Eschweiler - Vor 100 Jahren: Eschweiler will Garnisonsstadt werden

Vor 100 Jahren: Eschweiler will Garnisonsstadt werden

Von: Valerie Barsig
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Ansichten des Krieges: Oben links die Kaserne, unten links der Einzug des Bataillons 161 (auch unten rechts im Bild zu sehen) 1914. Oben rechts der Einzug der „Marokkaner“ 1919. Foto: Geschichtsverein Eschweiler
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Ansichten des Krieges: Oben links die Kaserne, unten links der Einzug des Bataillons 161 (auch unten rechts im Bild zu sehen) 1914. Oben rechts der Einzug der „Marokkaner“ 1919. Foto: Geschichtsverein Eschweiler

Eschweiler. 28. Juni 1914: Erzherzog Franz Ferdinand, Thronfolger Österreich-Ungarns und seine Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg werden in Sarajevo mit zwei Schüssen aus dem Revolver von Gavrilo Princip erschossen. Princip ist Mitglied einer serbisch-nationalistischen Bewegung. Das Attentat wird nur wenig später den Ersten Weltkrieg auslösen.

Von alledem ahnt man 1907 in Eschweiler noch nichts: In dem Jahr bitten Eschweiler Politiker das deutsche Kriegsministerium, Truppen in die Stadt zu verlegen: Man wollte Eschweiler zur Garnisonsstadt machen. „Das wollten zu der Zeit viele Städte, da Soldaten die lokale Wirtschaft ankurbelten“, erzählt Simon Küpper vom Geschichtsverein Eschweiler.

1912 ist es soweit: Die Genehmigung für den Bau einer Kaserne wird erteilt – sofern die Stadt den Bau selbst bezahlt. 1913/14 stampfen die Eschweiler in Windeseile eine Kaserne aus dem Boden, die sich sehen lassen kann: An der „Komm“ (Preyerstraße), auf dem heutigen GeTeCe-Gelände, baut man auf 6700 Quadratmetern ein Beamtenhaus, ein Unteroffizierfamilienhaus, ein Kammergebäude, zwei Mannschaftshäuser, ein Wirtschaftsgebäude, ein Exerzierhaus, eine Waffenmeisterei, ein Patronenhaus, ein Stallgebäude und ein Offizierskasino an der Ecke Gartenstraße/Parkstraße. Die Stadt lässt sich das Projekt einiges kosten: 1250000 Mark müssen in den Bau der Kaserne gesteckt werden.

Auch die ersehnten Soldaten lassen nicht lange auf sich warten: Anfang Juli 1914 werden 722 Mann des II. Bataillons Infanterie-Regiment 161 (Trier) in die Inde- stadt verlegt. Der „Bote an der Inde“ begrüßt die Soldaten begeistert: „Möge denn in den prächtigen und geräumigen Bauten unser Bataillon sich recht wohlig, recht heimisch fühlen.“ Um sich in Eschweiler zu Hause zu fühlen, bleibt dem Bataillon allerdings kaum Zeit. „Die deutsche Mobilmachung nunmehr Tatsache“, meldet der „Bote an der Inde“ am 1. August 1914. Der Beginn des Ersten Weltkrieges ist eingeläutet – auch in Eschweiler.

„An Mitternacht vom 5. auf den 6. August mussten die Soldaten wieder ausrücken“, erzählt Simon Küpper. Zum Bataillon 161 gehört Simon Küppers Vater, Theodor Küpper, zwar nicht, dennoch ist auch er einer derjenigen, die im Krieg kämpfen müssen. 1894 geboren gehört Theodor Küpper zum sogenannten „Train“.

 

Im Schützengraben verschüttet

 

„Er war also für den Transport von Proviant, Munition oder Verbandsmaterial zuständig“, erklärt Sohn Simon Küpper. Mit drei Kameraden wird Theodor Küpper nach einer Bombenexplosion in einem Schützengraben verschüttet.

„Die Detonation war so stark, dass die ganze Erde in den Graben rutschte“, erzählt Simon Küpper aus den Berichten seines Vaters. Theodor hat Glück gehabt: Er wird freigegraben und kann nach weiteren Einsätzen in Frankreich und Mazedonien wieder nach Hause zurückkehren. „Das Erlebnis im Schützengraben hat meinen Vater nie losgelassen“, sagt Simon Küpper. 622 Eschweiler Männer überleben den Ersten Weltkrieg nicht. 40 weitere werden für tot erklärt, weil sie nie von der Front zurückkehren. Die Zahlen beziehen sich auf die Indestadt in ihrer damaligen Größe. Dürwiß, Weisweiler, Nothberg, Hastenrath, Lohn, Kinzweiler, Hehlrath und St. Jöris gehörten zur damaligen Zeit nicht zu Eschweiler, dafür aber Donnerberg und Steinfurt, die heute Teil von Stolberg sind. Von 26000 Eschweilern werden 3500 Männer zum Kriegsdienst eingezogen.

Die Indestädter betrachten den Kriegsbeginn mit Sorge, schließlich werden Väter und Söhne an die Front geschickt. Obwohl auch in Eschweiler kein Schuss fällt, hat die Bevölkerung mit Kriegsfolgen zu kämpfen: „Bis Ende 1914 wurden mehr als die Hälfte aller Pferde eingezogen“, sagt Simon Küpper. Als Folge können Bauern die Ernte nicht einfahren. Schüler müssen auf den Feldern mithelfen, später russische und französische Gefangene. „Außerdem wurde während des Krieges alles rationiert.“

Wie nahe die Front Eschweiler dennoch war, davon zeugen die Erinnerungen Martin Birkens, der zum Kriegsbeginn neun Jahre alt ist. Bevor er 1985 stirbt, hält er die Erlebnisse der damaligen Zeit für die Schriftenreihe des Eschweiler Geschichtsvereins fest.

 

Donnerhall aus Lüttich

 

„Eines Abends ... trug der Westwind den dumpfen Schall einer mächtigen Detonation herüber, so daß die Fensterscheiben leise klirrten. Die sich wiederholenden dumpfen Schläge waren die ersten Kampfgeräusche, die wir bis Eschweiler hörten. Sie drangen von Belgien herüber, von der Beschießung Lüttichs.“

1918 ziehen belgische Besatzungstruppen in die Stadt ein. Margret Corsten, 1918 sechs Jahre alt, erinnert sich in der Schriftenreihe des Geschichtsvereins an den Einzug der Besatzer: „Alle Geschäfte ... waren geschlossen, alle Türen, alle Rollläden, alle Fensterläden fest zu. Wir sahen durch die Ritzen der Rolläden dem Geschehen draußen zu. Es war gespenstisch, wie die Soldaten in den fremden Uniformen ... durch die menschenleere Straße marschierten.“ Später kommen Franzosen, Engländer, und 1919 auch die sogenannten „Marokkaner“. Der von den Eschweilern verwendete Name trifft nicht zu, denn die Männer kommen aus Algerien. Ihre Besatzungszeit geht einher mit Diebstählen, Vergewaltigungen und Misshandlungen.

Eschweiler ist die einzige Stadt im Kreis Aachen, die über elf Jahre lang ununterbrochen Besatzungstruppen aufnehmen muss. Am 1. Dezember 1929 findet deshalb in der Indestadt die Zentrale Befreiungsfeier des Rheinlandes statt.

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