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Da wirkt Tucholsky wie ein Zeitgenosse

Von: Danielle Schippers
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Verwaltet Kurt Tucholskys Erbe nicht nur, sondern bereichert es sogar: Oliver Steller. Foto: Danielle Schippers

Geilenkirchen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nannte Oliver Steller „die Stimme deutscher Lyrik“, und diese hohen Erwartungen des Publikums hat er mit einem abwechslungsreichen Abend mit Gedichten und Prosa von Kurt Tucholsky, die er genauso virtuos auf der Gitarre begleitet, mehr als erfüllt.

Präsentiert von der Volkshochschule, füllte Steller das Haus Basten bis auf den letzten Platz. Dr. Ulla Louis-Nouvertné, Fachbereichsleiterin der VHS und Organisatorin des Abends, versicherte zu recht, jeder Zuhörer werde „als Tucholsky- oder Steller-Fan nach Hause gehen, oder auch beides“.

Kurt Tucholsky wurde 1890 in Berlin geboren. Er war Journalist und Schriftsteller, konnte durch ein reiches Erbe seine vielfältigen Talente ausleben und war extrem produktiv als Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker, aber auch als Satiriker und Kabarettautor. Eigentlich ein linker Demokrat, wurde er spätestens nach seiner Soldatenzeit im Ersten Weltkrieg zu einem Pazifisten, der früh und deutlich vor den Nationalsozilisten warnte. Er schrieb aber auch für eine Fliegerzeitschrift, war Geheimdienstoffizier, hatte ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter, der Vater starb früh. Zudem war er als typischer reicher Lebemann Frauen, Alkohol und dem leichten Leben sehr zugetan, was dazu führte, dass er unfähig zu engen Beziehungen, vor allem zu seinen Frauen war.

Aus alldem schöpfte Tucholsky und schuf tiefsinnige Lyrik und Prosa, die vor feinem Humor und später von derbem Sarkasmus durchzogen ist. Oliver Steller gelingt es in seinem Programm mit charmant sonorer Stimme, Gesang und Einfühlungsvermögen, Tucholskys Werk nicht nur lebendig werden zu lassen, sondern zu bereichern. Der Abend begann mit knackig gehaltenen biografischen Informationen über Tucholsky, die das Publikum brauchte, um die facettenreichen Texte einordnen zu können. Neben Gedichten und Liedern las und interpretierte Steller Artikel und sogar ein „Kochrezept“ von Tucholsky, in dem es um das richtige Einschenken und das möglichst häufige Trinken von purem Whisky geht. Der Text „Der Mensch“ beispielsweise, den Steller witzig und passend zum Besten gibt, beginnt so: „Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenn‘s ihm gut geht, und eine, wenn‘s ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion.“

Eine sehr treffende und lustige Lehrstunde des zynischen Autors über die Eigenheiten des Menschen, wo, besonders in der Liebe, Tragik und Komik eng beieinander liegen. „Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist wenigstens für diese Zeit sicher, dass er nicht davonläuft. Der Mensch zerfällt in zwei Teile: In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab.“

Häufig reflektiert und karikiert Tucholsky, perfekt pointiert von Steller, seine eigenen Berufe, Deutschtum, Volkslieder, aber auch Männer und Frauen, die Verbohrtheit der Menschen. Gedämpft von einigen nachdenklichen Texten, etwa einem Lied über den Trennungsschmerz von Eltern und Soldaten, wenn diese in den Krieg ziehen mussten, war es ein sehr heiterer Abend. Auch ging es um die Einsamkeit in belebten Städten, in denen nur flüchtige Begegnungen bleiben und Träumereien in Paris, wo Tucholsky eine Zeit lang lebte. Am Gelächter des Publikums gemessen war der Höhepunkt wohl das Gedicht „Danach – und dann“, verfasst in Berliner Dialekt, das die langweiligen und schlechten Zeiten einer Ehe behandelt. Grandios auch Stellers Interpretation des Artikels „Kreuzworträtsel“, in dem Tucholsky in einem Sanatorium behandelt wird und sich vor lauter Langeweile in das Lösen von Kreuzworträtseln so hineinsteigert, dass er darüber fast verrückt wird, verrückter noch als vorher.

Eigentlich ist Oliver Steller zurzeit mit seinem Programm von Christian Morgenstern unterwegs. Kurt Tucholsky wählte er zuvor als Inspiration, weil er vor allem dessen feinen Humor schätzt. „Ich finde ihn sehr sympathisch, weil er bewusst ‚Ich‘ und ‚Wir‘ sagt und darüber lacht. Er hatte die besondere Gabe, ernste Inhalte heiter zu verkaufen und er wählte dafür menschliche Themen, die heute noch aktuell sind.“ Diese witzige Seite von Schriftstellern, jenseits von verstaubten Dramen und gelben Reclam-Heften, die Steller in der Schule selbst noch verabscheute, geben Lyrik und Prosa noch viel mehr her. Solche meisterhaften Rezitatoren und Künstler wie Oliver Steller erhalten mit ebendiesen Auftritten das Interesse an Literatur und Sprache lebendig, was das Publikum im Haus Basten mit anhaltendem Applaus belohnte. Steller schafft es, dass sich der Zuhörer ein völlig neues Bild von Literaten bekommt, Tucholsky erschien im wie ein sympathischer Zeitgenosse.

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