Chefs suchen verzweifelt Auszubildende

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
6123113.jpg
Ausreichend Bewerbungen vorhanden. Aber es mangelt häufig an Disziplin, Allgemeinwisssen und guten Umgangsformen. Die Suche geht weiter. Foto: Georg Schmitz
6123105.jpg
Ausreichend Bewerbungen vorhanden. Aber es mangelt häufig an Disziplin, Allgemeinwisssen und guten Umgangsformen. Die Suche geht weiter. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Etwa 80 junge Menschen hat Hubert Schultes in seinem Berufsleben ausgebildet. Als Kfz-Mechatroniker und Autolackierer. Und auch heute noch landen etwa 80 Bewerbungen auf seinem Schreibtisch.

 Einen Ausbildungsplatz zum Autolackierer hat er in diesem Jahr noch zu vergeben. Allerdings ist diese Lehrstelle bisher noch unbesetzt. Was der Kfz-Meister ebenso wie sein Sohn, Kfz-Meister Jürgen Schultes, – beide führen das gleichnamige Geilenkirchener Autohaus – bemängeln, sind die Qualität der Bewerbungen, das Allgemeinwissen der jungen Leute und auch die Arbeitsdisziplin.

„Früher hätte man von 30 Bewerbern 20 einstellen können. Die Bewerber zeigten großes Interesse und arbeiteten disziplinierter“, denkt Hubert Schultes an frühere Jahre zurück. 24 Mitarbeiter, Kfz-Mechatroniker und Lackierer, hat er in seiner Firma beschäftigt. Vier Mechatroniker bildet er derzeit aus. Jetzt hätte er gerne noch einen Auszubildenden als Lackierer. Wenn er allerdings die eingegangenen Bewerbungen durchblättert, vergeht ihm die Lust.

Nicht nur, dass Mitte August ein Bewerbungsschreiben eintrudelt, in dem der jungen Mann einen Ausbildungsplatz für den 1. August, 2013 wohlgemerkt, wünscht, auch so mancher Lebenslauf schreckt ihn ab: Da sind junge Männer dabei, die schon alle möglichen Tätigkeiten gemacht haben, aber nie lange: Hilfstätigkeit im Reitstall, dann Praktikum im Gartenbau, dann Montagehelfer. „Wir schauen nicht nur auf die Noten. Aber wenn Grundkenntnisse in Mathematik fehlen, ist das ganz schlecht. In unseren Beruf kommt schließlich immer mehr Elektronik rein“, erklärt Jürgen Schultes, der selbst seine Ausbildung vor Jahren als Landessieger und Drittplatzierter auf Bundesebene abgeschlossen hat. Heute ist der 31-Jährige im Prüfungsausschuss der Kfz-Innung Kreis Heinsberg.

„Wenn ich Mechatroniker werden will, muss ich mich doch mit diesem Arbeitsfeld beschäftigen, dann muss ich doch zumindest wissen, wie ein Motor funktioniert“, meint Hubert Schultes. Trotzdem hatte in den vergangenen Wochen so mancher Bewerber Gelegenheit, sich bei einer Probearbeit von seiner besten Seite zu zeigen. „Doch die zeigten keinerlei Interesse, standen nur rum, während der Geselle an einem Auto arbeitete. Einer hat sich nach einer Stunde einfach auf die Heizung gesetzt“, hat Jürgen Schultes festgestellt. Wenn der Bewerber dann noch nicht einmal zehn Prozent von 150 Milliliter Lack errechnen kann oder vermutet, eine Autobatterie habe 10.000 Volt, hält er diesen Bewerber für ungeeignet.

Die Ursache sehen die beiden Firmeninhaber meist im Elternhaus, in dem auch gute Umgangsformen nicht mehr vermittelt würden. „Viele Eltern zeigen ihren Kindern keine Perspektive auf. Sie brauchen aber Führung durch das Elternhaus. Man muss die jungen Leute in die richtige Richtung lotsen“, sagt Jürgen Schultes. Sicherlich, so gestehen beide Firmenchefs ein, gebe es auch Schüler mit Abitur und guten Umgangsformen. „Aber wenn wir solch einen Bewerber ausbilden, verlässt er uns nach der Lehre Richtung Universität und beginnt ein Studium“, haben sie die Erfahrung gemacht. Hubert Schultes gibt trotzdem die Hoffnung nicht auf, diesen Ausbildungsplatz noch besetzen zu können. Aber er weiß auch: „Viele meiner Kollegen bilden deshalb gar nicht mehr aus.“

Ähnliche Erfahrungen hat Martin Säger gemacht. Seit 32 Jahren führt er in Geilenkirchen einen Friseursalon und bietet, wie er sagt, „gehobene Dienstleistungen“ an. „Da braucht man schon ein gewisses Auftreten. Dazu gehören freundliches Grüßen und der Kundin die Türe aufzuhalten. Vielen jungen Leuten fehlt der Respekt“, hat Säger festgestellt. Ständig hat Säger drei Auszubildende in seinem Salon. 30 junge Menschen hat er bereits in Geilenkirchen ausgebildet, weitere 30 in seinem zweiten Salon in Mönchengladbach. Den hat er allerdings vor drei Jahren verkauft. Auch in diesem Jahr möchte er einem Schulabgänger eine Chance geben. „Jedoch ist die Qualifikation der meisten Bewerber zu schlecht. „Wir haben viel mit Chemie zu tun, da muss man rechnen können. Geht es beispielsweise um Haarfärbemittel, müssen wir grammgenau arbeiten. Und angesichts von 15 verschiedenen Shampoos müssen wir die Kopfhaut bewerten können“, sagt er.

40 bis 50 Bewerbungen gingen bisher Jahr für Jahr bei ihm ein, in diesem Jahr sind es nur 15. „Wenn über den Friseur gesprochen wird, bringt man das in Zusammenhang mit Mindestlohn. Dann entstehen bei den Eltern Ängste.“ Trotzdem hat er so manche junge Frau in jüngster Zeit zwei bis drei Tage zur Probe arbeiten lassen. „Manche stehen dann nur rum, begrüßen noch nicht mal den Kunden. Wenn ich dann sehe, wie sich eine ältere Dame aus dem Mantel quält.“ Weiter meint er: „Wir sind Dienstleister. Bei vielen jungen Leuten fehlt die Bereitschaft, Dienst am Menschen zu leisten.“ Häufig fehlten Höflichkeit, Freundlichkeit und Kommunikationsbereitschaft. „In vielen Familien fehlt einfach die Bereitschaft, die Kinder zu erziehen.“

Die von Martin Säger geforderten Eigenschaften hat seiner Meinung nach Marita Kowalewska, die mit Begeisterung ihrer Arbeit nachkommt. Die 19-Jährige im zweiten Ausbildungsjahr sagt: „Ich liebe den Kontakt zum Kunden. In diesem Beruf kann ich kreativ sein. Und ich bin während der Ausbildung viel selbstbewusster geworden.“ Martin Säger hingegen hofft, die Stelle doch besetzen zu können.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert