Aussagekräftige Musik: Wenn sich die Hand auf den Schmerz legt

Von: Christina Kolodzey
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Jens Böttcher (M.) mit seinem „Orchester des himmlischen Friedens“: Karsten Deutschmann (li.) und Henry Sperling. Foto: Christina Kolodzey

Geilenkirchen. „Den hole ich nach Geilenkirchen!“, nahm sich Ursula Göricke, Lehrerin am hiesigen Berufskolleg Ernährung-Sozialwesen-Technik, vor, als sie Jens Böttcher auf dem Evangelischen Kirchentag in Hamburg singen hörte. Gesagt, getan. Beeindruckt von der Aussagekraft der Lieder, plante sie, diese für ihren Religions- und Deutschunterricht zu verwenden.

Anhand seines Musikvideos besprach sie nach ihrer Rückkehr mit Schülern der Oberstufe „einen besseren Weg, miteinander zu leben“, wobei eine Umkehr zur Liebe – wie sie Jens Böttcher in seinen Liedern eindringlich propagiert – das zen­trale Thema war, das die Schüler mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit angingen.

Als „i-Tüpfelchen“ konnte die engagierte Pädagogin nun den charismatischen Sänger und seine hochklassigen Bandmitglieder Karsten Deutschmann und Henry Sperling, gerade auf Deutschland-Tournee mit ihrem aktuellen Album „IV Revolution“, im Geilenkirchener Jugendzentrum „Zille“, da in der evangelischen Kirche die Akustik für den Auftritt wegen des Widerhalls nicht optimal erschien.

Als besonderen Höhepunkt wussten die Schüler zu schätzen, dass sie sich vor dem Konzert eine ganze Stunde mit ihrem Gast persönlich austauschen konnten, eine Möglichkeit, die sie in offener, zugewandter Atmosphäre ausgiebig nutzten.

Viele interessierte Besucher, jung und alt, fanden sich ein, und schnell war der Gemeinschaftsraum des Zille proppenvoll, so dass alle eng zusammenrücken mussten und wie von selbst eine intime Club-Atmosphäre entstand. Genau richtig für die spirituellen Texte und Melodien des vielseitigen Künstlers.

„Ich versuche in meinen Liedern die Sehnsucht nach Liebe abzubilden“, erklärte er und erzählte eine kurze humorvolle Geschichte über ein Zusammentreffen mit Gott, dem Marlene Dietrichs Evergreen „Ich werde dich lieben“ folgte, interpretiert mit ausdrucksstarker, klangschöner Stimme, sanft hingehaucht, dann wieder stark und voluminös, begleitet von Akkordeon, Gitarre und Schlagzeug.

Hingerissenes Lauschen

„Ich selbst bin in Grenzsituationen gekommen, wo mir nichts übrig blieb, als mich in andere Hände zu begeben“, leitete er die ruhige, getragene Melodie des Titels „Am Ende des Tages legt sich eine Hand auf unseren Schmerz“ ein, und konnte, unterstützt von Geigenklängen, dem in sich versunken lauschenden Publikum glaubhaft machen, dass er fühlt, was er singt.

Wichtig sei ihm die Veränderung der Herzenshaltung, was Mut verlange, und niemanden auszugrenzen. Er habe auch schon im Gefängnis gespielt. Die Songs „Zum Rand der Zeit“ und „Gelobtes Land“ thematisierten diesen Gedanken, während er zugab, „Alles stirbt, nur die Liebe nicht“ nach einer durchwachten Nacht zu Papier gebracht zu haben, und die Ballade „Nur kurz zu Gast“ das „Künstler-Neurosenproblem“ beschreibe.

Die Zuhörer lauschten hingerissen, doch ein kleines Mädchen fand einen anderen Weg, seine Gefühle auszudrücken: Die siebenjährige Emilia Göricke tanzte vom ersten bis zum letzten Lied selbstvergessen vor sich hin, und Jens Böttcher konnte sich die augenzwinkernde Bemerkung nicht verkneifen: „Wir haben heute eine einheimische Tänzerin verpflichten können, was uns große Anstrengungen gekostet hat.“ Schmunzeln bei den Zuschauern. Und zu Emilia gewandt: „Harter Job!“

Weiter ging‘s mit dem eingängigen Lied „Nur die Liebe“, das zudem den intellektuell besonders herausfordernden Refrain „Bah, bah, bah“ trug, was der Musiker mit seiner Nähe zu Dieter Bohlen erklärte, der nur zwei Dörfer von ihm entfernt wohne – dessen Schwingungen hätten ihn irgendwann schließlich auch erreicht. Er forderte die Gäste auf mitzusingen und dirigierte sie mit sichtlichem Spaß: „Lauter! Leiser!“, was ausgelassen und fröhlich befolgt und mit viel Applaus belohnt wurde.

Heiteres zum Schluss

Mit kurzen, nachdenklich stimmenden Gedichten und Geschichten über Gnade und Vergebung, und deren Essenz „Lacht über euch selbst!“ und „Nichts an dir ist hässlich.“ lenkte er seine Fans wieder in ruhigere Bahnen und kam zu einer fast meditativen Interpretation des Songs „Nach oben abstürzen“, der einen der einschneidendsten Momente in seinem Leben beschreibt, als er halbtot auf den Notarzt wartete.

Gebannt und ergriffen konnten sich die Zuschauer der Magie seiner Interpretation nicht entziehen. Zweieinhalb Stunden Gospelfolk-Musik waren wie im Flug vergangen, und nach einem letzten heiteren Lied zum Mitsingen beklatschten die Besucher den tiefgründigen Rockpoeten und seine Mitstreiter jubelnd und zugleich ergriffen.

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