Das Rätsel um die vergifteten Pflanzen von Scherpenseel

Von: Jan Mönch
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Blick auf den Friedhof an der Vom-Stein-Straße: Seit Jahren schon treibt hier ein mysteriöser Giftspritzer sein Unwesen. Foto: Jan Mönch, stock/Chromorange

Übach-Palenberg. Er hat es wieder getan. Ist über den Friedhof geschlichen, womöglich nach Einbruch der Dunkelheit. Hat sich umgesehen, ob auch niemand in der Nähe ist. Hat eine unbekannte Flüssigkeit über die Pflanzen eines Grabes geschüttet, so dass diese absterben. Und dann ist er auch schon wieder verschwunden.

Falls sein Ziel sein sollte, dass das Dorf über ihn spricht, dann hat er das geschafft, lange schon. Man fragt sich, was in seinem Kopf wohl so alles vor sich gehen mag, ob er besonders stolz auf sich ist, beispielsweise.

Er? Oder sie? Schon das Geschlecht des Täters ist an dieser Geschichte unklar. Überhaupt ist das Allermeiste unklar.

Seit langem schon rätselt Scherpenseel darüber, wer regelmäßig die Gräber auf dem Friedhof an der Vom-Stein-Straße verschandelt. Meistens, aber nicht immer, werden die Pflanzen vergiftet. Sie wurden auch schon herausgerissen oder samt Blumenkübel zertreten. Doch meist verenden sie einfach ohne einen für den Laien ersichtlichen Grund. Oft sind es ganz frische Blumen, erst wenige Tage alt. Und plötzlich liegen sie völlig verdorrt auf dem Grab, während ihre Nachbarn eine Handbreit entfernt fröhlich weiter vor sich hinblühen.

An vielen Stellen wird so das schöne Gesamtbild des Friedhofs, sonst von liebevoll gepflegten Gräbern geprägt, empfindlich getrübt. „Ich habe schon Angst, auf den Friedhof zu gehen, weil ich nicht weiß, was mich erwartet“, erzählt einer der Betroffenen. Mehrmals im Monat musste er zeitweise das von ihm gepflegte Grab neu bepflanzen. Seit fünf Jahren geht das schon so, vielleicht sogar noch länger.

Scherpenseel ist nicht besonders groß, und eigentlich gibt es nicht besonders viele Leute, denen man hier zutraut, die Gräber von Verstorbenen zu verschandeln. Gewiss: Rein monetär geht es um einen halbwegs überschaubaren Sachwert. Aber es geht eben auch um das Andenken der Toten, das besudelt wird. Und so wird im Dorf emsig spekuliert, wer der Übeltäter oder die Übeltäterin wohl sein könnte. Dazu trägt auch bei, dass die Gräber nicht wahllos versaut werden, sondern meistens die gleichen Stätten betroffen sind. Jugendliche Zerstörungswut etwa scheidet als Motiv somit aus.

Die Vermutungen gehen vielmehr dahin, dass diejenigen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben, zu Lebzeiten nicht besonders gut mit dem Täter auskamen. Dafür gab es womöglich auch ganz gute Gründe, denn es deutet ja wenig darauf hin, dass soziale Kompetenzen zu seinen Stärken zählen. Werden da also tatsächliche oder eingebildete Rechnungen beglichen? Die Angehörigen, die mit unserer Zeitung gesprochen haben, hüten sich davor, sich an vorschnellen Verdächtigungen festzubeißen. „Andererseits kann man ja gar nicht anders, als sich Gedanken zu machen, wer das macht“, sagt einer.

Scherpenseeler, die betroffene Gräber pflegen, berichten, dass die Schneise der Zerstörung sich oft wie ein Bogen durch die Bepflanzung zieht. Also etwa so, wie es aussähe, wenn jemand im Vorbeigehen mit einem Schwenk die Flüssigkeit über die Pflanzen schüttet. Worum genau es sich handelt, weiß man nicht mit Sicherheit. Allerdings wurden mehrfach leere Reinigungsmittelflaschen im Umfeld des Friedhofs gefunden. Ob sie tatsächlich dem Täter oder der Täterin gehören? Auch das ist Spekulation. Fest steht, dass sich mit Essigreiniger ganz vorzüglich Pflanzen abtöten lassen.

Auch einem Blumenhändler wurden die traurigen Überreste bereits zur Begutachtung gezeigt. Er teilte die These der Vergiftung. Einige Angehörige sind schon so weit gegangen, große Grabplatten zu kaufen. Wo keine Pflanzen wachsen, können auch keine Pflanzen vernichtet werden, das ist die Idee. Seit einigen Wochen sind nun 500 Euro zur Belohnung ausgelobt für Hinweise, die zur Aufklärung der ominösen Geschichte führen. Rein juristisch hat der Täter oder die Täterin sich bislang „nur“ der Sachbeschädigung schuldig gemacht.

Für ein Delikt wie etwa Störung der Totenruhe reiche der angerichtete Schaden nicht aus, sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Frenken. Das Heinsberger Kriminalkommissariat habe die Ermittlungen aufgenommen. Auch der Streifendienst behalte die Gegend im Auge. Ebenso das Ordnungsamt, das außerdem für einen Aushang am Friedhofseingang gesorgt und den Friedhofsgärtner gebeten hat, ebenfalls die Augen offen zu halten.

Wenn der Übeltäter oder die Übeltäterin irgendwann auffliegt, dürfte die rechtliche Seite an der ganzen Geschichte allerdings ohnehin sein – beziehungsweise ihr – geringstes Problem sein. Denn die Menschen sind wütend, auch die, die gar keine Angehörigen auf dem Friedhof beerdigt haben. Viele brennen darauf, dem Täter einmal ganz persönlich und ganz dezidiert darzulegen, was sie von seinem Hobby so halten. Falls der Täter oder die Täterin aus Scherpenseel ist, braucht er oder sie sich dort dann vermutlich bis auf Weiteres nicht mehr blicken zu lassen.

Wenn es überhaupt eines an der ganzen Angelegenheit gibt, das absolut sicher ist, dann das.

Die Polizei bittet weiterhin um Hinweise zu den Vorfällen unter Telefon 02452/9200.

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