Übach-Palenberg - Depression: Wenn schwarze Vögel der Ängste fliegen

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Depression: Wenn schwarze Vögel der Ängste fliegen

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
8000 Menschen nehmen sich pro
8000 Menschen nehmen sich pro Jahr nach einer Depression das Leben. Im Vergleich dazu gibt es in deutschland in jedem Jahr 4800 Verkehrstote. Foto: imago

Übach-Palenberg. „Du kannst nicht verhindern, dass schwarze Vögel der Trauer und der Ängste über deinem Haupte schweben. Aber du kannst verhindern, dass sie Nester bauen.” Der in Übach-Palenberg niedergelassene Allgemeinmediziner Dr. Heiner Buschmann kennt zwar nicht den Verfasser dieser Zeilen, aber er kennt Menschen, die traurig sind, die verzweifelt sind, die ihren Lebensmut verloren haben.

Auch aus seiner Praxis. „Etwa zehn Prozent meiner Patienten sind depressiv”, sagt der Arzt, der verhindern möchte, „dass schwarze Vögel der Trauer und Ängste ihre Nester bauen”. Auch in seiner Arztpraxis hat er festgestellt, dass die Dunkelziffer der an Depression erkrankten Menschen hoch ist.

Deshalb hat er sich aus allgemeinmedizinischer Sicht mit diesem hochaktuellen Thema intensiv auseinandergesetzt. „Ich hatte das Bedürfnis, dieses hochsensible Thema bei unserem medizinischen Alltagsstress den niedergelassenen Kollegen in einem breiten Rahmen darzustellen”, erklärt er. Und so referierte Buschmann in den vergangenen Monaten in Köln und Düsseldorf, in Nürnberg und Hamburg, in Berlin und München jeweils vor 200 bis 600 Ärzten.

Aufklärungsarbeit will der Übach-Palenberger leisten. Und er hat dabei festgestellt: „Das Interesse ist groß.” Kein Wunder: „Weltweit erkranken 340 Millionen Menschen an einer Depression, 20 Prozent unserer Bevölkerung erleben einmal in ihrem Leben eine Depression”, nennt Buschmann alarmierende Zahlen. Und: „25 Prozent der Frauen und 13 Prozent aller Männer leiden mindestens einmal unter dieser psychiatrischen Erkrankung. Bei den Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren sind es drei bis zehn Prozent. Tendenz steigend.”

Ursachen sieht Buschmann im Leistungsdruck in den Schulen und im Kampf um einen Ausbildungsplatz. „15 Prozent der Menschen, die an einer schweren Depression leiden, sterben an Suizid. Das sind rund 8000 Menschen im Jahr.” Buschmann nennt eine andere Zahl zum Vergleich. „In Deutschland gibt es im Jahr 4800 Verkehrstote.”

80 Prozent derjenigen, die unter einer Depression leiden, würden sich mit Selbstmordgedanken auseinandersetzen.

„Von den 16 Millionen Depressiven müssen vier Millionen behandelt werden. Aber nur 300.000 bekommen die optimale Therapie”, bedauert der Facharzt für Allgemeinmedizin und Feuerwehrarzt der Stadt Übach-Palenberg. Der 57-Jährige kennt auch den Grund: „Die Erkrankung wird oft nicht erkannt. Hier ist der Hausarzt gefordert, da er meistens der erste Ansprechpartner ist.”

Die meisten Patienten kommen mit körperlichen Problemen in die Praxis, klagen über Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Essstörungen, Kopfschmerzen und Herzbeschwerden. „Aber kein Patient sagt: ,Ich habe eine Depression. Der Arzt aber hat eine empathische Beziehung zu seinem Patienten aufgebaut. Er muss sich die Zeit nehmen, zuzuhören, denn hinter jedem körperlichen Erscheinungsbild kann eine Depression stehen.”

Klagt der Patient über körperliche Beschwerden, sei eine standardisierte Untersuchung mit EKG, Blutbild und Lungenfunktionstest erforderlich. Wenn keine körperliche Erkrankung festgestellt werde, müsse im Gespräch mit dem Patienten festgestellt werden, ob eine Depression die Ursache sei. „Appetitlosigkeit, Libidoverlust, Verzweiflung, Suizidalität und Wahn kennzeichnen eine Depression”, weiß Buschmann.

Ursachen seien psychosoziale Faktoren wie Leistungsdruck, Überforderung, familiäre und finanzielle Probleme. Es gebe aber auch, so Buschmann, den als melancholisch geborenen Menschen, den „Typus melancholicus” . Auch genetische und hormonelle Faktoren könnten eine Rolle spielen. Hauptsymptome seien eine gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit und Antriebsstörung. „Wenn zwei Symptome über zwei Wochen vorhanden sind, ist das ein Hinweis auf eine Depression.”

Während Hippokrates noch die Einnahme von Eselsmilch empfohlen und Sport verboten hat, setzt die moderne Medizin heute auf eine medikamentöse Therapie, nichtmedikamentöse Therapie in Form von Psychotherapie und Somato-Therapie, also eine körperlich stabilisierende Therapie durch Sport und gesundem Leben. „Alle drei Therapieformen sind gleichwertig einzusetzen”, empfiehlt Buschmann.

Die Psychotherapie diene der Selbststabilisierung. Der Patient solle Möglichkeiten erlernen, eigenständig depressive Phasen zu erkennen und sich selbst „aus dem Sumpf herauszuziehen”. „Wichtig ist auch, die Familienangehörigen mit einzubinden”, rät Buschmann und weist auf die Medikamente hin: „Sie stabilisieren hormonelle Balancestörungen, haben relativ wenig Nebenwirkungen und beginnen mit ihrer Wirkung nach etwa zwei Wochen.” Mit diesen Medikamenten sei die Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt.

„Eine wichtige Rolle bei der Diagnose und der Therapie spielt der Hausarzt. Aber auch ihm sind Grenzen gesetzt. Wenn die Therapie des Hausarztes nach sechs Wochen nicht den gewünschten Erfolg hat oder die Medikamente umgestellt werden müssen, sollte der Facharzt für Psychiatrie in Anspruch genommen werden”, sagt Buschmann.

Und weiter zur Rolle des Hausarztes: „Wir müssen uns die Ängste, Sorgen und Nöte des Patienten anhören, ihm das Gefühl vermitteln, dass wir ihn ernst nehmen und ihn als Vertrauten an die Hand nehmen, um mit ihm diese schwere Phase zu überstehen.” Und: „Es ist doch schön zu sehen, wenn der Patient wieder lebensfroh ist und die innere Zufriedenheit gefunden hat.”
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