Geilenkirchen - Aktionskünstler verlegt 27 Stolpersteine gegen das Vergessen

Aktionskünstler verlegt 27 Stolpersteine gegen das Vergessen

Von: Karl-Heinz Nieren
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Gesamtschulleiter Uwe Böken, Christa Nickels, Friederike Goertz und der Künstler Gunter Demnig (vorne von rechts) vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Lichtenstein. Foto: Georg Schmitz
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Symbolisch über die Historie stolpern: In 800 Städten hat Gunter Demnig 80 000 Stolpersteine gegen das Vergessen verlegt. 27 erinnern jetzt in Geilenkirchen an Mitbürger jüdischen Glaubens. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. „Hier wohnte Anita Lichtenstein/Jahrgang 1933/Deportiert 1942/Ermordet in Majdanek.“ Als der Aktionskünstler Gunter Demnig die ersten drei Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Lichtenstein einlässt, herrscht in der Martin-Heyden-Straße betretenes Schweigen.

Hier haben sich an diesem Dienstagmorgen Mitglieder der im Jahre 2011 gegründeten Initiative Erinnern Geilenkirchen, Schüler und Lehrer der der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule, der Städtischen Realschule Geilenkirchen und der Berufsbildenden Schulen, Pfarrer Peter Frisch als Vertreter der katholischen Kirche und Pfarrerin Tanja Bodewig als Vertreterin der Evangelischen Kirche sowie Mitglieder der Ratsparteien versammelt. Unterstützt von Straßenbauschülern der Berufsbildenden Schulen verlegt Gunter Demnig vor acht Häusern insgesamt 27 Stolpersteine, damit die Namen der in der Shoah vertriebenen und ermordeten Geilenkirchener jüdischen Glaubens wieder in die Stadt zurückgeholt werden.

Spezialisten des Völkermords

„Über die Historie symbolisch stolpern und ganz real ins Denken kommen über die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte, vor allem auch der lokalen Geschichte, das ist das Anliegen von Gunter Demnig“, begrüßt Bürgermeister Thomas Fiedler den Künstler, der seit 1994 in 800 deutschen Städten und Gemeinden rund 80 000 Stolpersteine gegen das Vergessen gelegt hat. „Ihr Anliegen verbindet sich an allen Orten, in denen Sie wirken, immer mit dem Anliegen von Menschen vor Ort, Menschen, die ihre eigene Geschichte nicht vergessen und nachfolgende Generationen darauf aufmerksam machen wollen, dass wir Deutschen einmal die Spezialisten des Völkermords waren, heute und in Zukunft aber Spezialisten der Friedensbewahrung und der Versöhnung sein wollen.“ Fiedler betont die Wichtigkeit, im Kleinen dauerhafte Zeichen dafür zu setzen, „dass uns das Schicksal unserer jüdischen Mitbürger nach wie vor bekümmert und wir uns einsetzen wollen dafür, dass solches nicht wieder geschieht“.

Fiedler erinnert an die vielen Menschen, die sich in einem Netzwerk zusammengefunden haben, um Erinnerungsarbeit zu leisten, und spricht den engagierten Bürgern seinen Respekt und Dank aus. Ein ganz besonderer Dank gelte der Frau, die die „Kümmerin“ par excellence für dieses Projekt sei: Christa Nickels. „Es sind Stolpersteine, die hier heute verlegt werden, es sind Meilensteine für die Arbeit gegen das Vergessen, sie werden aber eines nicht sein, nämlich Schlusssteine“, versteht Fiedler die Aktion als Ansporn, mehr zu tun.

Während Gunter Demnig zu Kelle und Mörteleimer greift und die Gedenksteine im Andenken an Anita, Sally und Hanna Lichtenstein einlässt, zeigt die Gesamtschülerin Dana Kaußen Bilder der ermordeten Familie Lichtenstein.

Namenspatronin der Schule

Mit bewegenden Worten macht anschließend die Gesamtschülerin Linda Spelthann auf das Schicksal der Familie Lichtenstein aufmerksam, zeichnet in der Martin-Heyden-Straße deren Lebens- und Leidensweg bis zum Tod im Lager Majdanek nach.

„Anita ist die Namenspatronin unserer Schule. Hier, in diesem Haus, hat sie ihre ersten Lebensjahre verbracht. Sie wurde brutal aus ihrer Kindheit herausgerissen und mit gerade einmal neun Jahren ermordet – nur, weil sie einen anderen Glauben hatte. Diese Steine sollen helfen, die Erinnerung an sie und ihre Eltern wach zu halten“, erklärt Linda Spelthann. Und: „Uns mahnen sie, jeder Form von Ausgrenzung und Diskriminierung entschieden entgegenzutreten.“

Auch Friederike Goertz, eine Freundin von Anita, ergreift das Wort. „Durch unser Handeln leben die Opfer der Shoah weiter. Ihnen fühlen wir uns verbunden“, sagt sie, während schnell einer der Beteiligten eine gelbe Rose niederlegt.

Anschließend geht es zur Konrad-Adenauer-Straße, wo an das Schicksal sieben weiterer Geilenkirchener Familien jüdischen Glaubens erinnert wird.

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