Auf „Schindlers Liste“ den Holocaust überlebt

Von: Markus Bienwald
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Am Ende gab es stehende Ovationen für eine eindrucksvolle und emotionale Gedenkveranstaltung in der Aula der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule. Foto: Markus Bienwald
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Michael Emge und die Moderatorin und Autorin Angela Krumpen (M.), die mit „Spiel mir das Lied vom Leben“ ein Buch über die Geschichte Emges und der jungen Judith Stapf (rechts) herausgebracht hat. Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Sein Name steht auf einer Liste, die nicht nur Filmgeschichte geschrieben hat. Dennoch steht nicht Michael Emge auf Schindlers Liste, der Liste von Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Kultur, die das Unternehmerpaar Emilie und Oskar Schindler vor dem sicheren Tod in den Konzentrationslagern des Naziterrors gerettet hat.

Das liegt vor allem daran, dass Michael Emge, der heute der letzte in Deutschland noch lebende der so genannten Schindler-Juden ist, nach seinem Weg in die Öffentlichkeit böseste Beschimpfungen bis hin zu Todesdrohungen ertragen musste. So musste er einen anderen Namen wählen, um sich und seine Familie noch heute vor dem Wahnsinn der Menschen zu schützen.

Doch sein Weg an das Licht der Welt war kein gewöhnlicher, wie die als Konzertlesung angelegte Gedenkveranstaltung in der Aula der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule am Samstagabend zeigte. An diesem Abend, an dem vor 75 Jahren auch in Geilenkirchen Menschen brandschatzend und grölend durch die Straßen zogen, um den jüdischen Mitbürgern das Leben zur Hölle zu machen, wurde deutlich, wie sehr der Holocaust das Leben der Menschen auch heute noch beeinflusst und wie wichtig die Erinnerung daran ist.

Dabei spielt eine Zwölfjährige in dieser wahren Geschichte die entscheidende Rolle. Die damals zwölfjährige Judith Stapf wollte von Kindesbeinen an der Welt ihr Lieblingsinstrument, die Violine, nahebringen. Irgendwann stieß sie über ihren erklärten Lieblingsmusiker Itzhak Perlman auf die Melodien aus Steven Spielbergs Hollywood-Drama „Schindlers Liste“. Von da an, so erzählte sie, war das Interesse für das Schicksal der Menschen jüdischen Glaubens geweckt, auch wenn ihre Eltern ihrem Kind zunächst das Grauen dieser Vernichtungsmaschinerie vorenthalten wollten.

Judith las sich dennoch in das Thema ein. „Doch Bücher klappt man irgendwann zu“, sagte sie. Darum suchte sie den Kontakt zu Menschen, die ihr etwas von den Gräueltaten berichten konnten. Dank Journalistin und Autorin Angela Krumpen, die an diesem Abend die Moderation übernahm, kam der Kontakt zu Michael Emge zustande. Ein einzigartiges Projekt konnte beginnen.

Emge besuchte mit seiner Frau Alina den Film und ärgerte sich so über die Umsetzung, dass er selbst etwas vom Leben und Leiden im KZ erzählen wollte. Das Buch „Spiel mir das Lied vom Leben“ entstand, in dem die Geschichte durch Michael Emge lebendig wurde und in dem Judith Stapf ihren Weg in diese Geschichte schildert. Auf der Bühne setzte sie diese tiefen Gefühle in eindringlich gespielte Musik um, ließ in den Köpfen der Besucher einen dramatischen Film ablaufen, lebte durch die Geige das Elend, aber auch die Freude und die Erholung.

Geige spielt wichtige Rolle

Die Geige spielte auch in Michael Emges Leben eine entscheidende Rolle. So musste er bei seiner Verschleppung vom Warschauer Ghetto in das Konzentrationslager entscheiden, was ihm lieber ist: ein wärmender Mantel oder die Geige. Natürlich blieb die Geige im Kasten, doch im Herzen und im Kopf des jungen Mannes, der später einmal Berufsmusiker wurde, lebte die Liebe zur Musik unzerstörbar weiter. Er setzte sogar sein Leben aufs Spiel, denn sonntags gab es im Lager die Möglichkeit, Musik zu lauschen. Wer allerdings erwischt wurde, dem drohte der Tod.

„Das war mir alles egal, denn wenn ich meine Musik höre, dann höre ich sie bis zuletzt“, gestand Michael Emge. Während der gut zweieinhalbstündigen Veranstaltung lebte der inzwischen an Parkinson Erkrankte immer dann sichtbar auf, wenn Musik erklang. Er sang sogar ein Stück gemeinsam mit Judiths Mutter Silke Stapf, während Vater Wolfgang Klein-Richter am Klavier saß.

Unzählige Eindrücke aus der Enge, der steten Todesangst und dem Wahnsinn des Lebens unter der Nazi-Knute zeichneten an diesem eindrucksvollen Abend in der Gesamtschule ein Bild nicht nur über die Verzweiflung beispielsweise auf der Suche nach der Mutter oder über den Wahnsinn von Tod und Vernichtung nach.

Es zeigte auch Momente des Glücks in scheinbar kleinen Dingen, die für die Menschen im Lager aber die Welt bedeuten konnten. Bis heute nicht vergessen kann Michael Emge allerdings die unfassbare Realität dieser Zeit, die sich auch durch das morgendliche Ritual des SS-Lagerkommandanten Amon Göth in Plaszow widerspiegelte. Vor allem nach durchzechten Nächten stellte sich Göth halbnackt auf den Balkon der von ihm genutzten Villa und schoss mit dem Gewehr auf alles, was ihm in den Sinn kam. Michael Emge musste dort immer vorbei, um das Futter für die von ihm betreuten Hunde zu holen.

Nicht nur diese Schilderung ging den Menschen in der Aula nahe, der ganze Abend wurde zu einem eindrucksvollen Gedenken an die Opfer nicht nur der Pogromnacht.

„An den Ereignissen vor 75 Jahren tragen wir heute Lebenden keine Schuld“, sagte Schulleiter Uwe Böken, „wenn wir allerdings auch nur ein partielles Vergessen oder Verdrängen der damaligen Ereignisse zulassen, laden wir auch heute aktiv Schuld auf unsere Schultern.“ Bürgermeister Thomas Fiedler ergänzte, dass die literarische und künstlerische Bearbeitung der Erinnerung dazu beitrage, um Erinnerung weiterzugeben und das Gedenken überhaupt erst möglich zu machen.

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