Geilenkirchen - Barbara Steffens: „Wir wollen eine altersgerechte Stadt”

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Barbara Steffens: „Wir wollen eine altersgerechte Stadt”

Von: Udo Stüßer
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Nach dem Fachvortrag im Franzi
Nach dem Fachvortrag im Franziskusheim suchte Gesundheitsministerin Barbara Steffens das Gespräch mit einigen Auszubildenden. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Die Zahlen, die Barbara Steffens, nordrhein-westfälische Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter, im Gepäck hatte, sind alarmierend: 509.000 Menschen sind derzeit in Nordrhein-Westfalen pflegebedürftig, im Jahre 2050 werden es eine Million Menschen sein.

Die Zahl der Demenzkranken wird von derzeit 300.000 im gleichen Zeitraum auf 600.000 ansteigen. Die Zahl der Erwerbstätigen wird von 8,7 Millionen auf 6,6 Millionen zurückgehen. „Jeder achte bis zehnte Arbeitsplatz ist heute im Gesundheitswesen und in der Pflegewirtschaft angesiedelt. 2050 müsste es jeder dritte oder vierte Arbeitsplatz sein. Da das nicht gelingen wird, müssen wir die Strukturen verändern”, erklärte Barbara Steffens.

Als Steffens, seit 2010 Abgeordnete der Grünen im Landtag und seit 2010 Gesundheitsministerin im Kabinett Kraft, eine Einladung der Franziskusheim gGmbH annahm, war nicht erkennbar, dass Neuwahlen anstehen. Umso mehr freute es Alfons Nickels, Geschäftsführer der Franziskusheim gGmbH, dass Barbara Steffens trotz des Termindrucks an ihrer Zusage festhielt, am Donnerstagabend den Dementenbereich des Franziskusheimes besichtigte und sich im Anschluss daran vor 150 geladenen Gästen im Festsaal des Franziskusheimes zu den Herausforderungen in der Pflege und Betreuung alter Menschen heute und in Zukunft positionierte. Vor Vertretern der Kommunen, des Kreises Heinsberg, der Politik und des Gesundheitswesens äußerte sie sich unter anderem zu Fragen der Fixierung von alten Menschen und damit verbunden Regressansprüchen.

Zuvor aber begrüßten Jürgen Benden, Parteichef der Geilenkirchener Grünen, und Bürgermeister Thomas Fiedler Steffens zu einem Fachgespräch im Rathaus. Hier diskutierte sie mit geladenen Gästen über die demografische Entwicklung, das Leben und Altern im Quartier und über die Voraussetzungen für menschenfreundliche Lebensbedingungen im Alter. „Wir müssen kluge Antworten finden. Wir brauchen ein kommunales Handlungskonzept”, erklärte eingangs Jürgen Benden, bevor Steffens für ein Leben und Wohnen im Quartier, also in überschaubaren Wohngebieten oder Stadtteilen warb, in dem ältere und jüngere Menschen zusammenleben und sich gegenseitig unterstützen.

So könne die Selbstständigkeit älterer Menschen besser gefördert und eine bessere Betreuung Pflegebedürftiger innerhalb ihrer gewohnten Umgebung erreicht werden. Denn: „Die Gesundheitsstruktur hat sich geändert, aber die Konzepte nicht. Wir müssen uns verändern. Und wir müssen den Zug ganz schnell kriegen”, sagte sie.

Viele Fragen

Allerdings gestand sie: „Es gibt nicht ein Modell für alle Kommunen im Land, weil alle Kommunen unterschiedlich sind. Deshalb müssen wir viele Fragen stellen und mit den Menschen ein Quartier entwickeln.” Mehr Lebensqualität im Alter und ein längeres selbstständiges Leben im Alter seien die Ziele. „Pro Jahr kommen 100.000 Menschen in NRW neu in die Pflegestufe 1. Kämen alle einen Monat später in diese Pflegestufe, könnte man 50 Millionen Euro sparen und hätte dieses Geld für Prävention zur Verfügung.”

„Wir müssen alle Versorgungsstrukturen untersuchen und fragen: Was können wir tun, um eine stationäre Aufnahme zu vermeiden. Dabei müssen wir nicht die Menschen den Strukturen anpassen, sondern die Strukturen den Menschen anpassen. Wir wollen eine altersgerechte Stadt.” Es gebe viele Möglichkeiten der Versorgung und Gestaltung, viele Ideen und Modelle und eine Vielzahl von Angeboten. Ein passendes Konzept gebe es nicht. „Wir müssen uns folgende Fragen stellen: Wie wollen wir alt werden? Wie wollen wir in unserer Wohnung leben, ohne einsam zu sein?” Zu den Kosten meinte Steffens: „Wir haben viel Geld, das wir verbrennen. Es wird viel fehlfinanziert durch stationäre Aufnahme.” Die Ministerin weiter: „Für den individuellen Bedarf gibt es eine ganze Palette von Möglichkeiten. Wichtig ist kompetente Beratung.” Dazu Alfons Nickels: „Unsere stationären Einrichtungen sind für alle geöffnet. Unsere Beratungsangebote sind Quartiersarbeit.”

Steffens empfahl, Wohnraumanalysen vorzunehmen. „Will ich im Alter als Gefangener meines Hauses leben oder mich umstrukturieren?” Steffens setzt auf eine Mischung von Professionalität und freiwilligem Engagement: „Viele könnten darin eine gesellschaftliche Aufgabe sehen, sich in einem Quartier zu engagieren. Junge Rentner könnten darin eine Aufgabe sehen. Denn: „Überflüssig sein, ist brutal. Wir müssen diesen Menschen zeigen, dass sie gebraucht werden.” Dazu Christa Nickels, ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin der Grünen: „Die Dörfer haben ihre Pfarrräume und Dorfzentren. Hier muss man die Zivilgesellschaft mit einbeziehen.”
Abschließend fragte Benden: „Was sollen wir zuerst tun?” Die Antwort von Steffens: „Alle Beteiligten an einen Tisch holen.”
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