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Das ständige Bangen um den Arbeitsplatz

Von: Isabelle Hennes
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Eine Ampel zeigt vor einer ges
Eine Ampel zeigt vor einer geschlossenen Schlecker-Filiale auf Rot. Der Plan einer Auffanglösung für 11 000 Schlecker-Beschäftigte ist gescheitert. Die in Bayern mitregierende FDP sperrt sich vehement gegen eine Lösung, bei der nicht alle Bundesländer mit im Boot sind. Foto: Oliver Berg dpa/lnw

Geilenkirchen. Nein, es war kein schöner Start ins Jahr 2012 für die Schlecker-Mitarbeiter in Deutschland. „Schlecker schließt jede zweite Filiale”, „Schlecker Mitarbeiter werben um Solidarität” oder „Was bleibt, wenn Schlecker geht” lauteten die Schlagzeilen. Eine Mitarbeiterin berichtet von Weinkrämpfen, Magenproblemen und Streit mit dem Ehemann.

Rund 11.000 Menschen sind von der Insolvenz der Drogeriemarkt-Kette betroffen. 11.000 ist lediglich eine Zahl - aber was verbirgt sich dahinter? Wie sehen die Schicksale der Betroffenen aus? Julia kommt aus der Region und ist eine von ihnen. Zwar ist ihr im Zuge der Insolvenz nicht gekündigt worden, aber sie bangt trotzdem um ihren Arbeitsplatz und weiß nicht, wie ihre berufliche Zukunft aussehen wird. Deshalb möchte sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Als sie vor einigen Wochen von der Insolvenz ihres Arbeitgebers aus der Presse erfährt, ist sie nicht überrascht. Aus ihrer heutigen Perspektive vermutet sie sogar, dass das alles geplant gewesen sein könnte. „Das war mir klar”, sagt sie, „ich war noch nicht mal geschockt.”

Im vergangenen Jahr ist Julia froh, die Teilzeitstelle zu bekommen. Durch einen Aushang im Schaufenster der Filiale ist sie auf den Job aufmerksam geworden. Sie unterschreibt einen Einjahresvertrag, in dem festgehalten wird, dass sie durchschnittlich 15 Stunden pro Woche als Teilzeitkraft arbeiten soll. Rund neun Euro verdient sie in der Stunde. „Damit war ich zufrieden, schließlich habe ich den Beruf ja nicht gelernt”, sagt die junge Mutter.

Schnell stellt sich heraus, dass es mit den 15 Stunden pro Woche nicht getan ist. Immer häufiger muss sie länger bleiben, weil die Filiale personell unterbesetzt ist. Als sie den Job angenommen hat, sind es vier Verkäuferinnen. Teils ausgebildet in dem Beruf, teils Quereinsteiger oder Aushilfskraft. Eine Filialleitung gibt es nicht. Immer wieder werden sie und ihre Kolleginnen von der Betriebsleitung vertröstet: Es komme bald jemand, der die Leitung der Filiale übernimmt. Letztendlich dauert es bis Anfang März. Erst dann wird jemand geschickt, der Verantwortung übernehmen kann. Bis dahin müssen die Verkäuferinnen Bestellungen, Abrechnungen und sonstige Aufgaben, die normalerweise die Leitung ausführt, selber übernehmen - und für alles den Kopf hinhalten. „In einem Hauruck-Verfahren haben meine Kolleginnen mir alles beigebracht”, erinnert sich Julia.

Das Team schrumpft

Das Team um Julia beginnt bereits kurz nach ihrer Einstellung mit und mit zu schrumpfen. „Die Verträge meiner Kolleginnen wurden einfach nicht mehr verlängert.” Das geht so weit, dass Julia im Februar dieses Jahres 140 Stunden arbeitet und als Aushilfskraft die Filialleitung übernehmen muss.

Sie und ihre Kollegin sind die letzten, die von den anfangs vier Kolleginnen übrig geblieben sind. Würden sie nicht täglich von morgens bis abends zur Arbeit kommen, gäbe es die Filiale längst nicht mehr. Hinzu kommt der psychische Druck: Seit Wochen kommt keine Ware mehr nach. „Die Betriebsleitung hat das mit logistischen Problemen begründet”, sagt Julia. Leere Regale, überforderte Verkäuferinnen: Das fällt auch den Kunden auf. „Zu Beginn haben wir Schlecker vor den Kunden noch verteidigt”, sagt Julia enttäuscht. Aber nicht bei allen Kunden kommt diese Solidarität mit dem Arbeitgeber gut an. Anstatt sich um das Schicksal der Menschen zu kümmern, sind sie auf ihren Vorteil bedacht. „Permanent wurden wir gefragt: Schließen Sie jetzt? Warum gibt es keinen Ausverkauf?” Dabei weiß Julia ja selbst nicht, wie es weitergeht.

Irgendwann kippt dann auch die Stimmung unter den Kolleginnen. „Die Stimmung war einfach furchtbar.” Es fällt ihnen schwer, gegenüber den Kunden freundlich zu bleiben. Hat sie Feierabend, platzt ihr Zuhause der Kragen. „Mein Mann und ich haben uns noch nie so oft gestritten wie in den letzten Wochen.” Der drohende Jobverlust führt zu plötzlichen Weinkrämpfen und Magenproblemen. „Was denken die sich denn, wovon ich meine Miete bezahlen soll”, sagt Julia kopfschüttelnd. „Die” das sind für Julia die Schlecker-Familie und der Insolvenzberater.

Der größte Schock

Der größte Schock kommt allerdings erst, als sie Ende März ihre Gehaltsabrechnung bekommt. Noch heute schaut sie ungläubig auf das Blatt Papier, das sie unangekündigt zugestellt bekommen hat. „Ich soll 3,27 Euro an Schlecker zurückzahlen, und nichts bekommen”, sagt Julia. Sofort ruft sie bei der Personalplanung an. Ihre Ansprechpartnerin in der Lohnabteilung weiß zunächst nichts davon. Dann bestätigt sie die Kostenaufstellung auf der Lohnabrechnung. „Da fragst du dich, wofür du arbeitest”, sagt Julia. Dabei habe es seitens der Personalabteilung immer geheißen, die Gehälter seien bis Ende März sicher. Da sich Julia mit Begriffen wie „nicht insolvenzgeldfähig” - wie wahrscheinlich so manch anderer Arbeitnehmer auch - nicht auskennt, will sie nun einen Experten um Rat fragen. Die Hoffnung, vielleicht doch noch die gearbeiteten Stunden bezahlt zu bekommen, hat sie noch nicht aufgegeben.

Diese ganzen Missstände lassen sie skeptisch zurückblicken. Vielleicht hatte die Geschäftsführung von Schlecker schon selbst das Vertrauen in die Wirtschaftlichkeit verloren? War es Taktik des Unternehmens, keine Ware mehr liefern zu lassen? Fragen, auf die Julia wohl keine Antworten bekommen wird.

Dass Julia nicht vom Unternehmen selbst über die Insolvenz informiert worden ist, macht die Stimmung nicht besser. Gemeinsam mit ihrem Mann hat Julia die gesamte Berichterstattung bis zuletzt aufmerksam verfolgt. Auch, dass die Transfergesellschaft wegen des Widerstands der FDP gescheitert ist. Für Julia ist das aber kein Grund, der Partei den Buhmann zuzuschieben. „Dafür ist alleine Schlecker verantwortlich, sonst niemand.”
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