Geilenkirchen - Bewaffnete Aachener Bilderstürmer überwältigt vom Gesang im Dom

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Bewaffnete Aachener Bilderstürmer überwältigt vom Gesang im Dom

Von: Johannes Gottwald
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Auch in der Dorfkirche St. Cornelius in Grotenrath wird die Heilige Cäcilia an der Orgel dargestellt. Dieses Glasfenster befindet sich im Gotteshaus auf der Orgelempore. Foto: Johannes Gottwald

Geilenkirchen. Der 22. November ist in den Terminkalendern der meisten Kirchenchöre unserer Region dick angestrichen. Denn es handelt sich um ein besonderes Datum – den Gedenktag der Heiligen Cäcilia, der Schutzpatronin der Kirchenmusik.

Meist treffen sich die Sängerinnen und Sänger im Namen ihrer Patronin zum geselligen Beisammensein. Zu diesem Anlass werden auch verdiente Chormitglieder geehrt, die ein rundes Jubiläum ihrer aktiven Tätigkeit erreicht haben. Nicht selten wird aber auch im Gottesdienst gesungen, sofern an diesem Tag – oder an den folgenden – eine Messe in der betreffenden Gemeindekirche stattfindet.

Feiern zum Namenstag

In Gillrath beispielsweise ist dies am 23. November, dem Samstag, der Fall, und daher wollen es sich die beiden Chöre von Gillrath und Teveren unter dem Dirigat von Karl-Heinz Houscheid nicht nehmen lassen, vereint zum Lobe Gottes und zum Gedenken an Cäcilia zu musizieren.

„Vor einigen Jahren mussten wir die Chöre zusammenlegen, da die Mitgliederzahl immer weiter zurückging“, blickt der erfahrene Chorleiter zurück. „Früher, als ich noch den Chor der Theresienkirche in Übach-Palenberg hatte, war das Cäcilienfest dort immer eine schöne Tradition, und wir haben immer an diesem Tag oder am da­rauffolgenden Sonntag im Gottesdienst gesungen. Aber dieser Chor hat sich leider inzwischen aufgelöst.“

Feste Chortermine

Dennoch herrscht auch in Übach-Palenberg rund um den Cäcilientag rege Aktivität: In Boscheln gestaltet der Chor von St. Fidelis auch am Samstag die Vorabendmesse, in der zugleich die neuen Messdiener eingeführt werden. In Frelenberg findet am gleichen Abend das Cäcilienfest des dortigen Kirchenchores statt, und am Sonntag singt der Übacher Chor in der St.-Dionysius-Kirche die Messe in C-Dur von Anton Bruckner. Für den Dirigenten Wilfried Hirche, der alle drei Chöre leitet, also ein höchst arbeitsreiches und hektisches Wochenende.

Weshalb wurde ausgerechnet die Heilige Cäcilia mit der Kirchenmusik in Verbindung gebracht? Kurioserweise war ein Übersetzungsfehler der Grund dafür. Cäcilia gehört zu den frühchristlichen Märtyrinnen in der Stadt Rom, ihr Leben ist historisch kaum greifbar und hauptsächlich legendär überliefert. In einer mittelalterlichen Antiphon (Kehrvers) heißt es: „Cantantibus organis Caecilia Domino decantabat“. Irrtümlicherweise verstand man den Ausdruck „Organis“ als Hinweis auf eine Orgel, obwohl diese Bezeichnung auch genauso für andere Instrumente – überraschenderweise darunter auch Folterwerkzeuge – stehen kann.

Man kann daraus also allenfalls schließen, dass Cäcilia eine gute Sängerin war. Der Gebrauch von Orgeln und anderen Instrumenten war aber zu ihrer Zeit in den Kirchen keineswegs üblich, im Gegenteil sogar verpönt.

Dennoch gilt Cäcilia seit dem Mittelalter als Patronin der Kirchenmusik und wird auf zahllosen Bildern, Holzschnitten und Reliefs zusammen mit einer Orgel oder einer Geige dargestellt. Und ihre Gestalt inspirierte viele Komponisten, sogar den großen Barockmeister Georg Friedrich Händel. Im romantischen 19. Jahrhundert entstand in Deutschland die Bewegung des „Cäcilianismus“ mit dem Ziel der „Hebung der Kirchenmusik“, deren Pflege um 1860 auf einem Tiefpunkt angelangt war.

„Gewalt der Musik“

Das Wirken der „Cäcilianer“ erwies sich als überaus fruchtbar: Viele der heute noch bestehenden Kirchenchöre in unserer Region wurden in der Zeit zwischen 1868 und 1900 gegründet. Sogar in die klassische Literatur fand die musikalische Heilige Eingang. Der Dichter Heinrich von Kleist schrieb 1810 eine Erzählung mit dem Titel: „Die Heilige Cäcilia oder die Gewalt der Musik“.

Die Handlung verarbeitet Motive einer Volkssage, die vor dem historischen Hintergrund der Reformationszeit spielt: Vier radikale holländische Calvinisten haben sich verschworen, am Fronleichnamsfest den Aachener Dom zu stürmen und dort sämtliche Gemälde, Schnitzaltäre und Reliquiare kurz und und klein zu schlagen. Als sie den Bildersturm beginnen wollen und mit Äxten und Hämmern bewaffnet in den Dom eindringen, werden sie jedoch von dem himmlisch schönen Gesang der Nonnen so überwältigt, dass sie schlagartig von ihrem Tun ablassen und sich zu großer Frömmigkeit bekehren. Später stellt sich dann heraus, dass die Chorleiterin während der Feier zu Hause krank darnieder gelegen hatte – offenbar war also die heilige Cäcilia selbst erschienen, um die Nonnen zu dirigieren.

Sakrale Schönheit

Auf diesen himmlischen Beistand sind die Kirchenchöre unserer Region heute wohl nicht mehr angewiesen.

Aber dennoch lohnt es sich, in den Tagen um den 22. November ihrem Gesang zuzuhören und sich von der Schönheit der geistlichen Musik bezaubern zu lassen.

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