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Was die Augen nicht sehen, erkennt Blindenhund Lotte

Von: Sonja Essers und Jacqueline Winkler
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23e23e Foto: Sonja Esser/ Stefan Herrmann
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Signalgeber an der Ampel Indestraße: Für Sehbehinderte ist diese Hilfe unerlässlich. Foto: Sonja Essers (2)/Stefan Herrmann

Eschweiler. Arbeiten gehen, den Haushalt schmeißen, lesen und Sport treiben – auf den ersten Blick führt Saskia Artz ein ganz normales Leben. Doch die 32-Jährige ist blind. Im Alter von drei Jahren wurde bei ihr Augenkrebs festgestellt.

Kurze Zeit später verlor sie ihr Augenlicht komplett. Sie ist eine von 256 blinden und sehbehinderten Menschen in der Inde­stadt. Dies geht aus der aktuellen Statistik des Landes hervor.

Saskia Artz arbeitet als Verwaltungsfachangestellte im Rathaus und schreibt unter anderem Protokolle für die Jugendgerichtshilfe. Da muss der Arbeitsplatz nach ihren Bedürfnissen ausgestattet sein. Auch der Computer. Dank einer Tastatur mit Blindenschrift und einem Sprachprogramm kann sie problemlos E-Mails und Texte schreiben. Sobald sie eine Nachricht erhält, wird ihr diese vom Computer vorgelesen. Ihr Büro hat die 32-Jährige selbst eingerichtet und ist darauf mächtig stolz.

An diesem Tag trägt sie eine bordeauxrote Hose und ein lilafarbenes T-Shirt. Ihre Nägel hat sie in einem leuchtenden Orange lackiert. Ihr ist es wichtig, dass ihre Kleidung zusammenpasst. Gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass die junge Frau, die Sachen, die sie trägt, nicht sehen kann. Deshalb ist für sie ihr Farbgerät besonders wichtig. Jeden Morgen hält sie dieses an ihre Kleidung und bekommt die jeweilige Farbe mitgeteilt. Ohne das Gerät sei sie aufgeschmissen. „Ich habe es einmal aus Versehen in die Waschmaschine geworfen, da habe ich angefangen zu weinen“, gibt sie zu. Auch wenn die junge Frau die Farben, die sie trägt, nicht sehen kann, so kann sie sich doch etwas unter den Begriffen vorstellen. „Ich kenne zwar nicht alle Abstufungen der Farbe blau, aber was blau ist, das weiß ich schon noch“, erklärt sie.

Farben spielen in seinem Leben keine große Rolle. Frank Kaiser (Name von der Redaktion geändert) ist zwar nicht komplett blind, jedoch nimmt er nur noch wahr, ob es hell oder dunkel ist. Vor 15 Jahren erkrankte der Rentner am Grauen Star, seitdem wurde sein Augenlicht immer schwächer. Konnte er bis vor kurzem noch Umrisse erkennen, so hat sich sein Zustand weiter verschlechtert. Das wirkt sich auch auf seinen Alltag aus. Vorsichtig tastet er sich an der Wand entlang bis er den Stuhl in der Küche erreicht.

Die meiste Zeit verbringt Kaiser in seiner Wohnung, denn dort kennt er sich aus. Seine Einkäufe erledigt er nicht mehr selbst. Seit fünf Jahren ist er auf die Dienste der Nachbarschaftshilfe angewiesen. Einmal im Monat erledigt Heinz Brocks ehrenamtlich für ihn die Besorgungen. Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Wurst und Haushaltsprodukte bringt Brocks mit. Dann verbringt Kaiser den Nachmittag damit, die Lebensmittel einzuräumen. Mittlerweile hat er sich gemerkt, welches Produkt sich in welcher Verpackung befindet. Ordnung ist besonders wichtig, alles muss auf seinem Platz liegen. Auf Hilfsmittel verzichtet der Rentner komplett, er verlässt sich lieber auf seine Sinne. „Wenn man nicht sehen kann, muss man halt gut fühlen können“, sagt er.

Ein „Terminflüsterer“

Ein Leben ohne Hilfsmittel käme für Saskia Artz nicht in Frage. Bei ihr zu Hause gibt es viele verschiedene Geräte, die ihr das Leben erleichtern. Hörbücher und Musik erklingen über das so genannte „Malmström“. Doch das Gerät hat noch eine weitere wichtige Funktion: Es kann aufnehmen. So kann die 32-Jährige Telefonnummern und Termine darauf abspeichern und bei Bedarf abspielen.

Neben ihrem großen Schreibtisch im Rathaus steht ein Körbchen für ihre treue Weggefährtin. Die achtjährige Labradorhündin Lotte begleitet Saskia Artz seit sechs Jahren und führt sie durch die Indestadt. Für das eingespielte Team sind Einkäufe und der Nachhauseweg kein Problem. „Wir verstehen uns mittlerweile auch ohne Worte“, sagt Artz. Lotte ersetze für sie ihre Augen, deshalb sei die Hündin für sie unentbehrlich. Doch nicht jeder Mensch hat dafür Verständnis. So wurde die junge Frau aufgrund des „großen Hundes“ bereits aus einem Laden verwiesen. Situationen wie diese empfindet sie als demütigend. Doch leider gehören sie zu ihrem Alltag dazu. Im Fitnessstudio sollte sie einen Aufpreis für eine Sonderbetreuung zahlen. Jetzt trainiert sie in einem anderen Unternehmen, wo die besondere Unterstützung nichts zusätzlich kostet. Zum Glück lässt sie sich von den negativen Erlebnissden nicht unterkriegen.

Ähnliche Probleme kennt auch Franz Kaiser. Doch mittlerweile hat er sich mit seinem Handicap abgefunden, auch wenn dies am Anfang gar nicht so einfach gewesen sei. Obwohl er nur noch selten das Haus verlässt, eines lässt sich der Rentner nicht nehmen: den regelmäßigen Besuch in seiner Stammkneipe. Mit dem Taxi macht er sich mehrmals in der Woche auf den Weg in die Stadt, um Bekannte zu treffen. „Sonst bleibt mir ja nicht viel, was ich machen kann“, sagt er.

Saskia Artz versucht, ihr Leben zu gestalten, als habe sie kein Handicap. Wie die meisten jungen Frauen geht sie am Wochenende gerne weg. Regelmäßig war sie Gast in Diskotheken, fuhr sogar am Wochenende nach Frankfurt, um ihren damaligen Freund zu besuchen. Vor der fremden Umgebung hatte sie keine Angst. Aber: „Ganz alleine würde ich nicht rausgehen, aber das macht ja auch keiner. Es geht ja niemand allein in die Disco“, sagt sie. Für die 32-Jährige ist Selbstständigkeit wichtig. Deshalb stört es sie enorm, wenn man sie übergeht. „Wenn ich mit meinen Eltern unterwegs bin, dann sprechen die Leute nicht mich an, sondern meine Eltern.“ So etwas verletzt sie.

Lotte ist ihr Wegweiser durch die Innenstadt. An der roten Ampel bleibt die Hündin stehen, das Leitsystem im Boden spielt für Saskia Artz dann keine Rolle. Zusätzlich piepen die Anlagen. Und woran erkennt sie geteilte Ampelphasen wie an der Indestraße? „Ich lege meine Hand auf die Signalgeber an den Ampelmasten. Dann spüre ich die Vibration“, sagt sie.

Nicht völlige Barrierefreiheit

Auf Lotte ist sie angewiesen. Deswegen empfindet sie es als unangenehm, wenn Menschen die Hündin streicheln oder sogar füttern, ohne sich bemerkbar zu machen. Es stört sie, wenn ihr Hund abrupt stehen bleibt und sie nicht weiß, was um sie herum passiert. Meistens stößt sie auf Hilfsbereitschaft. Am Bushof zum Beispiel, wenn sie sich auf die Suche nach dem richtigen Bus begibt. So ganz ohne Hilfe geht es eben nicht. Völlige Barrierefreiheit ist oft noch ein Wunschdenken.

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