffen, sondern erzählt auch Geschichten. Für das einfache Volk, das im Mittelalter noch zumeist des Lesens und Schreibens unkundig war, sollte es Verkündigung des Evangeliums in Bildern sein.

Zugleich sollte das Wort Gottes aber auch in die damalige Zeit hineingestellt werden: Die Menschen und die Gebäude sind im Stil und in der Mode des frühen 16. Jahrhunderts dargestellt. Somit macht das Süggerather Retabel auch den Geist einer längst vergangenen Epoche für den heutigen Betrachter wieder lebendig. Hier offenbart sich noch die weltvergessende Frömmigkeit unserer Vorfahren, die den Menschen unserer Zeit fast gänzlich abhanden gekommen ist.
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