Eschweiler - „Vom Blödmann zum Doofkopp”

„Vom Blödmann zum Doofkopp”

Von: sh
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So böse kann Humor sein: Bei Heinrich Pachl bekommt die gesamte Politik-Prominenz ihr Fett weg. Foto: Stefan Herrmann

Eschweiler. Zwischen letztem Blues-meets-Rock-Auftritt vor der Winterpause und dem Besuch des markantesten Comedy-Kinns Deutschlands alias Maddin konnte der Talbahnhof mit einem wahren kabarettistischen Leckerbissen aufwarten: Heinrich Pachl ist ein gern gesehener Stammgast im Kulturzentrum.

Warum das so ist, bewies er über weite Strecken eindrucksvoll mit seinem neuen Programm „Die Spur der Scheine”.

Es ist eine wahrhaft schöne Zeit für politische Kabarettisten: Die Wirtschaftskrise lädt zum Zynismus ein, Untote aus der Kohl-Ära trugen im Herbst die große Koalition zu Grabe und verkaufen sich nun als Frischzellenkur für die Republik, und Finanzhaie vom Schlage eines Ackermanns arbeiten ungeachtet der vergangenen zwölf Monate vehement daran, nicht als Menschen mit Mitgefühl erkannt zu werden. Für Typen wie Heinrich Pachl ein gefundenes Fressen.

Der Kölner begeisterte bei seinem Auftritt in Eschweiler vor allem mit Aktualität. Kein stures Programm, keine starre Witze-Abfolge -Êwer Pachl besucht, sollte die Nachrichtenlage der Nation kennen. Erfüllt der Besucher dieses Kriterium - und davon konnte man bei den 30-Pachl-Fans im Talbahnhof ausgehen -, dann erhält er exklusiv den Blick auf die Wahrheit durch den Pachl´chen Spiegel.

Den neuen Chefdiplomaten der BRD hat er schnell als den Wellengenerator der Regierung ausgemacht. „Die Westerwelle entsteht durch Schwafel. Sie schwappt auf engstem Raum, also geistig gesehen. Immer hin und her: schwapp-schwupp.” Im Fahrwasser ziehe diese „Phrasendreschmaschine”, so Pachl, einige neue liberale Politikmatrosen mit, so wie den jungen Gesundheitsminister. Doch Vorsicht! „Bei Rößler müssen Sie aufpassen, das ist ein echtes Schlitzohr.” Hier ist der Träger des Deutschen Kabarettpreises 2006 unwiderstehlich. Politisch immer auf der Höhe, mit einer Wortdichte, einem geschliffenen Witz gesegnet, der seinesgleichen sucht.

In Windeseile jagt er durch Deutschlands Polit-Prominenz, Pachl zeichnet Franz-Josef Jungs „Karriere vom Blödmann zum Doofkopp” nach, zeigt historisch (fast) korrekt, wie der dem Ur-Adel entstammende Karl-Theodor zu Guttenberg vom Raubritter über den (Wirtschafts-)Glücksritter zum Kreuzritter im Verteidigungsministerium wurde, und landet schließlich bei dem Thema überhaupt: der Wirtschaftskrise.

Geistreiche Exkurse

Wenngleich immer brillant vorgetragen, zünden seine geistreichen wie humorvollen Exkurse in das Reich des Turbo-Kapitalismus nicht mit gleicher Schlagzahl wie zuvor seine kabarettistischen Tänze auf dem politischen Parkett. Das Niveau bleibt ungeachtet hoch: Er deckt eindrucksvoll das perfekte Verbrechen der „Bankster” aus den Geldtürmen am Main auf. Aber auch Helden habe diese nie da gewesene Krise hervorgebracht, den ehemaligen Finanzminister Peer Steinbrück zum Beispiel. „Wenn der sprach, dann hörte ich Möhrchen knacken”, würdigte Pachl die „charismatische Mischung aus Frettchen und Kampfkaninchen” des SPD-Politikers.

Überhaupt die Sozialdemokratie. Sie hat es Heinrich Pachl besonders angetan. Bei ihm in Köln-Nippes sei die SPD lediglich die Abkürzung für „Suffe, poppe, danze”. Ein wahrer Klüngel-Verein, wie er in der Rheinmetropole nicht schöner zelebriert werden könnte. Ganz nach dem Motto: „Es geht nicht um die Lösung, die stimmt, sondern um die Stimmung, die löst.” Pachl betet die Linke-Litanei, deckt die wahren Ängste eines von gefühlter Armut bedrohten Milliardärs schonungslos auf und dreht eine letzte Runde mit auf dem SPD-Vorsitzenden-Karussell.

Eine schaurig-schönere gesellschaftliche Götterdämmerung, einen besseren kabarettistischen Schwanengesang als Pachls letzte halbe Stunde im Talbahnhof kann man kaum präsentieren. Es quietscht und ächzt - sprichwörtlich und rhetorisch - wenn Pachl auf der Bühne hin und her wippt. Was am Ende bleibt, ist ein präsidialer Köhler-Glaube, ein Schlussgebet für die Märtyrer dieser Zeit und die Erkenntnis: ein Abend mit Heinrich Pachl kann so schmerzhaft schön sein.
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