Zwischen Historie und Europas Zukunft

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Eine runde Sache war die achttägige erlebnis- und erfolgreichre Reise der Eschweiler Gesamtschüler zu ihren polnischen Kollegen aus dem schlesischen Ruda Slaska. Im kommenden jahr gibts ein Wiedersehen in Straßburg.

Eschweiler. Unter dem Motto „Europa leben” waren im September des vergangenen Jahres 18 Schülerinnen und Schüler der polnischen Zspól Szkól Ogólnokszalcacych N¡ 2 aus dem schlesischen Ruda Slaska an der Waldschule zu Gast.

Jetzt nutzten 17 Schülerinnen und Schüler der Waldschule ihre Herbstferien, um ihren Partnern in Polen einen achttägigen Gegenbesuch abzustatten. Sie belebten damit die nun schon achtjährige Tradition, dass im jährlichen Wechsel Besuche in Eschweiler und Ruda Slaska stattfinden. Auch diesmal hat das Deutsch-polnische Jugendwerk (DPJW) den Schüleraustausch finanziell gefördert.

Das Besuchsprogramm hatte Isolde Steffens zusammen mit ihren befreundeten Lehrerinnen Irena Boguslawska und Malgorzata Stygienko in Ruda Slaska ausgearbeitet. Als Reisebegleiter konnte ein Elternvertreter, Ralf Böhning, sowie eine Praktikantin, Jenny Lehmann, gewonnen werden.

Am 8. Oktober ging es los. Die herzliche Begrüßung der deutschen Schüler durch die polnischen Gastfamilien machte die Anstrengung der fast 19-stündigen Busfahrt vergessen, und der Rest des Samstags wurde zur Erholung genutzt. Am Sonntag stand ein gemeinsamer Ausflug nach Wisla in die nahe gelegenen Beskiden an.

Unter dem Motto „Polen - das Land an der Weichsel” erwanderten die Schüler bei strahlendem Sonnenschein die Umgebung der Weichselquelle und vertieften dabei nicht nur ihre geographischen Kenntnisse, sondern übten sich auch in sozialen Kompetenzen, denn die Wanderung über Stock und Stein erforderte gegenseitige Hilfestellung.

„Dadurch, dass wir aufeinander angewiesen sind und uns gegenseitig helfen müssen, lernen wir uns gleich viel besser kennen”, folgerte Daniela Mainka (16).

Am Montag wurden die deutschen Gäste von Mariola Ulejczyk, der stellv. Schulleiterin, traditionell mit Brot und Salz in der Schule begrüßt. Nach der offiziellen Besichtung der Schule fand sich die Austauschgruppe zum gemeinsamen Unterricht ein.

Ein Vortrag der Historikerin Aleksandra Barwicka zum Thema „Stereotype über Deutsche und Polen” löste allgemeine Heiterkeit aus, denn es galt, Stereotype aus historischen Quellen mit heutigen Stereotypen zu vergleichen - mit verblüffenden Ergebnissen auf beiden Seiten.

Anschließend führte die Deutschlehrerin Malgorzata Stygienko mit der Gruppe verschiedene Kennenlernspiele durch - mit Erfolg, denn für die gesamte Zeit des Austauschs war die positive Atmosphäre in der Gruppe spürbar. Am Rande des Programms organisierten die Schülerinnen und Schüler eigenständig weitere Treffen und Unternehmungen.

Der Weichsel begegneten die Austauschschüler am Dienstag in Krakau (Krakow) wieder, wo sie es sich nicht nehmen ließen, das Wahrzeichen der Stadt, den Krakauer Drachen (Smok) am Flussufer zu „besteigen” und für Photos zu posieren.

Für einige deutsche Austauschschüler war es schon der zweite Besuch in Krakau, mit der traditionellen Besichtigung der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, darunter der Dom mit dem Königsschloss (Wawel), der Marktplatz (Rynek) mit den Tuchhallen (Sukienice), der Marienkirche und dem Denkmal des Nationaldichters Adam Mickiewicz. Neu war die Führung durch das Collegium Majus, der ältesten Universität Polens.

„Wir wussten nicht, dass Polen ein so altes Kulturland ist - wir hatten nur Plattenbausiedlungen erwartet”, war der allgemeine Tenor in der deutschen Gruppe. Und obwohl der Tag in Krakau schon anstrengend genug war, kam die Gruppe bei der letzten Besichtigung nochmals voll in Fahrt: Der Besuch des auf dem Gelände der Schindler-Fabrik neu gegründeten „Historischen Museums der Stadt Krakau” in der ulica Lipowa 4 stellte sich als absolutes Highlight heraus.

Die nach modernsten Methoden der Museumspädagogik gestaltete Dauerausstellung „Krakau unter Nazi-Okkupation 1939 bis 1945” bezieht den Besucher durch visuelle und akustische Simulationen mit in das Geschehen ein und lässt den Alltag und die Ereignisse während der Besatzungszeit nacherlebbar werden. Darüber hinaus kann man in den Verwaltungsräumen der ehemaligen Fabrik die Drehorte zu „Schindlers Liste” im Original besichtigen.

Unter den deutschen Schülern waren am Ende des Tages Äußerungen wie die von Mira Böhning (16) zu hören: „Wir haben an diesem einen Tag in Krakau mehr Geschichte gelernt als in Jahren zuvor im Geschichtsunterricht.”

Von so viel Geschichte angeregt kam aus den Reihen der deutschen Schüler der Vorschlag, den frei zur Verfügung stehenden Donnerstag für eine Begehung des Konzentrationslagers im nahe gelegenen Auschwitz (Oswiecim) zu nutzen, was auch kurzfristig unter Mitwirkung der Schüler organisiert werden konnte.

Am Mittwoch nahmen die Gesamtschüler am Unterricht ihrer jeweiligen Partner teil und hatten so Gelegenheit, den Schulalltag in Polen näher kennen zu lernen und Vergleiche anzustellen. Zum traditionellen Lehrertag gab es anschließend Theater-Aufführungen und Sketche in der als Aula umfunktionierten Turnhalle.

Wunschgemäß verzichtete die deutsche Gruppe auf den freien Donnerstag zugunsten eines Besuchs der Gedenkstätten in Auschwitz (Oswiecim) und Birkenau (Brzezinka). Tiefe Betroffenheit und viele aufgeworfene Fragen, vor allem die Frage „Warum konnte das alles geschehen?” , führten die Schüler zu dem Beschluss, Referate und Präsentationen für den Geschichtsunterricht zu Hause vorzubereiten und die Beschäftigung mit dem Holocaust, die im schulinternen Curriculum der Waldschule ohnehin fest verankert ist, voranzubringen.

Bemerkenswert: Nach einer Schweigeminute vor der Hinrichtungsmauer gingen zwei Schüler (Simon Platau,17, und Pascal Hirt, 16) spontan auf eine Gruppe israelischer Jugendlicher zu, um gemeinsam mit ihnen vor dem Denkmal die israelische Flagge zu präsentieren.

Am Freitagmorgen arbeiteten die Austauschschüler im Computerraum der Schule, um eine zweisprachig kommentierte Photokollage zur Dokumentation des Austauschs zu erstellen, die zusammen mit den beim Kennenlernen erstellten Hobbybüchern im Foyer der Schule ausgestellt wurden. Außerdem nutzten die Schüler die Gelegenheit, sich im Internet in einem bekannten „Social Network” zu vernetzen, um auch weiterhin in Kontakt zu bleiben.

Zum Abschluss gab es noch einen kleinen Leckerbissen: Im oberschlesischen Lubowitz (Lubowice) besuchte die Gruppe den Geburtsort des romantischen Dichters Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857). Die alte Mühle in Briegnitz (Brzeznica) stand Pate für die Verse „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad” aus dem Gedicht „Das zerbrochene Ringlein”.

Allerdings zeigten die Schüler mehr Interesse an der technischen Funktionsweise der alten Wassermühle als an den alten Versen. Im noch erhaltenen englischen Park der Eichendorff´schen Schlossruine klang schließlich die Begegnungswoche am Lagerfeuer bei Stockbrot und Würstchen aus - bis in die Abenddämmerung hinein.

Am Samstag hieß es dann: Abschied nehmen. Natürlich flossen - wie gewohnt - die Tränen, sogar die Gasteltern ließen sich davon anstecken. Die meisten der diesjährigen Partnerschüler werden auch im nächsten Jahr in Eschweiler wieder zusammen sein, wenn es heißt: auf nach Europa - auf nach Straßburg.
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